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Entsteht ein neuer Ozean? Afrika bricht langsam auseinander

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Durch Bewegungen im Erdinneren entstehen kuriose Gesteinsformationen, wie hier in Äthiopien.

(Foto: imago images/Westend61)

Jahr für Jahr verschieben sich die Erdplatten. Das passiert in allen Teilen der Welt, Geologen schauen aber vor allem gespannt nach Afrika. Dort könnte ein neuer Ozean entstehen, der den Kontinent in zwei Teile spaltet.

Die Welt ist ständig in Bewegung - im wahrsten Sinne des Wortes. Die Erdplatten unter unseren Füßen bewegen sich stetig. Zwar mit Geschwindigkeiten, die selbst Schnecken als langsam empfinden dürften, aber immerhin noch schnell genug, um in vielen Millionen Jahren Landkarten zu verändern. "Große und bekannte Platten, von denen man häufig spricht, sind die afrikanische, nordamerikanische, eurasische und auch die pazifische Platte, die fast komplett unter dem Wasser liegt. Die bewegen sich auf der Oberfläche der Erde hin und her", sagt Sascha Brune im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". Der Geophysiker vom Deutschen Geoforschungszentrum GFZ betont außerdem, dass "sich die Kontinente, wie wir sie heute kennen, andauernd verändern. Die Weltkarte sah "vor zum Beispiel 80 Millionen Jahren komplett anders aus".

Sascha Brune und seine Kollegen am GFZ beschäftigen sich tagein tagaus mit Plattenverschiebungen. Sie erstellen Modelle am Computer, mit deren Hilfe sich Verschiebungen bis in die entfernteste Zukunft simulieren lassen. Messungen am Boden, Flugzeuge und Satelliten liefern den Geoforschern immer neue Informationen. Die spannendsten werden derzeit südlich von Europa aufgezeichnet.

"In Afrika gibt es den größten Grabenbruch, den wir auf der Welt haben. Deswegen ist das natürlich eine Spielwiese, wo ganz viele Daten erhoben werden und wo man am besten versteht, was da gerade passiert", verweist Brune unter anderem auf die sogenannte Afar-Senke im nördlichen Äthiopien. In dieser extrem heißen und trockenen Tiefebene gibt es etliche Vulkankrater sowie zahlreiche tiefe Spalten und Risse. Hier können die Forscher mit ihren eigenen Augen beobachten, wie der afrikanische Kontinent langsam auseinanderbricht. "Das sind die offensichtlichen Narben, die das Rift in Afrika hinterlässt", sagt der Geophysiker.

Unsicher, was Erdplatten machen

Der sogenannte "Ostafrikanische Grabenbruch" erstreckt sich von der Afar-Region im östlich gelegenen Äthiopien südwärts nach Mosambik. Entlang dieser Linie könnte sich der afrikanische Kontinent in zwei Teile spalten. Ob es dazu kommt, steht aber auf einem anderen Blatt, erläutert Brune. Es sei längst nicht klar, ob in Ostafrika ein neuer Ozean entsteht, weil sich ein Teil absetzt. "Es gibt Grabenbrüche, wo die Kontinente auseinanderbrechen und irgendwann entsteht deshalb ein neuer Ozean. Es gibt aber auch Beispiele, wo solche Rifts irgendwann aufhören, aktiv zu sein, zum Beispiel in Westafrika."

Theoretisch könnten die Platten also irgendwann aufhören, auseinander zu driften. Der Mensch hat darauf keinen Einfluss. Für Geoforscher wie Sascha Brune geht es in ihrer Arbeit darum, verschiedene Möglichkeiten aufzuzeigen, was passieren kann.

Ein entsprechendes Modell haben auch Wissenschaftler der Virginia Tech und der Universität Antananarivo auf Madagaskar aufgestellt. Demnach erstreckt sich der sogenannte Ostafrikanische Graben weiter als bisher angenommen, bis zum Inselstaat Madagaskar östlich von Mosambik im Indischen Ozean. Die Forscher prognostizieren, dass die Insel über die nächsten Millionen Jahre hinweg langsam auseinanderbricht.

"Es wurden GPS-Stationen auf Madagaskar und in ganz Ostafrika verteilt und ausgewertet, wie sie sich bewegen. Und da sieht man, dass es sehr klar definierte Plattengrenzen gibt", erklärt Brune und erwähnt vor allem die vielen Erdbeben in der Region. Man könne aus den Daten schlussfolgern, dass es "eine gewisse relative Bewegung zwischen Nord-Madagaskar und Süd-Madagaskar" gebe. "Aber die Geschwindigkeit, mit der sich die Region verformt, ist so klein, dass sich die Autoren des Papers nicht einmal getraut haben, zu sagen, wie schnell Madagaskar auseinanderbricht."

Bewegung unter Madagaskar ist besonders langsam

Madagaskar ist in seiner langen Geschichte gewissermaßen schon zweimal auseinandergebrochen. Vor etwa 160 Millionen Jahren klebte der Inselstaat noch mit Indien zusammen und löste sich vom afrikanischen Kontinent ab. Vor etwa 90 Millionen Jahren folgte dann auch die Trennung von Indien. Seitdem liegt Madagaskar im Indischen Ozean und ist nach Grönland, Neuguinea und Borneo die viertgrößte Insel der Welt.

Daran wird sich auch für sehr lange Zeit nichts ändern. Die Erdplatten bewegen sich nur minimal, unter Madagaskar sogar ganz besonders langsam. "Eine Platte bewegt sich nur etwa um 10 Millimeter pro Jahr, das entspricht der Größe einer kleinen Münze", verdeutlicht Brune. Doch über viele Millionen Jahre hinweg summiert sich das. "10 Millimeter pro Jahr, das sind 10 Kilometer in einer Million Jahre", rechnet der Experte vor. Weil sich die Platten unter Madagaskar jedoch deutlich langsamer bewegen, rechnet Brune mit weniger als einem Millimeter Verschiebung pro Jahr. "Da wird man noch nicht so viel sehen in einer Million Jahre."

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Quelle: ntv.de