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Schutz vor neuer Corona-Mutante Impfstoffe wirken auch gegen Delta-Variante

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Die Impfstoffe von Biontech und Astrazeneca verhindern schwere Krankheitsverläufe zuverlässig. Entscheidend ist die zweite Dosis.

(Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com)

Die Delta-Variante des Coronavirus ist inzwischen für mehr als 15 Prozent der Neuinfektionen in Deutschland verantwortlich - Tendenz steigend. Doch wie gut wirken die Impfstoffe gegen die ansteckendere Mutante? Neue Studien geben Anlass zur Hoffnung.

Sie ist ansteckender als die bisherigen Corona-Varianten: Die zuerst in Indien entdeckte Mutante Delta macht Experten und Poltikern Sorgen vor Rückschlägen in der Corona-Krise. Denn die Mutante B.1.617.2 breitet sich weltweit zunehmend aus. Die EU-Krankheitsbekämpfungsbehörde ECDC bezeichnete es am Mittwoch als "sehr wahrscheinlich", dass die Delta-Variante bis Ende August für 90 Prozent der Corona-Neuinfektionen in der EU verantwortlich sein wird. In Großbritannien wird sie bereits in mehr als 95 Prozent aller neuen Fälle nachgewiesen. Und auch in Deutschland breitet sich die Mutante zunehmend aus. Laut Robert-Koch-Institut (RKI) hat sich ihr Anteil im Vergleich zur Vorwoche auf nun 15,1 Prozent verdoppelt. Doch wie wirksam sind die Corona-Impfstoffe gegen die gefährliche Variante?

Mehrere Laboruntersuchungen zeigen, dass sie offenbar resistenter gegen Impfstoffe ist als andere Varianten. So ergab eine britische Studie, die Anfang Juni in der Fachzeitschrift "The Lancet" veröffentlicht wurde, dass die Zahl der Antikörper nach zwei Impfdosen von Biontech/Pfizer bei der Delta-Variante sechsmal niedriger ausfiel als beim ursprünglichen Virustyp. Gegen die erstmals in Großbritannien nachgewiesene Variante Alpha wurde der sogenannte Antikörpertiter um den Faktor 2,6 und gegen die erstmals in Südafrika identifizierte Variante Beta um den Faktor 4,9 abgeschwächt.

Allerdings ist die Zahl der Antikörper zwar ein wichtiges Merkmal der Wirksamkeit eines Impfstoffs, jedoch nicht das einzige. Wer nur die Antikörper berücksichtigt, vernachlässigt insbesondere die Bedeutung der T-Killerzellen, die bereits infizierte Zellen statt des Virus angreifen. Umso wichtiger sind Untersuchungen unter realen statt nur unter Laborbedingungen. Und hier geben die ersten Ergebnisse Anlass zur Hoffnung.

Guter Schutz vor schweren Verläufen

Denn mit einer vollständigen Corona-Impfung lassen sich laut einer Mitte Juni vorgestellten Studie der britischen Gesundheitsbehörde Public Health England (PHE) schwere Krankheitsverläufe bei der Delta-Variante ebenso wirksam vermeiden wie bei der Alpha-Variante. Zwei Dosen des Wirkstoffs von Biontech/Pfizer verhinderten demnach bei der Variante B.1.617.2 in 96 Prozent der Fälle eine stationäre Behandlung. Für das Vakzin von Astrazeneca lag die Quote bei 92 Prozent.

Eine Ende Mai von den britischen Gesundheitsbehörden veröffentlichte Studie kommt zu ähnlichen Ergebnissen auch für weniger schwere Formen der Krankheit. Demnach ist der Biontech-Impfstoff zwei Wochen nach der zweiten Dosis zu 88 Prozent wirksam gegen eine durch die Delta-Variante ausgelöste symptomatische Covid-19-Erkrankung, bei der Alpha-Variante sind es 93 Prozent. Das Astrazeneca-Vakzin hat demnach eine 60-prozentige Wirksamkeit gegen die Delta-Variante und eine 66-prozentige gegen die Alpha-Variante.

Einig sind sich Wissenschaftler darin, dass eine einzelne Dosis nur begrenzt Schutz vor einer Infektion durch die Delta-Variante bietet. So ergab die in "The Lancet" veröffentlichte Studie, dass 79 Prozent der Geimpften nach einer ersten Dosis von Biontech/Pfizer "eine quantifizierbare neutralisierende Antikörperreaktion" gegen den ursprünglichen Virusstamm hatten, bei der Variante B.1.617.2 hingegen nur 32 Prozent. Auch das französische Institut Pasteur erklärte, eine einzelne Astrazeneca-Dosis habe "wenig bis gar keine Wirksamkeit" gegen die Delta-Variante.

Daten der britischen Regierung weisen in dieselbe Richtung: Beide Impfstoffe waren demnach drei Wochen nach der ersten Dosis nur zu 33 Prozent wirksam gegen eine durch die Delta-Variante verursachte symptomatische Covid-19-Erkrankung. Die britische Regierung verringerte daraufhin unlängst den Abstand zwischen der ersten und der zweiten Impfung für Menschen über 40 Jahren von zwölf auf acht Wochen.

Biontech-Chef: Anpassung noch nicht nötig

Biontech-Chef Uğur Şahin hält trotz einer zunehmenden Verbreitung von Virusvarianten derzeit keine Anpassung seines Covid-19-Impfstoffs für nötig. "Um vorbereitet zu sein und schnell reagieren zu können, falls eine dritte Dosis oder eine Anpassung an einen neuen Virusstamm erforderlich werden sollte, analysieren wir kontinuierlich die Wirksamkeit des Impfstoffs, auch gegen neu auftretende Varianten", sagte Şahin auf der Hauptversammlung des Mainzer Biotechunternehmens. "Derzeit gibt es keine Hinweise darauf, dass eine Anpassung unseres Impfstoffs an kursierende Varianten notwendig ist."

Noch wisse man nicht, wann und wie oft eine Auffrischungsimpfung nötig sein werde. Er gehe aber davon aus, "dass eine dritte Impfung für die Auffrischung der Immunität von hohem Wert ist", so Şahin. Das Wissen über das Coronavirus nehme stetig zu. "Wir beobachten, dass die Immunität mit der Zeit nachlassen wird und neue Varianten entstehen."

Bislang keine Daten zu Moderna und Johnson & Johnson

Zu dem Impfstoff von Johnson & Johnson liegen bisher noch keine Studiendaten in Bezug auf die Delta-Variante vor. Allerdings gibt es Einschätzungen von Experten, die sich ebenfalls positiv äußern. "Man hat zwar noch keine Daten vorliegen, wie sich der Impfschutz gegenüber der Delta-Variante verhält, aber es gibt positive Hinweise", wird Professor Carsten Watzl als Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie von der "Augsburger Allgemeinen" zitiert. Denn Johnson & Johnson wurde auch in Südafrika getestet. Die zuerst dort festgestellte Beta-Variante "entgehe der Immunantwort noch mehr als die Delta-Variante", erklärt Watzl.

"Johnson & Johnson konnte hier mit der Einfach-Dosis immer noch eine Effektivität von 64 Prozent beim Schutz gegen eine Erkrankung vorweisen und schützt mit knapp 90 Prozent gegen einen schweren Verlauf", so der Immunologe. "Deshalb gehe ich davon aus, dass Johnson & Johnson auch gegen die Delta-Variante wirkt." Die Frage sei allerdings, wie lange dieser Immunschutz anhalte, deshalb werde aktuell noch getestet, ob auch für den Impfstoff von Johnson & Johnson eine Zweitimpfung sinnvoll wäre.

Auch die Wirksamkeit des Vakzins von Moderna muss noch untersucht werden. Der oberste medizinische Berater von US-Präsident Joe Biden, Anthony Fauci, zeigte sich aber kürzlich in einem Interview mit der "Washington Post" optimistisch. Gerade das Präparat von Moderna, das auf derselben mRNA-Technologie aufgebaut wie das Biontech-Vakzin, sollte einen ähnlichen Schutz bieten, erklärte der Immunologe.

Quelle: ntv.de, hny/AFP

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