Fußball

Die Lehren des 14. Spieltags Der FC Bayern schiebt schon Meister-Panik

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Thomas Müller wünscht sich noch neun Punkte bis Weihnachten, sonst "wird's schattig".

(Foto: imago images/MIS)

Klar, der FC Bayern möchte wieder Deutscher Meister werden. Weil das mit einer konstanten Form der Münchner in dieser Saison aber eher schwierig ist, wagen sich immer mehr Klubs aus der Titel-Deckung. Es bricht sogar ein regelrechter Hype aus.

1. Plötzlich hat der FC Bayern ein Tor-Problem

Das Fünf-Euro-Scheinchen steckt bereits im Phrasenschweinchen. Was für ein herrlich lyrischer Einstieg in die eigentlich größte Tragödie des 14. Spieltags der Fußball-Bundesliga. Die überraschend unkomplizierte Finanz-Transaktion war gefällig geworden, weil wir uns der Floskel bedient hatten, dass in diesem Sport ja so oft Kleinigkeiten entscheiden. Bislang war das ja ein Maß ohne näher definierten Rahmen. Seit diesem Samstagnachmittag ist die Fußball-Wissenschaft aber um eine wichtige Erkenntnis reicher. Eine Kleinigkeit ist irgendwas zwischen eins und sechs Millimetern. So viel - oder so wenig - hat dem FC Bayern nämlich gefehlt, um nun nicht Tabellendritter, sondern nur Tabellensiebter zu sein. So schlecht stand der Klub zu diesem Saison-Zeitpunkt seit Einführung der Drei-Punkte-Regel 1995 noch nie da. Maßgeblich verantwortlich für diese elementare Schieflage im Oberhaus sind die beiden Mönchengladbacher Yann Sommer und Ramy Bensebaini. Sommer brachte den Mittelfinger seiner linken Hand zu einer so gewaltigen Ausdehnung, dass er den vollständigen Einkuller (Einschlag wäre ein zu großes Wort) des Balls ins Borussia-Gehäuse gerade noch stoppte. Und Bensebaini traf beim 2:1 doppelt. Bedeutet: Er erzielte alle Tore der Gladbacher.

Alle Tore für den FC Bayern erzielte Ivan Perisic. Und damit ist dann der Kern der bayrischen Tragödie erreicht. Denn wenn allerhand gewaltige Chance vergeben werden, dann gewinnen selbst die Münchner keine Spiele (das nächste Scheinchen flattert ins Schweinchen). Mia san mia hat in den vergangenen beiden Partien eine erstaunliche Resistenz gegen den Abschluss-Wucher entwickelt. Aus 41 Schüssen entsprangen zwei Tore. Das ist arg kümmerlich. Während Trainer Hansi Flick ein bisschen die "Entschlossenheit" vermisste und deswegen "sehr, sehr unzufrieden" war, sah Joshua Kimmich schon ein Problem mit dem großen Ganzen. Mit der Tabelle nämlich. So ahnt er, dass eine Aufholjagd wie in der vergangenen Saison nun deutlich schwerer wird. "Es steht nicht nur Gladbach vor uns, sondern noch ein paar Mannschaften. Und wer es jetzt noch immer nicht begriffen hat und glaubt, das wird schon wie die letzte Saison, der ist fehl am Platz", sagte Kimmich, der gestand, dass er angesichts der Doppelpleite gerade "durchdrehen" könnte. Thomas Müller gehört derweil zu den Unverdächtigen, denn er weiß, wie es läuft: "Wir haben in der Bundesliga bis zur Winterpause noch neun Punkte zu holen. Sonst schaut es schattig aus."

2. Der FC Bayern hat auch ein Gegentorproblem

Beim letzten Triple-Gewinn des FC Bayern galt der Spanier Javi Martinez noch als die größte Wucht. Von diesem Renommee hat der 31-Jährige mittlerweile viel eingebüßt, auch wenn ihn seine Mini-Renaissance unter Flick zuletzt wieder interessant gemacht hatte. Aber grundsätzlich schadet es ja nichts, das Thema Wucht nochmal auf die Agenda zu haben. Dass das nun ein wenig zu wuchtig gerät, ist die zweite große Tragödie in der Münchener Spieltags-Erzählung. Eingewechselt für Jérôme Boateng senste er erst Lars Stindl um. Dafür gab es Gelb und Freistoß. Und dann, kurz vor Spielende, flexte er Marcus Thuram von den Beinen. Dafür gab's Gelb-Rot und Elfmeter (und das Tor und die Entscheidung). So unnötig die Grätsche war, so unnötig weit waren die Bayern zuvor aufgerückt. Eine krasse Parallele übrigens zum Spiel gegen Leverkusen. Absicherung? Aufgegeben. Auch beim ersten Gegentreffer wirkten die Münchener seltsam unaufgeräumt. Trotz eines wuchtigen roten Knäuels im eigenen Strafraum konnte Bensebaini unbedrängt einköpfen. Nach 16:0 Toren aus den ersten vier Spielen unter Flick stehen nun nach den Top-Duellen mit Borussia und Bayer zwei Treffer vier Gegentreffern gegenüber. Nun, was ist da los? "Das Selbstverständnis hat gefehlt. Wir machen das 1:0 und hätten so weiterspielen müssen. Wir hätten nicht abwarten dürfen. Das Ergebnis über die Zeit bringen, das bringt nichts bei unserem Fußball", analysierte Manuel Neuer nun. Das klingt irgendwie, nunja, ziemlich erschütternd.

3. Borussia Dortmund erklärt Krise für beendet

In München reden sie ja noch nicht über eine Krise. Zwei Niederlagen trotz guter bis sehr guter Leistungen sind ja auch bestensfalls eine Ergebniskrise. Und überhaupt hat die Krise ja eigentlich gar keine Zeit, sich in München anzusiedeln. Zu florierend ist doch das Geschäft in Dortmund. Beim BVB wirkt die Krise. Bei Marco Reus wirkt die Krise. Ein bisschen wirkt sie auch bei Julian Brandt. Und manchmal auch bei Jadon Sancho. Das galt einmal! Denn spätestens am Samstag hat Borussias Malocher-SEK im schwarzen Sondertrikot die Krise zerschlagen. Unter dem Kommando von Kapitän Reus rauschten sich die Dortmunder gegen Fortuna Düsseldorf (5:0) immer weiter weg von ihren bisweilen rätselhaften Auftritten der jüngeren Vergangenheit. Zauberhafte Kombinationen, sehenswerte Tore und ganz viel Bereitschaft - so ging die krampfhafte Suche der Dortmunder nach mehr Spielkultur zu Ende. "Heute hat man gesehen, was in uns steckt. Wir haben alle vor Spielfreude gestrotzt", sagte Julian Brandt. Der Lohn: Tabellenplatz drei. Dort, wo der FC Bayern so gerne gewesen wären. Ein nächster borussierter Fingerzeig an die Liga?

4. In der Liga bricht der Meister-Hype aus

Klar, der FC Bayern will Deutscher Meister werden. Das müssen die Münchner nicht extra betonen. Nur das Gegenteil wäre eine Meldung. Als durchaus spannende Nachricht war im Sommer aber aufgefasst worden, dass Borussia Dortmund aktiv Ansprüche auf die Meisterschale hat, die ja seit Jahren sieben Jahren fest in der Hand des Rekordmeisters ist. Das war schon ein bisschen ein Affront. Und dieser So-ein-bisschen-Affront bricht nun zu einem regelrechten Hype aus. Sogar in Leipzig und Mönchengladbach reden sie plötzlich von der Meisterschaft. So sagt RB-Coach Julian Nagelsmann: "Wir wollen unter die ersten vier kommen, das impliziert auch die Meisterschaft. Wenn wir die meisten Spiele gewinnen, sind wir vielleicht nicht nur unter den ersten vier, sondern am Ende auch ganz oben." Damit hat er vermutlich genauso recht wie Borussias Trainer Marco Rose mit seiner Wahrnehmungsvorschlag: "Jeder hat gesehen, wo wir hinwollen." In München erkennen sie über Hasan Salihamdizic jedenfalls an: "Das ist momentan die Benchmark." Karl-Heinz Rummenigge hätte das nicht schöner sagen können.

5. Streich will Bayern-Eintrag in Freiburg-Chronik

Apropos Meisterschaftskandidaten. Zu eben jenen würde sich Christian Streich nie zählen. Der Trainer des SC Freiburg hat allerdings einen anderen amüsanten Aspekt des ungeahnten Höhenflugs seiner Breisgauer parat. "Für die Jahrhundertbücher beim SC Freiburg können wir dann mal reinschreiben, dass wir einmal am 14. Spieltag mehr Punkte hatten als die Bayern", sagt er nach seinem 300. Pflichtspiel an der Seitenlinie: "Ist auch lustig." Mit bereits sieben Siegen, davon zuletzt gegen den VfL Wolfsburg (1:0), steht Streichs Klub an Platz fünf der Tabelle und wäre damit für die Europa League qualifiziert. Da klingt es doch ein bisschen niedlich, wenn Siegtorschütze Jonathan Schmid sagt: "Für uns gilt nach wie vor, dass wir so früh wie möglich den Klassenerhalt schaffen wollen." Aber das ist nun mal der SC Freiburg.

6. Klinsmann impft den Herthanern seinen Glauben ein

"Für uns ist das ein großer Schritt nach vorne", sagt Jürgen Klinsmann über das Spiel gegen Eintracht Frankfurt. Das Duell endete 2:2: Macht für Klinsmanns Klub Hertha BSC einen Punkt mehr und einen Platz besser in der Tabelle. Ein "großer Schritt" sieht eigentlich anders aus. Aber der Neu-Coach hat offenbar eine völlig andere Sichtweise auf den "Big City Club", wie er mit Aussagen immer wieder bestätigt. Da wagt er schon mal den Vergleich mit dem FC Liverpool und dem FC Barcelona. Die Zukunft des Hauptstadtklubs klingt - wenn es nach ihm und Investor Lars Windhorst geht - glänzend. Zu gut, um derzeit - wie gesagt, Tabellen-15. - daran zu glauben.

Vielleicht ist es aber auch sein grenzenloser Optimismus, der ihn zu derlei Aussagen verleitet. Der Punktgewinn in Frankfurt war schließlich ziemlich glücklich - das Spiel hätte auch mit einem Sieg für die Gastgeber enden können. Die Statistik spricht klar für die Hessen. Doch womöglich hat der Optimist Klinsmann dazu beigetragen, dass seinen Herthanern das Glück hold ist. Eine positive Grundeinstellung soll ja Wunder wirken. Die versucht er nun seinen Spielern einzuimpfen - die er übrigens erst einmal richtig kennenlernen muss. So will er als Nächstes "Stärken und Schwächen" anschauen, sagt Klinsmann. Einen hat er schon auf seine Seite gezogen, Torschütze Marko Grujic: "Auch ein Punkt kann gut für das Selbstvertrauen sein. Was der neue Trainer bisher bewirkt hat, konnte man über weite Strecke sehen, aber vermutlich wird es erst im Januar richtig deutlich." Nun, am kommenden 15. Spieltag ist eindeutig noch Dezember, dennoch erwartet Klinsmann da schon das nächste Wunder: Dann ist der SC Freiburg zu Gast im Olympiastadion. Das Team von Christian Streich ist bekanntlich Tabellenfünfter. Aber der Optimist Klinsmann sagt: "Jetzt holen wir halt am nächsten Wochenende drei Punkte." Wunder gibt es immer wieder.

Quelle: ntv.de