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Das Pokal-Finale im Schnellcheck Leipzigs Flügel verhindern nicht Bayerns Double

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Der Schlusspunkt: Robert Lewandowski macht sein zweites Tor des Abends.

(Foto: imago images / Andreas Gora)

RB Leipzig liefert dem FC Bayern München ein hochklassiges Pokalendspiel auf Augenhöhe, muss Berlin aber mit hängenden Köpfen verlassen. Verantwortlich für den Sieg des Rekordpokalsiegers: Ein überragender Manuel Neuer, ein historischer Robert Lewandowski und ein Lernprozess in einem spannenden Jahr.

Was ist im Olympiastadion in Berlin passiert?

Der FC Bayern holt das zwölfte Double seiner titelreichen Vereinsgeschichte - und das verdient nach einem tollen Pokalfinale auf Augenhöhe. Denn wie Bundestrainer Joachim Löw vor dem Spiel in der ARD vermutete, konnte "Leipzig den Bayern sicher auch weh tun". Das tat die Mannschaft von Ralf Rangnick, die oft in Hochgeschwindigkeit auf das Innenverteidigungsbollwerk aus Niklas Süle und Mats Hummels zurannten. Die wiederum bollwerkten nicht nur überaus erfolgreich, sondern bisweilen ungekannt elegant. Ein Spiel für Helden, für Türme in der Schlacht, die sich selbst mit geliehenen Flügeln nicht überwinden ließen. Und wenn sich ein Rasenballsportler doch mal durchbullerte, stand da Manuel Neuer.

Hier geht es zum Spielbericht.

Teams & Tore

RB Leipzig: Gulacsi - Klostermann, Konate, Orban, Halstenberg -  Adams, Kampl - Sabitzer, Forsberg - Poulsen, Werner - Trainer: Rangnick
FC Bayern München: Neuer - Kimmich, Süle, Hummels, Alaba - Thiago, Martinez - Gnabry, Müller, Coman - Lewandowski - Trainer: Kovac
Schiedsrichter: Tobias Stieler (Hamburg)
Tore: 0:1 Lewandowski (29.), 0:2 Coman (78.), 0:3 Lewandowski (85.)
Gelbe Karten: Upamecano - Lewandowski
Zuschauer:
75.000 (ausverkauft)

Das Pokal-Finale im Spielfilm:

11. Minute: Es sei ein bisschen ungerecht, dass Sven Ulreich das Bayern-Tor pünktlich zum Pokalfinale zugunsten von Manuel Neuer wieder räumen muss, sagten nicht wenige. Ein Risiko könnte es sein, den Keeper nach sechs Wochen Pause und fünf verpassten Pflichtspielen quasi kalt wieder rein zu werfen, fürchteten andere. Und Manuel Neuer? Manuelneuert einen Poulsen-Kopfball aus kurzer Distanz an die Latte. Traut sich jemand ein "Früher hätte er den gefangen"?

21. Minute: Thomas Müller trifft Ibrahima Konaté mit dem Fuß am Kopf. Elegant, schmerzhaft, ungefährlich - zumindest fürs Leipziger Tor.

24. Minute: Kimmich und in der Anfangsminute schon Süle: Die Bayern-Verteidiger fliegen wild, aber konstruktiv grätschend rund um den eigenen Sechzehner. Diesmal stoppt Außenverteidiger Kimmich in letzter Sekunde Werner, vorher Ex-WG-Kumpel Poulsen. Ob das ewig gut geht?

29. Minute: TOOOOOOR FÜR BAYERN MÜNCHEN - 0:1, LEWANDOWSKI: Das ist Weltklasse: Alaba wackelt zwei-, dreimal auf der linken Außenbahn rum, flankt dann von der Auslinie in den Rücken von allem, am Elfmeterpunkt setzt sich Robert Lewandowski von Willi Orban ab und während der RB-Verteidiger seine Orientierungslosigkeit bekämpft, köpft Lewandowski im Rückwärtsfallen ein.  Das fünfte Finaltor für den Polen, der damit Gerd Müller und Uwe Seeler hinter sich lässt.

40. Minute: Bayern übernimmt das Ruder und kommt zu guten Chancen. Coman kommt kurz hinter der Mittellinie an den Ball, rennt alleine los, umkurvt Gulasci - doch Ibrahima Konaté erspart dem Video-Assistenten viel Aufregung. Der Verteidiger köpft den Ball von der Linie, im Anschluss an die Aktion hatte der Linienrichter die Fahne gehoben. Abseits war das allerdings nicht.

48. Minute: Megachance für RB Leipzig. Emil Forsberg bricht an der Mittellinie durch, läuft im Highspeed-Tempo alleine auf Manuel Neuer zu - und der fischt die größte Leipziger Chance des Abends mit Autorität und weit ausgefahrenen Gliedmaßen weg. Sensationsparade, schon wieder.

56. Minute: Chancen im Minutentakt in dieser Anfangsphase der zweiten Halbzeit. Lewandowski, natürlich, will sein sechstes Tor in einen DFB-Pokalfinale. Im Gegenzug wackelt sich Timo Werner durch die Bayern.Hintermannschaft, zieht ab - und Süle klärt auf der Linie.

62. Minute: Mats Hummels schreitet wie einst Franz Beckenbauer durchs Mittelfeld (nur schneller) und weil sich keine andere Lösung anbietet, zieht er einfach mal ab. Starke Szene des Verteidigers vor den Augen von Joachim Löw. Im Anschluss köpft Thiago knapp vorbei. Hier liegt gefühlt das 3:3 in der Luft, würden nicht die Tore dazwischen noch fehlen.

66. Minute: Mats Hummels bekommt einen Leipziger Gewaltschuss voll ans Kinn, geht zu Boden, schüttelt sich kurz und macht weiter. Ein Spiel für Helden.

73. Minute: Arjen Robben steht an der Seitenlinie bereit und wird von Bibiana Steinhaus, der Vierten Offiziellen, mit einem freundschaftlichen Herzer aufs Feld geschickt. Die letzten Bayern-Minuten brechen für Arjen Robben an. Und wer den Holländer in den letzten zehn Jahren erlebt hat, der weiß: In dessen Kopf ist gerade kein Platz für einen anderen Gedanken als: "Rechts antäuschen, nach innen ziehen, langes Eck - Tor!"

78. Minute: TOOOOOOR FÜR BAYERN MÜNCHEN - 0:2, COMAN: Und da ist das Tor tatsächlich, allerdings ist das hier nicht Hollywood, sondern "nur" Berlin - und deswegen trifft Kingsley Coman nach starker EInzelleistung. Leipzig hofft auf den Video-Assistenten, aber das war alles schon richtig so.

85. Minute: TOOOOOOR FÜR BAYERN MÜNCHEN - 0:3, LEWANDOWSKI: Der Pole macht den Deckel auf den Deckel: Mit seinem sechsten Treffer in einem Pokalendspiel trifft der Bayern-Stürmer zum zweiten Mal an diesem Abend historisch und natürlich diesmal auch entscheidend. Vorne gewinnt er den Ball, schüttelt Konaté ab und lupft den Ball über Gulasci. Aus, Ende.

87. Minute: Nein, doch noch nicht zu Ende: Kovac ist trotz der Erfahrungen in seinem ersten Jahr beim FC Bayern Mensch geblieben und bringt Franck Ribéry. Schön.

90.+4. Minute: Und dann ist wirklich Schluss: Der FC Bayern holt das Double. Das Pokalfinale gewinnt die Mannschaft von Niko Kovac völlig verdient, aber auch ein bisschen zu hoch.

Was war gut?

Ein Spiel wie eine Schiffsschaukel: Hin und her und hin und her - vor allem in den zweiten 45 Minuten. Viele Chancen auf beiden Seiten, bayerische Heldenmomente von Neuer bis Robben, Leipziger, die von Beginn an an ihre Chancen glaubten und auf sie drängten - und nach der Pause das Spiel sogar hätten drehen können. Ein tolles Pokalfinale auf Augenhöhe, bei dem man hinterher nicht über "Hätte"s, "Wenn"s und "Aber"s diskutieren muss. "Ich war hochmotiviert und bin im Training bereit gewesen. Es war eine Punktlandung, besser hätte man das Drehbuch nicht schreiben können", sagte der überragende Manuel Neuer. In Leipzig sehen sie das sicher anders.

Außerdem gut: Der FC Bayern hat sich in seiner Rolle als Sieger wieder ans übliche Zeremoniell zwischen Spiel und Siegerehrung erinnert. Spalier, klatschen, der unterlegene Finalist gratuliert dem siegreichen. Im letzten Jahr hatten die Bayern-Profis nebst Funktionärsriege nach der überraschenden Niederlage gegen Eintracht Frankfurt ja noch darauf verzichtet, dem Gegner die Ehre zu erweisen. Ein lehrreiches Jahr liegt also hinter dem Rekordmeister und jetzt 19-fachen Pokalsieger, nicht nur hinter seinem Trainer.

Was war nicht gut?

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Rot-Weiß schlägt Weiß-Rot - oder andersrum?

(Foto: imago images / Andreas Gora)

"Die beiden Teams tragen Farben, durch die sie sich klar voneinander sowie von den Spieloffiziellen unterscheiden", so heißt es in der Spielordnung des DFB, unter desssen Ägide der Pokalwettbewerb steht. Und so trafen sich die beiden Teams in den Farbkombinationen "Weißes Trikot-rote Hose-rote Stutzen" (Leipzig) und "Rot-Weiß-Weiß" (Bayern) zum Finalkick. Der Kontrast war eher übersichtlicher Natur - und sorgte für großen Spott im Netz. Dem DFB war die Wahl der Arbeitskleidung Recht, vielleicht auch, weil es eigentlich noch schlimmer hätte kommen sollen: Wie der FC Bayern meldete, sollte die Paarung eigentlich "Weiß-Rot-Weiß" gegen "Rot-Weiß-Rot" heißen, darauf hatten sich die Vereine ursprünglich schon geeinigt.

Der Tweet des Spiels:

*Datenschutz
 

Wie war der Schiedsrichter?

Es gab einen Schiedsrichter? Tobias Stieler leitete dieses große, intensive Spiel unaufgeregt, mit klaren, verbindlichen Ansprachen und ohne nennenswerte Fehlentscheidung. Natürlich, die Ringkampfeinlage von Lewandowski in der 11. Minute war diskutabel und die Hälfte der Republik schreit pflichtschuldig: "AUF DER ANDEREN SEITE HÄTTE ER DEN GEPFIFFEN!". Aber Köln hat drauf geschaut und gesagt: Lass mal weiter spielen... Souverän, unauffällig und mit dem Mut, das Spiel am Laufen zu halten. Sehr gute Schiedsrichterleistung. Auch, dass Stieler sich fürs "Kleine Schwarze" entschied und damit mit seinen Assistenten neben den beiden Torhütern als einziger der Akteure auf dem Rasen wirklich gut von den anderenzu unterscheiden war.

Und wie war´s im Stadion?

Am Anfang war die Verwirrung, wie das so ist, wenn beide Klubs  die Vereinsfarben Rot und Weiß haben. Die Leipziger spielten in weißen Trikots, roten Hosen und roten Stutzen, die Münchner in roten Trikots, weißen Hosen und weißen Stutzen. Das sorgte bei einigen Zuschauern für Verwirrung, zumindest bei denen, die sich nicht auf die Leibchen konzentrierten. Prompt erreichten Mails einiger aufgeregter Zuschauer unsere Redaktion. Sagen wir es so: Rotweiß gewinnt. Oder halt Weißrot. Und vielleicht schafft es ja in kommenden Jahr wieder die Dortmunder Borussia ins Endspiel des DFB-Pokals. Lustig wird es dann erst, wenn der Gegner Alemannia Aachen heißt. Aber es stimmt schon: Das war ein bisschen viel Rot und Weiß im Berliner Olympiastadion.

Was sie vielleicht nicht wussten: Die Fans der Rasenballsportler standen von Beginn an auf der falschen Seite. Nein, das geht jetzt nicht gegen Red Bull. Sie standen neben dem Marathontor des Olympiastadions, dort wo die Anhänger des FC Bayern im vergangenen Jahr beheimatet waren, als ihre Mannschaft im Pokalfinale 2018 mit 1:3 gegen die Frankfurter Eintracht verlor. Die Münchner hatten dieses Mal die Ostkurve für sich und, wie vor dem Anpfiff zu sehen war, deutlich mehr rote und weiße Fähnchen mitgebracht, die sie eifrig schwenkten. Die Konkurrenz aus Leipzig war nach dem Motto "Ganz in Weiß" gekleidet, was dann auch auffiel. Beide Lager warteten mit Choreografien auf, wie unser Reporter Stefan Giannakoulis berichtet. Die einen präsentierten als Reminiszenz an ihre alte Heimat im Münchner Olympiastadion einen überdimensional großen Wimpel, "Südkurve 1972" stand da drauf, darunter ein Spruchband: "Eine Kurve, die zum Siegen verpflichtet." Die anderen zeigten den Pott mit Gravur und den Spruch: "Im Sockel des Pokals steht's geschrieben. Nur Rasenballsport wird heut siegen." Bundestrainer Joachim Löw, der neben Manager Oliver Bierhoff und Torwarttrainer Andreas Köpcke auf der Tribüne saß, gab sich im schwarzen Rollkragenpullover dagegen neutral. Zumindest ihn konnte man gut erkennen.

Quelle: n-tv.de

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