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Ein klassisches Dilemma Krise, soziale Distanz und Suche nach Nähe

Die Menschen wollen sich in der Krise auch physisch näher kommen - dürfen es aber nicht.

Die Menschen wollen sich in der Krise auch physisch näherkommen, dürfen es aber nicht.

(Foto: imago images/A. Friedrichs)

Die Corona-Krise schlägt vielen Menschen aufs Gemüt: Soziale Distanzierung, weitgehende Isolation und wirtschaftliche Einbußen bereiten Sorgen. Laut einer Forscherin stecken die Menschen deshalb in einem großen sozialen Dilemma. Doch eine Sache hilft zumindest ein wenig.

Während Politiker und Wissenschaftler über den Sinn der frühen Corona-Lockerungen streiten, äußert sich nun eine Forschergruppe zum Dilemma, das soziale Distanzierung in der Krise hervorbringt. Einerseits gibt es das Kontaktverbot, andererseits, so belegen bisherige Forschungen, machen die Bedrohungen Menschen sozialer.

"Soziale Kontakte sind ein wesentlicher Bestandteil unserer psychischen Gesundheit. Untersuchungen zeigen, dass wir, wenn wir uns in Gefahr fühlen, dazu neigen, uns physisch näher zu kommen, und wir suchen und geben noch mehr soziale Unterstützung", erklärt Ophelia Deroy ntv.de.

Die Wissenschaftlerin, die den Lehrstuhl für Philosophy of Mind in München hat, weist in einem Debattenbeitrag im Fachjournal "Current Biology" darauf hin, dass diese Situation ein klassisches Dilemma sei. "Damit umzugehen, ist aktuell die größte Herausforderung für uns", schreibt sie gemeinsam mit anderen europäischen Kollegen.

Das Problem sei demnach nicht, dass wir in der Krise egoistisch werden oder die Gefahr ignorieren, wie uns Bilder von leeren Supermarktregalen oder vollen Parks weismachen wollen. Die Aufnahmen seien irreführend, schreiben Deroy und ihre Kollegen, der Sozial-Neurowissenschaftler Chris Frith vom University College London und Guillaume Dezecache, ein Sozialpsychologe der Universität Clermont Auvergne. Denn die Krise würde vielmehr etwas anderes bei den Menschen auslösen.

Bei Bedrohung suchen Menschen noch mehr Kontakt

Wenn sie einer Bedrohung ausgesetzt sind, suchten Menschen noch mehr als sonst den sozialen Kontakt, schreiben die Wissenschaftler in ihrem Fachbeitrag. Aus den Neurowissenschaften, der Psychologie und der Evolutionsbiologie gebe es immer mehr Belege dafür, dass Bedrohungen uns sozial unterstützender und kooperativer machen. "Die Menschen haben Angst, sie suchen den Kontakt zu anderen, aber das erhöht in diesem Fall das Infektionsrisiko für uns alle", meint Guillaume Dezecache.

Aus wissenschaftlicher Sicht ist es dementsprechend umso schwieriger für jeden Einzelnen, auf weitere Kontakte mit Freunden, Bekannten und der erweiterten Familie zu verzichten. Paradoxerweise seien also nicht die antisozialen Reaktionen der Menschen auf Gefahren das Problem, sondern die sozialen. "Social Distancing" stehe im Widerspruch zu unseren natürlichen Reaktionen auf Bedrohung. Denn, so Deroy: "Soziale Kontakte sind kein Plus, auf das wir verzichten können: Sie sind ein Zustand der Normalität."

In dem veröffentlichten Beitrag wird das sogar noch deutlicher von den Wissenschaftlern formuliert: "Unsere Gehirne reagieren nicht positiv auf ihre Präsenz (soziale Kontakte - Anm.d.R.), aber negativ auf ihren Verlust. Menschen können sich nach sozialen Kontakten genauso sehnen, wie sie sich nach Essen sehnen." Weiter erklären die Forscher: "Wenn wir wissen, dass es etwas zu verlieren anstatt zu gewinnen gibt, sind wir dazu geneigt, uns anderen anzuschließen, Stress abzubauen, und reduzieren unser Verantwortungsgefühl." Das ist in der aktuellen Corona-Krise aufgrund des Kontaktverbots besonders schwierig.

Soziale Kontakte werden verlagert

Die Erkenntnisse belegen, warum es Menschen in der aktuellen Phase der Pandemie umso schwerer fällt, bei den ersten Lockerungen nicht über die Stränge zu schlagen, auch wenn sich das Infektionsrisiko bei ansteigenden Kontaktzahlen erhöht.

Doch trotz dieser Fakten gibt es einen Weg, der zumindest ein wenig Hilfe verschafft: die Interaktion über das Internet. "Unsere ursprünglichen Neigungen sind kooperativ, nicht egoistisch. Wir können aber die Forderung nach sozialer Distanzierung durch den Zugang zum Internet bewältigen", scheibt Chris Frith in dem Beitrag.

Wie gut das funktionieren wird, ist nach Ansicht von Deroy aber noch offen: "Das Internet bietet keinen physischen Kontakt, und ob es uns hilft, mit dem fehlenden Kontakt zurechtzukommen, oder ob es eine Frustration kultiviert, bleibt hier bei Covid-19 abzuwarten", meint aber die Philosophin Ophelia Deroy auf Anfrage von ntv.de. Doch das Internet habe die Fähigkeit, die Zahl der Menschen, von denen wir Unterstützung erhalten können, zu erhöhen, erklärt sie weiter. "Wir sehen immer mehr kollektive Videoanrufe, zum Beispiel mit zehn oder mehr Freunden oder Familienmitgliedern, die dies vorher nie getan hätten und Treffen in kleinem Rahmen bevorzugen."

Der freie Zugang zum Internet sei in dieser Zeit nicht nur ein Beitrag zur Meinungsfreiheit, sondern auch zur öffentlichen Gesundheit.

Quelle: ntv.de

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