Fußball

Bayern terminiert Trainer-Urteil Ein "Hansi-Hype" begründet noch keine Ära

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Spätestens zwei Tage vor Heiligabend wird Hansi Flick wissen, wie es für ihn als Trainer des FC Bayern weitergeht.

(Foto: imago images/Sven Simon)

Ein Champions-League-Rekord soll beim FC Bayern im Jahresendspurt die Trendwende einleiten. Die wäre nicht nur gut für die Stimmung, sondern auch für Trainer Hansi Flick. Allerdings ist bei Gegner Tottenham nichts mehr so, wie es beim letzten Treffen noch war.

Spätestens am 22. Dezember weiß Hansi Flick, wie seine Zukunft beim FC Bayern aussieht. Spätestens an diesem Tag, es ist ein Sonntag, wird die Entscheidung in der Trainerfrage fallen. Das verkündet Klub-Boss Karl-Heinz Rummenigge über die "Sport Bild". Vier Spiele stehen bis dahin noch auf dem Schichtplan der Münchener. Eines in der Champions League am Abend gegen Tottenham Hotspur (ab 21 Uhr im Liveticker bei ntv.de) und drei im Brot-und-Butter-Wettbewerb Fußball-Bundesliga. In dem gab's zuletzt zwei knappe 1:2-Niederlagen trotz guter Leistungen. Und die schallerten dem FC Bayern den "Hansi"-Hype links und rechts um die Ohren. Anstelle der Euphorie nistet sich Enttäuschung ein. Ein bisschen Entrüstung gar.

Es ist eine gefährliche atmosphärische Delle. Denn sie wirkt überraschend wuchtig. In der Königsklasse läuft zwar alles prächtig - am Abend winkt dem Team ein "deutscher Rekord" von sechs gewonnenen Spielen in der Gruppenphase (das wären also alle) - im Pokal ist das Achtelfinale erreicht, aber in der Liga, da ist der Rückstand auf Tabellenführer Borussia Mönchengladbach (gegen den gab's eine der beiden Niederlagen) auf bereits sieben Zähler angewachsen. Und dass dieser Abstand eventuell ein bisschen zu groß ist, um auch die achte Meisterschaft in Serie abzugreifen, das schwant nicht nur Nationalspieler Joshua Kimmich, der seine Kollegen dringend ermahnte, die Situation zu begreifen.

FC Bayern - Tottenham, 21 Uhr

FC Bayern: Neuer - Pavard, Martinez, Alaba, Davies - Kimmich, Goretzka - Gnabry, Müller, Coman - Lewandowski; Trainer: Flick.
Tottenham: Gazzaniga - Walker-Peters, Foyth, Vertonghen, Davies - Sissoko, Dier, Lo Celso - Alli, Skipp - Parrott; Trainer: Mourinho.
Schiedsrichter: Gianluca Rocci (Italien)

Tatsächlich stehen nach 14 Spieltagen sechs Vereine (!) vor dem FC Bayern. Die sind zwar nicht alle gleich stark ambitioniert, aber mit Borussia Dortmund, den beeindruckend starken Leipzigern und Gladbach gibt's immerhin drei Vertreter, die augenscheinlich das Potenzial haben, etwas Größeres zu erreichen als Platz zwei. Neun von neun Ligapunkten in den übrigen Hinrundenspielen forderte Klub-Legende Thomas Müller am vergangenen Wochenende, damit es nicht "schattig" wird in der Tabelle. In München reden sie nun wie Menschen, die sich gegen eine Krise wehren. Obwohl sie den Status Krise vehement ablehnen. Und es ist schon kurios, wenn da nun in Vorbereitung auf das Treffen mit Tottenham Worte wie "Initialzündung" fallen, wie "Selbstvertrauen" und "Erfolgserlebnis".

Bei Tottenham ist nun alles anders

Denn noch vor elf Tagen bereiteten sie sich beim FC Bayern auf das Szenario "glorreiche Zukunft" vor. Und zwar mit Hansi Flick. Über den klubheiligen Josef (Anmerk. d. Red.: Jupp Heynckes) erfuhr die Welt, dass der Trainer mit dem ungeklärten Interims-Chef-Status ein "Juwel" sei. Ein Mann für eine neue Epoche gar. Nach den erfolgreichen (in Titeln gemessenen) Missverständnissen mit Carlo Ancelotti und Niko Kovac waren das Worte wie eine Wundheilsalbe. Die Worte, sie waren aber auch stabil unterfüttert: Flick hatte für den besten Start eines Bayern-Trainers gesorgt. Aus vier Spielen gab's vier Siege und 16:0 Tore. Dabei rauschten die Fußballer phasenweise über ihre Gegner hinweg, dass es miasanmia nur so krachte, blitzte und donnerte. Rummenigge schwärmte vom Spaß, den diese Mannschaft mache. Er bat aber auch darum, bald wieder Liga-Erster zu sein. Aktuell eher kompliziert.

Mit den Hotspur kommt's nun zum Wiedersehen. Und so ein Wiedersehen macht ja bekanntermaßen Freude. Erst recht, wenn die erste Zusammenkunft für wohligste Sternstunden-Gefühle sorgte. Oder auch nicht? Nun, bei Tottenham ist zumindest mal alles ganz anders, als noch am 1. Oktober, als die Bayern in einem gleichermaßen furiosen wie kuriosen Spiel mit 7:2 gewonnen haben. Trainer Mauricio Pochettino ist weg, José Mourinho dafür gekommen. Die Abwehr steht immer stabiler, der Angriff um Harry Kane, um Heung-Min Son und den wiedererstarkten Dele Alli rollt wieder. Aber womöglich ist das egal, denn Mourinho möchte mehrere Spieler schonen. Beide Mannschaften sind schon für das Achtelfinale qualifiziert. Und auch die Positionen eins (Bayern) und zwei (Tottenham) sind klar.

So oder so haben die Bayern andere Probleme. Die eigenen nämlich. Neben gewaltigen Tempo-Defiziten und unnötigen Aussetzern der personell geschrumpften Defensive, gegen Mönchengladbach verursachte Javi Martinez kurz vor Schluss ohne Not einen Elfmeter der zur Niederlage führte, ist da vor allem das irrsinnige Chancen-Rätsel. Aus den letzten 41 Torschüssen resultierten bloß zwei Treffer. Ein jämmerlicher Ertrag. "Jeder ist gefragt, sich einzubringen, und dann eventuell auch Tore zu schießen", sagt Flick nun. Mit Blick auf die kolossale Abhängigkeit von Robert Lewandowski ist das eine herzliche Einladung sich weniger ausrechenbar zu machen. Und es ist auch eine herzliche Einladung, wieder mehr für den Trainer zu werben. Der sagt zwar: "Es sind noch vier Spiele zu spielen, es ist alles möglich. Die vier Spiele, die wir gewonnen haben, bin ich auch nicht ausgeflippt oder habe zu arg gejubelt."

Das allerdings würde er spätestens am 22. Dezember sicher gerne ändern.

Quelle: ntv.de