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Zehntausende betroffen Wie groß ist das Long-Covid-Problem?

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Sars-CoV-2 kann auch noch Monate, nachdem sich ein Covid-19-Patient besser fühlt, härter als zuvor zuschlagen.

(Foto: imago images/MiS)

Wenn eine Corona-Erkrankung auch nach einigen Monaten nicht auskuriert ist oder belastende Symptome erst dann auftreten, spricht man von Long-Covid oder dem Post-Covid-Syndrom. In Deutschland könnten Zehntausende betroffen sein, auch viele jüngere Menschen. Langsam zeigt sich, wie groß das Problem tatsächlich ist.

Durch den Impffortschritt sterben immer weniger Menschen an Covid-19, auch der Druck auf die Intensivstationen nimmt allmählich ab. Für viele hat damit das Ende der Pandemie begonnen, was vielleicht ja auch richtig ist. Die Probleme enden damit aber nicht. Denn in Deutschland leiden bereits Tausende Menschen am sogenannten Long-Covid oder Post-Covid-Syndrom, und es könnte noch weit schlimmer werden. Die Selbsthilfe-Organisation Langzeit-Covid fürchtet bis Ende 2021 bis zu 100.000 Fälle in Deutschland. Dies könnte nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für die Gesellschaft in den kommenden Monaten ein großes Problem werden.

Rund 3,1 Millionen Menschen, die Covid-19 hatten, gelten offiziell als genesen. Doch für viele von ihnen heißt das nicht, dass die Krankheit damit für sie erledigt ist. Viele haben auf die eine oder andere Art und Weise mit Langzeitfolgen zu kämpfen. Noch ist dieser Aspekt der Krankheit nicht ausreichend erforscht, doch allmählich sieht die Wissenschaft klarer.

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Jördis Frommhold vor dem Eingang der Median Klinik Heiligendamm.

(Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild)

Jördis Frommhold leitet die Abteilung für Atemwegserkrankungen und Allergien in der Median Klinik Heiligendamm, die sich auf die Rehabilitation von Covid-19-Patienten mit Langzeitfolgen spezialisiert hat. Inzwischen seien es bereits fast 700 Fälle gewesen, sagte sie ntv.de. Die Klinik sei voll belegt und es gäbe bereits Wartezeiten.

Drei Gruppen von Genesenen

Frommhold teilt die Genesenen in drei Gruppen ein. In der ersten sind Menschen, die eine Corona-Infektion mit geringen oder gar keinen Symptomen überstanden haben und keine weiteren Probleme haben. Dabei handelt es sich um die große Mehrheit der Infizierten.

Die zweite Gruppe sind Covid-19-Patienten mit sehr schweren Verläufen, die unter anderem künstlich auf Intensivstationen beatmet werden mussten. Einer britischen Studie zufolge leiden rund 70 Prozent von ihnen im Median noch fünf Monate nach der Entlassung unter Langzeitfolgen.

"Sie kommen zu uns mit Leistungsminderung, mit pathologischer Atmung, mit Schonatmung, mit Neigung zur Hyperventilation, aber eben auch neurologischen Einschränkungen", sagte Frommhold im Podcast der "Ärztezeitung". Dazu gehörten Gangunsicherheiten, Taubheitsgefühle und Sensibilitätsstörungen, aber auch psychosomatische Symptome. Diese Gruppe sei in der Reha aber sehr gut therapierbar, sagt Frommhold.

Rebound-Symptomatik bereitet größte Sorgen

Sorgen bereiten ihr vor allem Patienten der Gruppe 3. Denn dabei handelt es sich oft um jüngere Menschen, die zunächst nur eine leichte Erkrankung hatten und sich scheinbar davon erholt hatten. Nach ein bis vier Monaten zeigten sie aber eine sogenannte Rebound-Symptomatik, so Frommhold. Das heißt, die Krankheit schlägt erneut und verstärkt zu.

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Die Reha von Post-Covid-Patienten kann sehr langwierig sein.

(Foto: picture alliance / Hans Lucas)

Die Patienten zeigten massive Leistungseinbußen, eine Fatigue-Symptomatik mit bleierner Müdigkeit, aber auch neurologisch kognitive Einschränkungen. Dazu gehörten Gedächtnisstörungen, Wortfindungsstörungen, Schwindel und Gangunsicherheit oder auch demenzielle Symptome, zählt Frommhold auf. Außerdem müssten Patienten der Gruppe 3 oft mit massivem Haarausfall, Gelenk- und Muskelschmerzen, aber auch vegetative Dysfunktionen wie einen plötzlichen Blutdruckanstieg (hypertensive Entgleisung).

Neben den Ursachen von Post-Covid ist es nicht nur medizinisch, sondern auch gesellschaftlich wichtig zu wissen, welche Menschen besonders oft betroffen sind und wie viele der Infizierten mit solchen Spätfolgen zu kämpfen haben. Unter anderem geht es um Kosten und die Belastung des Gesundheitssystems, was mit einschränkenden Maßnahmen und Lockerungen abgewogen werden muss. Da Post-Covid-Patienten oft lange vollständig oder teilweise arbeitsunfähig sind, ist damit auch eine Belastung der Wirtschaft verbunden.

5 bis 15 Prozent betroffen

Dabei geht es vor allem um die Gruppe 3, da die Zahl der langfristig zu therapierenden Intensivpatienten eine relativ gut bestimmbare Größe ist. Sie behandle inzwischen auch deutlich mehr Patienten, die zuvor nur leichte Symptome hatten, sagte Frommhold ntv.de.

Da ein Post-Covid-Syndrom nicht immer oder selten diagnostiziert wird und es dafür kein Meldesystem gibt, schwanken die Einschätzungen noch erheblich. Verschiedenen Studien und Einschätzungen zufolge könnten zwischen 5 und 15 Prozent der Infizierten betroffen sein. Die meisten Experten gehen von Anteilen um 10 Prozent aus.

Forscher der Uniklinik Köln beobachteten für ihre Studie (Preprint) die Entwicklung von insgesamt 958 Covid-19-Patienten sieben Monate lang. 12,8 Prozent von ihnen entwickelten Post-Covid-Syndrome.

Mehr als zwei Drittel weiblich?

Für eine schwedische Studie wurden mehr als 2000 Mitarbeiter eines Krankenhauses getestet und beobachtet. Insgesamt hatten 323 Angestellte mit positivem Coronatest einen leichten Krankheitsverlauf. Von dieser Gruppe hatten etwa 15 Prozent nach acht Monaten oder länger noch Symptome, die sie privat oder im Arbeitsleben einschränkten. Das Durchschnittsalter der Betroffenen war 43, 268 von ihnen waren Frauen.

Die Berliner Charité beobachtete 42 Patienten, die sich in ihrem Fatigue Centrum gemeldet hatten. Nach sechs Monaten hatte alle noch mit schwerer Müdigkeit zu kämpfen, waren nicht voll belastbar, klagten über Kopf- und Muskelschmerzen oder hatten kognitive Störungen. Das Durchschnittsalter der Gruppe betrug 36,5 Jahre, die Patienten waren zwischen 22 und 62 Jahre alt. Mehr als zwei Drittel (29) von ihnen war weiblich. Auch Jördis Frommhold hat in ihrer Reha-Einrichtung festgestellt, dass etwa zwei Drittel der bereits fast 700 behandelten Post-Covid-Patienten in Heiligendamm Frauen sind.

Fünf frühe Symptome erhöhen Long-Covid-Risiko

Für eine britische Studie werteten Wissenschaftler die Daten von fast 4200 Teilnehmern aus, die nach einem positiven Test ihre Erfahrungen in eine App eingaben. 13,3 Prozent (558) hatten nach 28 Tagen noch Symptome, 4,5 Prozent (189) nach zwei, 2,3 Prozent (95) nach drei Monaten. Im Median aller Teilnehmer betrug die Symptomdauer elf Tage.

Die Wissenschaftler stellten fest, dass das Risiko, nach 28 Tagen oder mehr Beschwerden zu haben, besonders hoch ist, wenn in der ersten Woche der Erkrankung fünf Symptome auftreten: Müdigkeit, Atemnot, Kopfschmerzen, Heiserkeit und Muskelschmerzen. Ihren Beobachtungen nach wächst die Wahrscheinlichkeit, an Long-Covid zu leiden, mit zunehmendem Alter und Übergewicht. Außerdem stellten auch sie fest, dass Frauen häufiger als Männer betroffen sind.

Mehr als ein Viertel jünger als 40

An der Universität Washington wurden für eine nach dem Alter strukturierten Studie 234 Patienten zwischen 18 und 94 Jahren befragt. Elf (6,2 Prozent) von ihnen waren asymptomatisch, 150 (84,7 Prozent) wurden ambulant mit leichten Erkrankungen behandelt, 16 (9,0 Prozent) hatten mittelschwere oder schwere Erkrankungen, die einen Krankenhausaufenthalt erforderten.

17 von 64 Patienten (26,6 Prozent) zwischen 18 und 39 Jahren, 25 von 83 Patienten (30,1 Prozent) im Alter von 40 bis 64 Jahren und 13 von 30 Patienten (43,3 Prozent) über 65 Jahre und älter berichteten nach einem Monat oder später über anhaltende Symptome. Von 150 ambulant behandelten Patienten waren 49 (32,7 Prozent), von 16 hospitalisierten Patienten fünf (31,3 Prozent) betroffen.

Dass viele jüngere Menschen unter den Post-Covid-Patienten sind, deckt sich mit der Erfahrung, die Frommhold in Heiligendamm gemacht hat. Die meisten Patienten der Gruppe 3 seien etwa 20 bis 50 Jahre alt, sagte sie ntv.de.

Kinder seltener, aber ebenfalls betroffen

Australische Forscher wollten herausfinden, wie oft sehr junge Menschen vom Post-Covid-Syndrom betroffen sind. Sie werteten für ihre Studie die Daten von 151 Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren aus, die nach einem positiven Covid-19-Test an die Kinderklinik in Melbourne überwiesen wurden.

Die meisten von ihnen hatten milde oder asymptomatische Verläufe. Zwölf (8 Prozent) der jungen Patienten zeigten nach drei bis sechs Monaten post-akute Syndrome. Sechs von ihnen (4 Prozent) hatten leichten Husten, drei (2 Prozent) litten unter Müdigkeit. Nach spätestens acht Wochen waren diese Symptome abgeklungen.

Die Studienlage in Sachen Post-Covid bei Kindern ist noch sehr schwach. Man sehe aber zunehmend, dass auch Kinder und Jugendliche betroffen sind", sagte Frommhold ntv.de. Eine Studie, bei der Haushalte mit Corona-Fällen über längere Zeit begleitet wurden, habe gezeigt, dass fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen unter 14 Jahren drei Monate nach der Infektion noch mindestens ein Symptom aufwiesen, sagte Markus Hufnagel dem BR. Bei Erwachsenen betreffe es hingegen bis zu jeden Dritten. Hufnagel ist Oberarzt der pädiatrische Infektiologe vom Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin der Universitätsklinik Freiburg.

Unter anderem steht Sars-CoV-2 unter dem Verdacht, das Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome (PIMS) auszulösen, wobei eine Überreaktion des Immunsystems die inneren Organe massiv schädigt. Hufnagel ist daher an einer Erhebung der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGI) beteiligt, die Daten zu Häufigkeit und spezifischen klinischen Symptomen von Long-Covid bei Kindern und Jugendlichen sammelt.

Weitere Schritte nötig

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Für Frommhold ist es dringend notwendig, dass man sich in Deutschland mehr auf die Post-Covid-Patienten einstellt. Zumal die Betroffenen der zweiten und dritten Welle ja erst noch kämen - aktuell habe sie auch noch Patienten vom März 2020. Dafür bräuchte es unter anderem zusätzlich zu den Post-Covid-Ambulanzen an den Unikliniken noch flächendeckendere Kompetenzzentren als es sie bisher gäbe, sagte sie ntv.de. "Es spielt eine entscheidende Rolle, dass Akut-Medizin und Reha-Wissen miteinander verknüpft werden."

Dabei geht es auch darum, Post-Covid erstmal richtig zu diagnostizieren. Frommhold hält es deshalb "für besonders zielführend, wenn man diese beiden Säulen des Gesundheitssystems zusammenführt." Davon würden auch Patienten nach der Reha profitieren, da sie eine neue Anlaufstelle hätten, sagte sie ntv.de. Sie freut sich deshalb, dass sich jetzt der Bundestag erstmals mit Post-Covid beschäftigt. Unter anderem geht es auf Antrag der Linken darum, die Forschung auszubauen und die Versorgung von Betroffenen sicherzustellen.

Quelle: ntv.de

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