Fußball

"Ich bin süchtig nach Toren" Der gierigste Lewandowski, den es je gab

Was für ein grandioser Auftritt von Robert Lewandowski! Der unersättliche Stürmer des FC Bayern erzielt beim Kantersieg der Münchener vier Tore innerhalb einer knappen Viertelstunde. So schnell war noch kein Torjäger in der Königsklasse. Für die Bayern wird er immer unersetzlicher.

Womöglich ist das Stadion Rajko Mitic nicht der richtige Ort, um die Frage zu beantworten, ob Robert Lewandowski der beste Stürmer der Welt ist. Und dennoch ist das Stadion Rajko Mitic der Ort, an dem diese Frage zu beantworten ist. Mit dem schnellsten Viererpack in der Geschichte der Champions League - 14 Minuten und 31 Sekunden hat's gedauert - hat der Angreifer des FC Bayern dort am Dienstagabend (mal wieder) eine beeindruckende Bewerbung vorgelegt, die im internationalen Fußball-Assessment-Center konkurrenzlos ist. Weder Harry Kane, den sie in Tottenham ja gerne als den besten Stürmer der Welt sehen, noch Kylian Mbappé, das womöglich bald 400-Millionen-Euro-Baby von Paris St. Germain (oder Real Madrid), reichen derzeit an Lewandowski heran.

Mit 6:0 hat der FC Bayern im Stadion Rajko Mitic gewonnen. Gegen Roter Stern Belgrad. Für das serbische Spitzenteam war es die höchste Heimniederlage aller Zeiten (!). Und zugleich eine der schmerzhaftesten Ohrfeigen der jüngeren Vereinsgeschichte. Nicht das Fitzelchen einer Chance hatte die Mannschaft des deutschen Kapitäns Marko Marin gegen die Münchener. "Der Auftritt tut schon weh", gestand der 30-Jährige. "Die Bayern sind nicht auf unserem Niveau." Mit all ihrer neuen Wucht rollte die auferstandene "bestia negra" über Belgrad hinweg. Aggressiv im Gegenpressing, unersättlich vor dem Tor. Bereits nach 14 Minuten hatte Leon Goretzka per Kopf getroffen, ehe kurz nach der Pause die sensationelle Show von Lewandowski begann: Elfmeter zum 2:0 (53.), Abstauber zum 3:0 (60.), Kopfball zum 4:0 (64.) und ein ganz abgezockter Abschluss zum 5:0 (67.). Das letzte Tor steuerte Weltmeister Corentin Tolisso (89.) bei.

Belgrad - München 0:6 (0:1)

Tore: 0:1 Goretzka (14.), 0:2 Lewandowski (53., Handelfmeter), 0:3 Lewandowski (60.), 0:4 Lewandowski (64.), 0:5 Lewandowski (67.), 0:6 Tolisso (89.)
Roter Stern Belgrad: Borjan - Gobeljic, Degenek, Milunovic, Rodic - Canas (61. Vulic), Petrovic (76. Ivanic) - Vukanovic, Marin, Garcia (69. Pankov) - Boakye. - Trainer: Milojevic FC Bayern München: Neuer - Pavard, Martinez (68. Kimmich), Jerome Boateng, Davies - Thiago, Goretzka - Tolisso, Coutinho (61. Perisic), Coman - Lewandowski (77. Thomas Müller). - Trainer: Flick
Schiedsrichter: Björn Kuipers (Niederlande)
Zuschauer: 50.000 im Marakana

Der letzte Biss der Bestie, die zwar nicht in schwarz aufspielte, dafür aber in collegiate navy (ja, so heißt die Farbe tatsächlich), war das Tüpfelchen auf einer guten Leistung des Franzosen. Es würde sich durchaus lohnen, seine Geschichte zu erzählen. Die vom traurigen Reservisten, der sich bescheiden und hartnäckig wieder als Alternative anbietet. Es würde sich auch lohnen, die über Leon Goretzka zu plaudern, der sich im Verein und in der Nationalmannschaft immer unverzichtbarer macht - mit seiner Dynamik, mit seinen Toren, mit seiner Meinungsstärke. Auch über Thiago gäbe es viel zu erzählen. Erstmals schob ihn Hansi Flick, der Trainer mit dem Interimsstatus, in die Startelf. Und dort war der Spanier mit der Hand zum Laissez-faire direkt der prägende Dirigent.

Rummenigge schwärmt, ... vom Team

Aber all diese schönen Geschichten werden von der Lewandowski-Story aufgesaugt. Die aber erzählen sie sich in München überraschend leise. Bankett-Laudator Karl-Heinz Rummenigge schwärmte zu sehr später (oder sehr früher) Stunde von dem "fantastischen Spiel" und der "ungeheuerlichen Serie". Er mochte auch Flick loben. Und zwar dafür, dass nicht nur die Ergebnisse stimmen, sondern dass die Mannschaft wieder richtig Spaß mache. Dann warnte er noch vor zu viel Euphorie und bat darum, dass man bis Weihnachten wieder an der Spitze des Baumes (Anmerk. d. Red.: die Tabelle) stehen und nach unten schauen solle. Zu Lewandowski sagte er in seiner Rede nichts. Ein paar Worte zum Stürmer fand derweil Flick. "Bei Lewi ist es wirklich so, dass er wahnsinnig professionell arbeitet." Eine Erkenntnis, die uns seine Frau schon vor der Gala in Belgrad verraten hatte. Sei's drum. Flick sagte ja auch noch: "Ein Torjäger wird an den Toren gemessen und da ist er aktuell auf einem sehr hohen Niveau." Süchtig danach sei er, schrieb Lewandowski bei Instagram. Man glaubt es ihm.

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In fünf Königsklassen-Partien hat er nun zehn Treffer erzielt (insgesamt bereits 63). Ein weiteres, ein sehr schönes, zählte nicht (41.). Vorbereiter Tolisso hatte bei der Ablage die Hand am Ball. So steht er in den 20 Pflichtspielen in dieser Saison bei 27 Toren. Eine herausragende Quote. In lediglich drei Partien ging er leer aus: Beim Supercup gegen den BVB (0:2), bei der Pokal-Fast-Blamage in Bochum (2:1) und zuletzt in der Liga gegen Fortuna Düsseldorf (4:0). Gegen die Rheinländer hat der Pole tatsächlich noch nie getroffen. Kaum vorstellbar. Kaum vorstellbar ist auch, was passiert, wenn der 31-Jährige mal ausfällt. Absolut unersetzlich ist er. Vielleicht so unersetzlich wie nie zuvor. Klar, Thomas Müller könnte in der Spitze spielen, auch wenn er das lange nicht gemacht hat. Serge Gnabry kann das und macht das regelmäßig in der Nationalelf. Und sogar bei Ivan Perisic läuft das Mittelstürmer-Habitat als noch kleine Nebenposition. Aber der FC Bayern ohne Lewandowski, das ist eine andere Mannschaft.

Die Sehnsucht nach dem Henkelpott

Und so schrecken sie durchaus immer hoch, wenn ihre wichtigste Figur mal länger auf dem Boden liegen bleibt. So wie nach sechs Minuten, als er von Nemanja Milunovic im Luftduell wuchtig abgeräumt wurde. Wie schmerzhaft seine Abwesenheit sein kann, das haben die Münchener am 12. April 2017 erlebt, als er im Viertelfinal-Hinspiel der Champions League gegen Real Madrid (1:2) fehlte. Und mit ihm die Wucht im Angriff. Das Rückspiel wurde dann übrigens zum großen Drama - mit einem Treffer von Lewandowski, aber eben auch dreien von Cristiano Ronaldo. Es war die nächste Enttäuschung für den Polen, der schon so viele Titel gewonnen hat, 17 nämlich (hinzu kommen zahlreiche individuelle Auszeichnungen), dessen Sehnsucht nach dem wichtigsten aber ungestillt ist: ein Triumph in der Königsklasse. Endlich mal die Hand am Henkelpott. Das wär's. Dafür tut er alles. Stellt sogar sein einst großes Ego zurück.

"Das Wichtigste ist", so befand Lewandowski, "dass wir stark gespielt haben. Defensiv wie offensiv. Wir haben Spaß. Egal wer spielt, wir folgen unserem Plan", sagte er bei Sky: "Ich freue mich auch, wenn wir gewinnen und ich nicht treffe." Eine Seltenheit. Aber keine Unmöglichkeit. Nach sieben Minute senste er gegen Belgrad einen Ball aus bester Position, allerdings auch leicht bedrängt, so weit neben den Pfosten, dass der Sky-Kommentator rief: "Da war noch jemand dran." Nee, war niemand. Unglaublich. Tatsächlich. Passiert den Besten. Dem Besten?

Quelle: n-tv.de