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Nur Impfen beendet Pandemie "Die meisten fühlen sich unsterblich"

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Wir können entspannen, aber unser Immunsystem ist ständig dabei, Mikroben-Attacken abzuwehren.

(Foto: imago images/7aktuell)

Vor einem halben Jahr startete die Impfkampagne in Deutschland. Mehr als den halben Weg raus aus der Pandemie haben wir geschafft, sagt der Immunologe Peter Kern, Leiter der Klinik für Immunologie am Klinikum Fulda, im Gespräch mit ntv.de. Die Impfung hat uns gerettet.

ntv.de: Die Impfkampagne ist nun ein halbes Jahr alt. Gleichzeitig ist Delta auf dem Vormarsch. Können wir trotzdem ein wenig feiern?

Peter Kern: Delta ist problematischer als Alpha, aber in einem absolut beherrschbaren Maße. Wir sehen die eine erhöhte Ansteckungsrate, wir sehen mehr schwere Verläufe, die im Krankenhaus behandelt werden müssen, wobei die Datenlage da noch nicht ganz klar ist. Wir sehen aber nicht mehr Todesfälle. Auf der anderen Seite haben wir die zunehmende Immunisierung, und die ist der Weg raus aus der Pandemie.

An welcher Wegmarke stehen wir denn?

20 Prozent der Bevölkerung sind erst einmal geimpft, aber knapp 35 Prozent sind bereits vollständig geimpft und geschätzte weitere 10 bis 15 Prozent sind genesen, also durch Infektion immunisiert. Somit hat fast die Hälfte aller Deutschen bereits das bestmögliche Schutzniveau. Realistisch erreichbar sind vielleicht 90 Prozent, das heißt, deutlich mehr als den halben Weg zum Ziel haben wir schon geschafft.

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Der Immunologe und Internist Peter M. Kern leitet die Klinik für Immunologie am Klinikum Fulda und lehrt an der Philipps Universität Marburg.

Großbritannien hat bei 60.000 Delta-Fällen zwischen Februar und Juni 4000 Erkrankte ausgemacht, die voll geimpft waren. Ein Anlass zur Sorge?

Den sehe ich nicht, im Gegenteil. Wichtig ist, dass wir uns bewusst sind, welchen Aspekt wir betrachten. Blicken wir auf die Letalität, also die Bedrohung durch einen tödlichen Verlauf, dann sehen wir eine sehr hohe Schutzwirkung der Impfung auch bei Delta, annähernd so gut wie gegen Alpha. Schauen wir dagegen auf Ihre Zahlen in Großbritannien, sind das zunächst Infektionsfälle - das ist etwas völlig anderes! Das ist auch jemand, der drei Tage lang Schnupfen hat. Dahinter steht nicht mehr das Sterberisiko, das wir aus den beiden letzten Wellen in Deutschland kennen. Auch gegen Delta haben wir immer noch eine fantastische Schutzwirkung, die im Falle von Biontech um die 80 Prozent liegt. Vergleichen Sie das mal mit der Grippeschutz-Impfung, die erreicht von Hause aus nicht über 60 Prozent.

Was ja nicht bedeutet, dass von 100 Menschen 60 geschützt sind, oder?

Das hieße ja 60 geschützt und 40 nicht - das wäre eine Art "digitale Denkweise". 1 oder 0, geschützt oder nicht geschützt. So funktioniert Immunologie aber nicht. Eine Impfung oder eine Infektion werden im Körper immer eine Immunantwort erzeugen, aber bei unterschiedlichen Menschen von ganz unterschiedlicher Qualität. Wenn die Qualität sehr hoch ist, dann ist auch der Schutzfaktor sehr hoch, er kann bis auf 100 Prozent gehen. Ist die Qualität der Immunantwort sehr schlecht, dann kann der Wert sogar Richtung Null gehen. Es gibt tatsächlich Fälle, wo überhaupt keine verwertbare Immunantwort feststellbar ist.

Und bei den meisten liegt die Qualität der Immunantwort gegen Alpha dann nach zwei Impfungen mit Biontech um 90 Prozent?

Die statistische Schutzwirkung liegt im Bereich zwischen 70 und 95 Prozent, je nach Impfstoff. Das bedeutet aber eben nicht, dass diese Zahl genau für jeden einzelnen gilt. Einige liegen darunter, andere darüber. Eine Impfung baut keinen äußeren Schutzwall auf, sondern trainiert unser Immunsystem "im Inneren". Das Virus fordert uns also auch nach einer Impfung immer wieder heraus. Der Impfschutz ist nicht statisch, er wird ständig verbessert, nachgeschärft sozusagen. Mit jedem Virus-Kontakt wird unsere Immun-Antwort ausgefeilter.

Darum die Auffrischungen?

Genau. Die sind nichts anderes als eine weitere "Trainingseinheit". Und auch eine Infektion läuft nicht nach dem Prinzip "alles oder nichts" ab. Infektion heißt zunächst mal: Ich werde mit Viren konfrontiert. Die müssen aber, um die Krankheit ausbrechen zu lassen, eine bestimmte Konzentration erreichen, sie müssen ein günstiges Milieu vorfinden. Dieselbe Anzahl Viren kann in unterschiedlichen Milieubedingungen besser oder schlechter infizieren.

Und alles zusammen entscheidet, ob ein Mensch krank wird oder nicht?

Wenn man die individuelle Immunkompetenz mit den unterschiedlichen Infektionswahrscheinlichkeiten zusammen denkt, bekommt man eine Idee, von wie vielen Variablen diese Frage abhängt. Auf der individuellen Ebene ist es deshalb wahnsinnig schwer abzuschätzen, wie gut ein Immunschutz tatsächlich ist. Das können wir gar nicht genau messen. Auf Populationsebene mit sehr vielen Individuen ist das aber möglich, da können wir statistisch eine Schutzwirkung berechnen und daher kommen diese Prozentzahlen, von denen wir reden. In der Population liegt der Schutz nach Zweitimpfung mit Biontech bei 90 Prozent. Einem einzelnen Menschen kann ich seinen Schutz nicht beziffern.

Nochmal zurück zu Delta: Sie sagen, der Immunschutz ist etwa zehn Prozent schwächer als gegenüber Alpha. Bringt Delta Deutschland im Herbst die vierte Welle?

Schauen wir auf die Letalität, dann ist meine Antwort: Nein, diese Schwächung im Immunschutz ist nicht geeignet, um wieder ein exponentielles Wachstum, also ein Pandemiegeschehen mit sprunghaft ansteigenden Sterberaten, zu erzeugen.

Und wenn wir auf die Infektionen schauen?

Dann wird es mit Delta schwieriger als es mit Alpha war. Wenn wir aber eine ausreichende Immunität gegen Alpha haben, und wir sind auf dem Weg dahin, dann wird sie auch gegen Delta durchgreifen. Nicht ganz so effektiv, aber immer noch stark genug, um die vierte Welle auszubremsen.

Großbritannien meldet einen Anstieg der Infektionen um 70 Prozent bei Kindern zwischen fünf und neun Jahren. Das klingt ziemlich exponentiell, trotz 48 Prozent der Bevölkerung mit komplettem Impfschutz.

Die Herdenimmunität gegenüber der Delta-Variante wäre erst bei weit über 80 Prozent Immunisierten erreicht. Sobald Schutzmaßnahmen fallen, wird die Infektion starten und dort zuschlagen, wo sie es noch kann: Bei den nicht Immunisierten. Das geschieht jetzt in Großbritannien und in Israel, und das war auch genau so zu erwarten.

Also sollten wir uns beim Impfen noch mehr beeilen.

Das ist der Weg raus. Krankheitsfälle werden wir dennoch haben. Aber die Dynamik wird nicht exponentiell sein, sondern eher linear. Eine lineare Dynamik kann man gut vorhersehen und beherrschen. Covid wird als Krankheit bleiben, und wir werden auch mit einer gewissen Rate von Todesfällen dauerhaft leben müssen, so wie bei jeder anderen Krankheit. Das Ziel muss sein, diese Sterblichkeitsrate in einen akzeptablen Bereich zu bringen.

Den die Gesellschaft für sich definieren muss?

Ja, das ist eine Frage der Wahrnehmung. In der Medizin verlieren wir immer Patienten, egal, wie sehr wir kämpfen. Seit Jahrzehnten erlebe ich als Arzt jeden Tag, dass ich eine gewisse Letalitätsrate hinnehmen muss. Das wird aber von medizinischen Laien so nicht wahrgenommen. Die meisten Menschen fühlen sich unsterblich. Und wenn dann so etwas wie eine Pandemie in das öffentliche Bewusstsein dringt, die das Leben bedrohen und auch beenden kann, dann nehmen viele erstmals wahr, dass es eine Endlichkeit des Lebens gibt.

Wann kommt denn von irgendwoher die Mutante, gegen die unsere Impfung nicht schützt?

Wann genau, weiß niemand. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, das steht fest. Das Virus mutiert ständig, wir kriegen das bloß nicht mit. Was wir entdecken, ist nicht die Mutation, sondern die Selektion. Wir nehmen eine Mutante erst wahr, wenn sie einen Selektionsvorteil gegenüber der vorherrschenden Variante hat und sich darum besser verbreitet. Ein solcher Vorteil kann sein, dass die Mutante unserem Impfschutz entgeht. Dann müssen wir unser Immunsystem mit einem neuen Impfstoff fit machen.

Lässt sich die Pandemie durch die Impfung wirklich beenden?

Ja, und zwar nur durch die Impfung. Sie ist eine epochale menschliche Erfindung, weil sie es vermag, die Infektion nachzuahmen, und diesen Effekt brauchen wir, um immun zu werden.

Und der Lockdown?

Mit dem Lockdown konnten wir uns verstecken, uns wegducken vor dem Virus. Mehr aber nicht. Er konnte die Infektionen nur verzögern. Für Deutschland ergaben die Modellrechnungen im Frühjahr 2020 folgendes Szenario: Wenn wir gar nichts tun würden, wenn die Pandemie ungebremst durch das Land liefe, würde eine Infektionswelle über Deutschland hinweg rollen von drei bis vier Monaten Dauer. Sie würde etwa 450.000 bis 500.000 Menschenleben fordern. Der Rest der Bevölkerung hätte die Krankheit durchgemacht, überlebt und wäre immunisiert.

Dann hat sich die Politik für den Lockdown entschieden.

Und mit diesen Maßnahmen konnten wir die Wucht der Pandemie abbremsen, und zwar erheblich. Das kann man an den Zahlen sehr schön sehen: Etwa Ende Februar, als die Impfkampagne noch nicht in die Breite ging, da hatten wir 75.000 Menschen an oder mit Covid-19 verloren. Infiziert waren bis dahin - ganz genau können wir es nicht sagen, aber geschätzt - zehn bis 15 Millionen. Wir hatten mit Lockdown also etwa ein Sechstel der sonst erwarteten 80 Millionen Infektionen und ein Sechstel der befürchteten 500.000 Verstorbenen.

Wie wäre die Pandemie ohne Impfung weitergelaufen?

Zunächst mal: über Jahre. Mit Lockdown und ohne Impfung hätten wir jetzt, im Juni, wohl mehr als zwei Sechstel der erwarteten Infizierten und Verstorbenen. Am Ende hätten sich alle infiziert und wir würden die 500.000 Gestorbenen beklagen. Nur eben nicht nach drei bis vier Monaten, sondern erst nach vier bis fünf Jahren mit Covid-19. Der Lockdown hätte also überhaupt keinen Sinn gemacht, wenn wir nicht auf einen Impfstoff hätten hoffen dürfen.

Aber er hat ja auch die Kliniken vor dem Kollaps bewahrt. Es macht einen Unterschied, ob eine Million Schwerkranke innerhalb von vier Monaten auf die Intensivstationen gekommen wären oder innerhalb von vier Jahren.

Das ist natürlich richtig. Auf der anderen Seite müssen sie gegenrechnen: Vier oder fünf Jahre Lockdown verursachen derart massive medizinische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Schäden, dass auch dadurch viele Leben verloren gegangen wären. Niemand kann berechnen, was da der bessere Weg gewesen wäre. Es wäre eine immense Bürde gewesen, das zu entscheiden.

Nun hat uns der Lockdown aber Zeit verschafft für die Entwicklung des Impfstoffs.

Und nur mit dem Vakzin können wir die Pandemie überwinden. Folgendes müssen wir uns klar machen: Seit 3,5 Milliarden Jahren wird die Erde von Einzellern bewohnt, die wir heute zum Teil Krankheitserreger nennen. Der Mensch hat sich vor zwei Millionen Jahren hinein entwickelt in eine Welt, die längst von diesen Mikroben beherrscht war. Und dass ein höherer Organismus wie der Mensch existieren kann, liegt einzig und allein an seinem Immunsystem und dessen Lernfähigkeit. Ohne unser Immunsystem würden wir auf der Erde keinen Tag überleben.

Mit Peter Kern sprach Frauke Niemeyer

Quelle: ntv.de

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