Fußball

Rückkehrer sorgt für DFB-Dilemma Thomas Müller fordert ein Weltklasse-"Opfer"

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Gute Freunde kann niemand trennen ...

(Foto: www.imago-images.de)

Nun, die Überraschung hält sich in Grenzen: Thomas Müller wird einem Medienbericht zufolge mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft zur EM reisen. Das ist natürlich nachvollziehbar, stellt den Bundestrainer aber auch vor (selbstgewählte) Probleme.

Natürlich gibt es auch an diesem erkenntnisreichen Montag noch ein paar Dinge, die Fußball-Deutschland nicht weiß. Zu diesen Dingen gehört beispielsweise die durchaus spannende Frage, ob auch Mats Hummels noch einmal für Joachim Löw spielen wird. Und was ist mit Marco Reus? Oder um es vor der Nominierung am Mittwoch nochmal richtig wild werden zu lassen: Kehrt Max Kruse sogar zurück. Gigantischer Spoiler: Nein, der Stürmer von Union Berlin wird (sehr, sehr, sehr wahrscheinlich) nicht für die Europameisterschaft in diesem Sommer nominiert. Drücken wir es mal ganz vorsichtig aus: Die Gründe dafür liegen wohl auch im zwischenmenschlichen Bereich. Sportlich hätte der 33-Jährige ja tatsächlich einige vernünftige Argumente für sich. Nun, egal. Anderes Thema.

Kommen wir lieber zu den Dingen, die Fußball-Deutschland weiß, ohne dass der Bundestrainer dafür seine ausdrückliche Zustimmung gegeben hat. Zumindest ist diese öffentlich nicht bekannt. Thomas Müller wird laut "Bild"-Zeitung gut zwei Jahre nach seiner Blitz-Ausbootung in die Nationalmannschaft zurückkehren. Das hat gleich mehrere Gründe. Der beste neben der für ihn heftig betrieben Lobbyarbeit (unter anderem von Uli Hoeneß) und der stagnierenden Entwicklung des DFB-Teams ist: Thomas Müller spielt nach einem gewaltigen Karrieretief - besonders ausgeprägt unter dem Trainer Niko Kovac - seit rund anderthalb Jahren in einer Verfassung, die ihn absolut für Deutschlands wichtigste Auswahl qualifiziert. Er schießt sehr viele Tore. Und bereitet mit scharfem Verstand noch sehr viele mehr vor. Bayern-Coach Hansi Flick sei Dank.

Und dann sind da selbstverständlich noch Müllers Omnipräsenz auf dem Feld, sein Ehrgeiz, sein Siegeswille, seine Führungsstärke und seine Kommunikationskompetenz. Kaum ein Spieler quasselt auf dem Platz mehr als der 31-Jährige. Vorwiegend sind es Kommandos. Manchmal auch Anflüge von Unverständnis. Adressiert meistens an den Schiedsrichter. Wenn in München Fußball gespielt wird, dann ist der 31-Jährige immer auf Sendung. Auf allerbester Frequenz. Danach meistens freilich auch noch. Dass er sich irgendwann in Zeiten leerer Stadien und irgendwo den Beinamen "Radio Müller" eingefangen hat, nun, man hat im Fußball schon Unpassenderes gefunden. Besonders passend ist diese Quassel-Qualität indes für eine Mannschaft, die sehr verzweifelt nach einer Lösung für das Schweigen ihrer Männer sucht. Da wurde immer mal wieder versucht, Spieler zu Chefkommunikatoren zu machen, obwohl das mit deren Naturell fremdelt. Toni Kroos oder İlkay Gündoğan werden keine brüllenden Müllers. Auch Leon Goretzka nicht. Kai Havertz erst recht nicht.

Nur Kimmich kann überzeugend bellen

Müssen sie natürlich auch nicht. Jeder ist das, was er ist. Joshua Kimmich etwa, der ist immer gierig, immer gallig. Wenn der faucht und wütet, dann hinterfragt niemand die Authentizität. Die Aufzählung dieser Fußballer ist nun ganz wichtig, weil sie alle im Sommer bei der EM eine wichtige Rolle einnehmen könnten. Weil einer von ihnen, eher zwei (klingt komisch, wird aber gleich aufgeklärt) weichen müssten, wenn Müller sich nun zurück ins Aufgebot schleicht. Denn Müller tut nur dann diese typischen Müller-Dinge, wenn er seinen Müller-Platz bekommt. Der lässt sich mit Feld-Koordinaten nicht benennen. Er ist eher so: Müller ist da, wo er meint, sein zu müssen. Und das meistens eine ziemlich gute Idee. Irgendwo zwischen den beiden Außenstürmern, irgendwo hinter der zentralen Spitze und irgendwo vor dem zentralen Mittelfeld. Ob das nun aus zwei Sechsern (Abräumer hätte man früher gesagt), oder aus zwei Achtern besteht (tja, was hätte man dazu nur früher gesagt?). Müller phantomisiert sich halt durch die offensiven Räume. Wie beim FC Bayern. Als Akteur mit ungreifbarem Hoheitsgebiet.

Nun gibt es diese Rolle in der Nationalmannschaft eigentlich nicht. Möglich wäre also, dass Müller auf die rechte Seite ausweicht. Dort funktioniert er indes kaum halb so gut, wie in seiner eigenen Zwischenwelt. Außerdem wäre dort sein Duellant Teamkollege Serge Gnabry, der vom Bundestrainer eine bislang nicht aufgekündigte "Spielt-immer"-Garantie besitzt. Die andere Option wäre das Sturmzentrum. Hat er auch schon gemacht. Allerdings auch nicht mit dem Erfolg, der ihn dort unverzichtbar gemacht hätte. Also: Systemumstellung für den Rückkehrer? Es wäre das wahrscheinlichste Szenario, um die ganze Kraft des Müllerthomas in das deutsche Spiel zu pressen.

Ein Unverzichtbarer muss weichen

Weichen müsste also einer, der eigentlich nicht weichen kann. Kroos ist gesetzt, daran hat Löw nie einen Zweifel gelassen. Dass an seiner Seite Kimmich spielt, scheint ebenfalls eine ausgemachte Sache. Zwar könnte der Münchner durchaus zurück auf die rechte Position in der Viererkette weichen, es würde das Mittelfeld allerdings mehr schwächen, als die Abwehr besser machen (was er natürlich trotzdem tun würde). Zumal seine wilden und verzweifelten Offensiv-Ausflüge bei der WM 2018 noch schmerzhaft präsent sind. Er wollte den GAU eben vehement abwenden. Und mit Ridle Baku hat Löw tatsächlich derzeit eine prima Alternative vom VfL Wolfsburg, auch wenn der noch jung ist und keine Turniererfahrung besitzt.

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Nun, was bleibt? Müller wird ins Duell mit İlkay Gündoğan und Leon Goretzka geschickt werden. Gündoğan kommt mit der Empfehlung, das Spiel von Manchester City, der derzeit wohl besten Mannschaft der Welt, gemeinsam mit Kevin De Bruyne eindrucksvoll anzuleiten. Dass er trotz eben De Bruyne, trotz Phil Foden, trotz Riyad Mahrez und Raheem Sterling auch noch bester Torschütze der "Skyblues" ist, ist ein weiteres Top-Argument im Kampf um einen Stammplatz. Leon Goretzka kann in dieses Duell mit seiner unbändigen Dynamik, seiner brutalen Physis als Power-Tower einsteigen. Es sind überragende Qualitäten, die ihn von den Konkurrenten stark abheben. Kai Havertz, das Super-Talent, hat dagegen den Vorteil der Flexibilität auf den offensivsten Positionen, also auch im Sturmzentrum.

Ohnehin ist es ja so, dass Löw mit Kimmich, Kroos, Goretzka und Gündoğan schon jetzt mehr Weltklasse-Luxus als Startelfplätze hat. Und nun eben noch ein Problem. Eines mit 15 Toren und 24 Vorlagen. Es gibt vermutlich schlimmere. Zum Beispiel in der Abwehr. Aber da könnte ja der Dortmunder ..., nun es gibt Dinge, die Fußball-Deutschland noch nicht weiß.

Quelle: ntv.de

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