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Suche nach Pandemie-Ursprung Forscher identifiziert ersten Corona-Patienten

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Der Huanan-Markt in Wuhan - an diesem Ort trat Sars-CoV-2 erstmals gehäuft auf. Sprang es dort auch auf den Menschen über?

(Foto: imago images/Kyodo News)

Bisher gilt als umstritten, wo genau die Coronavirus-Pandemie ihren Ursprung nahm. Eine neue Analyse rückt den Fisch- und Wildtier-Markt in Wuhan wieder in den Fokus. Demnach soll der erste Corona-Patient dort gearbeitet haben. Doch aus Sicht anderer Forscher ist damit nur wenig gewonnen.

Eines der großen ungeklärten Rätsel der Corona-Pandemie ist ihr Ursprung. Der Huanan-Markt in Wuhan, auf dem Meeresfrüchte, aber auch lebendige Wildtiere gehandelt wurden, galt früh als jener Ort, an dem sich der erste Mensch mit Sars-CoV-2 infizierte. Doch in der Folgezeit kamen Zweifel auf, da viele der frühen Covid-19-Fälle gar keinen Bezug zu dem Markt hatten. Zudem brachte die räumliche Nähe zweier Forschungsstätten für Coronaviren in Wuhan die sogenannte Laborthese ins Spiel - nach dieser könnte das Virus durch einen Laborunfall freigesetzt worden sein, und breitete sich anschließend in Wuhan aus.

Die Laborthese erhielt dieses Jahr neue Aufmerksamkeit, nachdem sich im Mai eine Gruppe von 18 renommierten Forschern in einem Brief an das Magazin "Science" dafür aussprach, ihr ebenfalls ernsthaft nachzugehen. Zu den Verfassern zählte damals der kanadische Biologe Michael Worobey, der als Experte für den Ursprung von Influenza und HIV gilt. In einem neuen in "Science" veröffentlichten Artikel spricht sich Worobey nun jedoch für eine Übertragung auf dem Huanan-Markt aus.

Worobey hat für seine Spurensuche die frühen Covid-19-Fälle in Wuhan zeitlich und räumlich rekonstruiert. Eine wichtige Rolle spielt dabei jener Patient, der bislang als erster Covid-Fall galt. Bei diesem handelt es sich um einen 41-Jährigen, der laut chinesischen Offiziellen bereits am 8. Dezember 2019 Symptome entwickelt hatte. Das Problem dabei war stets, dass der Buchhalter 30 Kilometer südlich des Huanan-Marktes wohnte und keinerlei Verbindung zu diesem hatte. Wie war das möglich?

Frühester Fall ein Missverständnis?

Worobey fand nach eigenen Angaben heraus, dass es sich bei dem ersten Patienten um ein Missverständnis handelt: Dieser sei erst später an Covid-19 erkrankt als bislang gedacht. Am 8. Dezember 2019 habe er lediglich Beschwerden mit den Zähnen gehabt, wegen der er behandelt worden war. Covid-19-Symptome soll er jedoch erst am 16. Dezember 2019 gezeigt haben, also mehr als eine Woche später. Damit wird ein anderer zum ersten bekannten Patienten: Eine Frau namens Wei Guixian, die bereits am 10. oder 11. Dezember Covid-19-Symptome entwickelte. Sie arbeitete auf dem Huanan-Markt als Verkäuferin von Meeresfrüchten.

Der kanadische Forscher kommt bei seiner Analyse zu dem Schluss, dass in der Tat ein Großteil der frühen Fälle mit dem Markt in Verbindung standen, oder sich geografisch um den Markt gruppierten. "In einer Stadt mit elf Millionen Einwohnern ist die Hälfte der ersten Fälle mit einem Ort verbunden, der so groß ist wie ein Fußballfeld", sagte Worobey der "New York Times". "Es wird sehr schwierig, dieses Muster zu erklären, wenn der Ausbruch nicht auf dem Markt begann."

Zudem stünden die meisten Fälle mit dem westlichen Teil des Marktes in Verbindung, wo - wie sich mittlerweile herausgestellt habe - lebendige Marderhunde gehalten wurden, so der Forscher. Diese Tiere könnten sich zum einen mit Coronaviren anstecken, zum anderen waren auch bei der ersten Sars-Pandemie 2002/2003 Erreger in Marderhunden gefunden worden, argumentiert Worobey. Er sieht daher einen "deutlichen Hinweis darauf, dass die Pandemie vom Markt für Lebendtiere ausging".

Dass weiterhin viele frühe Corona-Fälle keine Verbindung zu dem Huanan-Markt haben, sei nicht verwunderlich, so Worobey. Angesichts der hohen Übertragbarkeit von Sars-CoV-2 und der hohen Rate der asymptomatischen Ausbreitung seien die Verbindungen zwischen einzelnen Fällen nicht immer nachvollziehbar. Auch die Meeresfrüchte-Verkäuferin vom Markt ist demnach wohl nicht der erste Mensch, der sich mit Sars-CoV-2 infizierte. Studien über Veränderungen im Genom des Virus deuten darauf hin, dass die erste Infektion bereits Mitte November 2019 stattfand.

Zweifel an der Aussagekraft

Ist das Rätsel um den Ursprung der Pandemie damit geklärt und die Laborthese erledigt? Aus Sicht des deutschen Genetikprofessors Günter Theißen aus Jena, der sich als Teil einer Gruppe internationaler Forscher schon länger für eine unvoreingenommene Suche nach dem Ursprung der Pandemie einsetzt, bringt der Artikel keine wirkliche Bewegung in die Sache. "Aus meiner Sicht ändern sich die Wahrscheinlichkeiten der, vereinfacht gesagt, 'Laborhypothese' oder 'Zoonose-Hypothese' (eine natürliche Übertragung vom Tier auf den Menschen, Anm. d. Red.) nicht sonderlich", sagte er auf Anfrage von ntv.de. Erneut werde indirekte Evidenz einseitig als eindeutige Bestätigung einer der beiden Hypothesen angesehen, statt beide Thesen kritisch gegeneinander abzuwägen.

"Es bleibt ja der seltsame Befund, dass, im globalen Maßstab, die Pandemie ausgerechnet in wenigen Kilometern Entfernung von Laboratorien ausbrach, die massiv mit Coronaviren gearbeitet haben", betonte Theißen. Die neue Publikation scheine den Schwerpunkt der allerersten Fälle näher an den Markt als an die Laboratorien heranzurücken, aber weder würden die Marderhunde präsentiert, die dort angeblich verkauft wurden, noch die Coronaviren, mit denen diese angeblich infiziert waren - diese seien nur hypothetisch. "In jedem Fall schließen die neuen Daten keinesfalls eine der beiden Hypothesen aus", so Theißen.

Auch der US-Virologe Jesse Bloom, ebenfalls Mitverfasser des "Science"-Briefes vom Mai, bleibt skeptisch. Er glaubt ebenfalls nicht, "dass die Daten stark genug oder vollständig genug sind, um etwas mit Sicherheit sagen zu können, außer dass der Huanan-Market eindeutig ein Superspreader-Ereignis war", sagte er der "New York Times". Der Virologe Ian Lipkin von der Columbia University lobte gegenüber dem Blatt zwar "die hervorragende Arbeit", die Worobey bei der Rekonstruktion der ersten Fälle geleistet habe. "Aber ich glaube nicht, dass wir jemals wissen werden, was geschehen ist. Denn es ist zwei Jahre her und immer noch undurchsichtig."

Quelle: ntv.de

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