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Stöhr und Kekulé äußern Zweifel Ist es richtig, Kinder zu impfen?

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Bei Kindern ist es viel schwieriger als bei Erwachsenen zu sagen, dass der Nutzen das Risiko einer Impfung klar überwiegt.

(Foto: imago images/Sven Simon)

Im Sommer sollen auch Kinder ab zwölf Jahren gegen Covid-19 geimpft werden. Der deutsche Ärztetag fordert dies, um einen sicheren Schulbetrieb im Herbst zu garantieren. Die Epidemiologen Klaus Stöhr und Alexander Kekulé warnen aber vor einem Schnellschuss - im Interesse der Kinder.

Im Winter war es noch fraglich, ob überhaupt alle Erwachsenen, die das möchten, bis zum Herbst gegen Covid-19 geimpft sein könnten. Jetzt geht aber alles ganz schnell: Das Vakzin von Biontech/Pfizer soll schon im Juni eine Zulassung der EU-Arzneimittelbehörde (EMA) für 12- bis 18-Jährige erhalten, und Gesundheitsminister Jens Spahn möchte allen in dieser Altersgruppe bis zum Ende der Sommerferien ein Impfangebot machen. Jüngere Kinder könnten später folgen, wenn entsprechende Impfstoffe zur Verfügung gestellt werden.

Kinder und Jugendliche zu impfen, scheint auf den ersten Blick ein sinnvoller Schritt zu sein, schließlich leiden besonders junge Menschen unter den Einschränkungen. Doch so einfach ist die Sache nicht, sagen die Epidemiologen Klaus Stöhr und Alexander Kekulé. Sie nennen gute Gründe, warum man bei Impfungen für Kinder besonders sorgsam und vorsichtig vorgehen sollte.

Ärztetag fordert Impfstrategie für Kinder

Für den deutschen Ärztetag ist die Angelegenheit klar. Er hat die Bundesregierung in einer Pressemitteilung aufgefordert, "unverzüglich eine Covid-19-Impfstrategie für Kinder und Jugendliche zu entwickeln." Er begründet dies mit dem Recht auf Bildung, das für das kommende Schuljahr nur so gewährleistet werden könne. Außerdem drohe ohne rechtzeitige Impfungen ein erneuter Lockdown, der in dieser Altersgruppe zu weiteren gravierenden negativen Folgen für die psychische Entwicklung führe - besonders bei jüngeren Kindern.

Dem pflichtet der Vorsitzende des deutschen Kinderschutzbundes bei. "Die Kinder werden ohnehin benachteiligt und diskriminiert schon in dem gesamten Verfahren, das wir haben, seitdem es diese Pandemie gibt", sagte Heinz Hilgers im Deutschlandfunk.

Epidemiologe Alexander Kekulé mahnt allerdings zur Vorsicht. Bei der erwarteten Freigabe der EMA für den Biontech-Impfstoff handele es sich um eine Notfallzulassung, sagte er in seinem MDR-Podcast, man arbeite daher mit unvollständigen Daten.

Schwierige Nutzen-Risiko-Abwägung

In den Richtlinien der EMA stehe ganz klar, "der Vorteil für die Patienten muss die Risiken eindeutig überwiegen." Dies zu bestimmen sei allerdings in dieser Altersgruppe schwierig. Zum einen könne es bei Kindern unter Umständen heftigere Impfreaktionen (höhere Reaktogenität) geben als bei Erwachsenen, so Kekulé. Die Wiener Ärztekammer schreibt zu der Thematik: "Da Kinder prinzipiell zu verstärkten Impfreaktionen neigen und Covid-19-Impfstoffe insgesamt reaktogener sind als andere Impfstoffe, könnten bei Kindern auch unter Umständen deutlich stärkere Nebenwirkungen auftreten. Zusätzlich kann nicht ausgeschlossen werden, dass es in dieser Altersgruppe zu derzeit noch nicht bekannten Nebenwirkungen kommt."

Zum anderen müsse man sich die Frage stellen, ob für diese Altersgruppe eine Impfung wirklich ein großer Vorteil ist, da sie ja viel seltener krank oder gar sterben würde, sagt Kekulé. Natürlich hätten auch Kinder und Jugendliche kein Nullrisiko. Unter anderem gäbe es MIS-C, auch als PIMS bezeichnet, wobei eine Überreaktion des Immunsystems die inneren Organe massiv schädigt.

Diese Erkrankung führe auch zu Todesfällen, sei aber extrem selten, sagt Kekulé. Laut einer britischen Studie erkranke etwa eins von 5000 mit Corona infizierten Kindern. Außerdem bestehe im Extremfall die Möglichkeit, dass eine Impfung das Syndrom auslöst. Es handle sich dabei um eine Autoimmunkrankheit, und eine Impfung stimuliere ja das Immunsystem. So eine äußerst seltene Nebenwirkung im Vorfeld mit wenigen Probanden nachzuweisen, sei extrem schwierig, so Kekulé.

Langzeitfolgen wichtigstes Argument pro Impfungen

Long-Covid trete bei Kindern schon häufiger auf, sagt der Epidemiologe. Unter anderem zeige eine britisch-russische Studie, dass auch bei unter 18-Jährigen relativ häufig noch etliche Monate nach der Infektion entsprechende Symptome auftreten. "Insgesamt kann man sagen, Kinder leiden darunter, ja, aber sehr selten, sehr wenig. Und ist das eine Rechtfertigung zu impfen?"

Die Überlegung, ob der Nutzen das Risiko deutlich übersteige, müsse die EMA in diesem Fall auf die Goldwaage legen", sagt Kekulé. Er hoffe sehr, dass die EU-Behörde dies mache. "Ich habe so ein bisschen Sorge, dass man quasi so im Überschwang das jetzt durchwinkt, nach dem Motto 'Impfstoff her!'. Alle wollen ja wieder in die Datsche fahren. Alle wollen sich impfen lassen, weil sie hoffen, im Sommer dann Urlaub machen zu können."

Die Motivation für die Impfung müsse sein, Krankheit zu verhindern ,"und zwar bei denjenigen, die geimpft werden." Er sieht es daher auch kritisch, Impfungen von Kindern aus Gründen der sogenannten Herdenimmunität zu befürworten. Juristisch, formal oder ethisch sei es bei Kindern nicht so einfach wie bei Erwachsenen.

Stöhr rechnet mit keiner allgemeinen Empfehlung

Epidemiologe und Virologe Klaus Stöhr sieht dies ähnlich. Er erwartet, dass in Deutschland die Ständige Impfkommission (Stiko) Impfungen für Kinder wohl nicht grundsätzlich empfehlen wird. Es habe sich in Israel oder Großbritannien eindeutig gezeigt, dass die Infektionshäufigkeit bei Kindern mit dem Impffortschritt bei den Erwachsenen nachlasse, so Stöhr im Gespräch mit ntv.de.

Virologe Christian Drosten hat dies kürzlich im ZDF mit Bezug auf die britischen Erfahrungen weitgehend bestätigt: In England "haben wir viele Erwachsene, viele Eltern jetzt geimpft. Und wir sehen erstaunlicherweise, nachdem jetzt ein Monat oder in einigen Teilen sogar noch länger die Schulen offen sind, mit Testbetrieb, zweimal wöchentlich Abstrich und Testung, also wirklich strenge Regeln, aber ein offener Schulbetrieb: Die Zahlen in den Schulen kommen jetzt nicht hoch. Und das ist ganz anders als im Dezember, wo wir vier-, fünfmal so hoch in der Inzidenz lagen wie bei den Erwachsenen."

"Das bestätigt den Großteil der Befunde, die nicht nur in der Welt, sondern auch in Deutschland zusammengefasst wurden, dass die Hauptinfektionsrichtung von den Erwachsenen zu den Kinder geht und nicht umgekehrt von den Kindern zu den Erwachsenen." Man müsse jetzt in Deutschland noch abwarten, ob hier die Entwicklung ähnlich wie in Israel oder Großbritannien ablaufe, so Stöhr im Gespräch mit ntv.de. "Alles andere wäre aber eine Überraschung." Und dann werde sich die Frage stellen, warum man die Kinder impfen solle.

Stiko-Experte vorsichtig

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Auch Stöhr geht es dabei um eine Nutzen-Risiko-Abwägung. "Jede Impfung geht mit Nebenwirkungen einher. Die dürfen niemals den zu erzielenden Nutzen übersteigen. Ich würde mich freuen, wenn es einen so guten Impfstoff geben würde, dass man eine Sars-CoV-2-Impfung für die 15 Millionen Kinder tatsächlich empfehlen würde. Die Hürde dafür wird wie bei allen pädiatrischen Impfstoffen sehr hoch sein."

Stiko-Experte Martin Terhardt äußerte sich in einem MDR-Interview vorsichtig. Weil das Nutzen-Risiko-Verhältnis bei Kindern und Jugendlichen ganz anders als bei Erwachsenen sei, könne er sich vorstellen, dass erstmal nur die Impfung von Risiko-Patienten mit Vorerkrankungen dieser Altersgruppe empfohlen werde, sagte er. Versprechen der Politik, im Sommer alle 12- bis 18-Jährigen zu impfen, hält er für übereilt. Die Stiko könne Eltern jetzt auch noch nicht sagen, "dass der Impfstoff absolut sicher ist und sie kein Risiko eingehen."

Quelle: ntv.de

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