Wissen

Mittelalter-Massengrab in Europa Frambösie-Erreger an Pest-Opfer gefunden

124457660.jpg

Bei Bauarbeiten in Litauen wird ein mittelalterliches Massengrab entdeckt, in dem die Opfer einer Pest-Epidemie liegen. Die Pest war damals in Europa verbreitet - erstaunlicher an dem Fund ist, an welcher Krankheit eine der Toten zusätzlich gelitten hatte.

Im Skelett einer Frau aus einem mittelalterlichen Massengrab in Litauen haben Forscher neben dem Pestbakterium den Erreger einer weiteren Infektionskrankheit nachgewiesen: der Frambösie. Die heute nur noch in den Tropen vorkommende Krankheit sei damals auch in Europa im Umlauf gewesen, berichten die Wissenschaftler um Kirsten Bos vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena im Fachmagazin "Scientific Reports". Womöglich habe die Frambösie zu einer Epidemie des 15. und 16. Jahrhunderts beigetragen, die bisher als Syphilis interpretiert werde.

ACHTUNG Frei nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit der Berichterstattung über die Studie.jpg

In dem Grab in Vilnius war auch die Leiche einer Frau, die mit der Pest und mit Frambösie infiziert war.

(Foto: Robertas Žukovskis/dpa)

In den Jahren 2006 und 2007 wurden im litauischen Vilnius insgesamt 216 Skelette aus einem bei Bauarbeiten entdeckten mittelalterlichen Friedhof freigelegt. Der Friedhof war historisch nicht bekannt. Da er außerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern lag und viele junge Menschen teils gemeinsam in einem Grab lagen, vermuten Wissenschaftler, dass es sich bei den Toten um die Opfer einer Epidemie handelt.

Abgeleitet vom französischen framboise

Bei mehreren Toten entdeckten die Forscher um Bos genetische Spuren des Pesterregers Yersinia pestis - das war keine Überraschung, da die Pest damals in Europa verbreitet war. Mit einem relativ neuen DNA-Analyse-Verfahren suchten die Forscher dann nach Hinweisen auf weitere Krankheitserreger. Bei einem von vier untersuchten Skeletten - einer jungen Frau - wiesen sie DNA-Spuren von Treponema pallidum pertenue nach. Das Bakterium ist eng verwandt mit dem Erreger der Syphilis, Treponema pallidum.

Es ruft die Erkrankung Frambösie hervor. Das Wort ist abgeleitet vom französischen Wort für Himbeere (framboise) und deutet auf die quaddeligen Hautveränderungen hin, die im Verlauf der Erkrankung auftreten. Heute kommt die Krankheit nur noch in den Tropen vor. Das Genom "in Nordeuropa zu finden, in einem Massengrab aus dem 15. Jahrhundert, war unerwartet", sagt Karen Giffin.

Nur schwer von Syphilis zu unterscheiden

Die Frambösie ist nur schwer von der Syphilis und auch weiteren Treponematosen zu unterscheiden. Ihre Entdeckung sei deshalb für die Interpretation einer vermeintlichen Syphilis-Epidemie im späten Mittelalter bedeutsam, berichten die Wissenschaftler.

frambösie.jpg

Die Erkrankung ruft himbeerähnliche Pusteln hervor und wird darum auch Himbeerpocken oder -seuche genannt.

(Foto: CDC, wikipedia, gemeinfrei)

Einer gängigen Hypothese zufolge trat die Syphilis in Europa erstmals 1495 auf, als die Truppen des französischen Königs Karl VIII. Neapel belagerten. Sie verbreitete sich zunächst unter den Soldaten und später in großen Teilen Europas. Da der Ausbruch kurz auf die Rückkehr von Christoph Kolumbus aus der Neuen Welt folgte, nehmen viele Forscher an, der Erreger sei von dort nach Europa gelangt. Andere vermuten, dass die Syphilis schon lange zuvor in Europa verbreitet war oder dass sie im 15. Jahrhundert über Handelsbeziehungen aus Westafrika eingeschleppt wurde.

Die Diagnose der Frambösie bei einer Frau aus dem mittelalterlichen Europa lasse nun eine weitere Möglichkeit zu. "Aufgrund ihrer Ähnlichkeit zu Syphilis und des zeitähnlichen Auftretens ist es möglich, dass die Frambösie zu dem bekannten Ausbruch im 15. und 16. Jahrhundert beitrug, den wir normalerweise auf Syphilis zurückführen", erläutert Studienleiterin Bos.

"Rätsel um Ursprung von Syphilis bleibt offen"

Mehr zum Thema

Bislang habe man angenommen, die Frambösie sei nur in wärmeren Klimazonen verbreitet. Zumindest der Vorläufer des heutigen Erregers dürfte aber in Nordeuropa überlebensfähig gewesen sein, schreiben die Forscher. Klinisch seien die verschiedenen Treponematosen - es gibt außer Syphilis und Frambösie weitere Erkrankungen, die von Bakterien der Gattung Treponema hervorgerufen werden - nur schwer zu unterscheiden, selbst mit heutigem Wissen. In historischen Berichten ist dies ungleich schwerer.

"Das Rätsel um den Ursprung von Syphilis bleibt weiterhin offen", sagt Bos, "doch die Ökologie der Krankheiten im mittelalterlichen Europa ist deutlich komplexer, als wir denken."

Quelle: ntv.de, Anja Garms, dpa