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Verzicht auf Kinderpornografie Pädosexuelle nehmen Hilfsangebot im Darknet an

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Der Impuls für die Studie kam von pädosexuellen Tätern.

(Foto: picture alliance/dpa)

2021 werden fast 85 Millionen Bilder und Videos von sexuell missbrauchten Kindern im Internet verbreitet - Tendenz steigend. Eine Forschungsgruppe aus Stockholm will Kinder schützen und bietet Menschen, die solche Inhalte ansehen, eine Verhaltenstherapie direkt im Darknet an - mit Erfolg.

Einem Forschungsteam des Karolinska-Institutes in Stockholm ist es gelungen, pädophil orientierte Menschen über das Darknet für eine anonyme Verhaltenstherapie zu gewinnen und damit deren Konsum von Kinderpornografie zu senken. "Unser Ziel ist es, den sexuellen Missbrauch von Kindern zu verhindern", sagt Studienleiter Christopher Rahm in einer Mitteilung des Karolinska-Institutes dazu. "Leider beobachten wir eine zunehmende Verbreitung solcher Materialien im Internet und dass die derzeitigen Strategien zur Eindämmung dieses Trends unzureichend sind. Daher wollten wir testen, ob ein anonymes internetbasiertes Therapieprogramm, das wir 'Prevent It' nennen, Menschen dazu bringen kann, die Verwendung von Material über sexuellen Missbrauch von Kindern einzustellen", wird Rahm weiter zitiert.

Die Idee für die aktuelle Untersuchung kam von Betroffenen, die an einer früheren Studie zur pharmakologischen Behandlung von Pädophilie teilgenommen hatten. Einige von ihnen äußerten in Interviews den Wunsch, früher im Leben Hilfe erhalten zu haben. Einer dieser Studienteilnehmer half dem Forschungsteam sogar bei der Vorbereitung der aktuellen Studie.

Anonyme Rekrutierung übers Darknet

Zunächst hatte das Forschungsteam über einen Zeitraum von zweieinhalb Jahren verschiedene Anzeigen geschaltet und Links in Darknetchats gesetzt und damit die anonyme Verhaltenstherapie angeboten. Von den mehr als 5000 Menschen, die sich daraufhin meldeten, wurden von den Fachleuten 160 Männer, die Bilder und Videos von sexuell missbrauchten Kindern im Netz konsumierten, für die Untersuchung ausgewählt und dann per Zufall in zwei Gruppen eingeteilt.

80 Personen in der ersten Gruppe nahmen an dem Prevent-It-Programm teil. Die anderen 80 Personen erhielten psychologische Beratung über acht Wochen, die zuvor als unwirksame Therapie eingestuft worden war. Die zweite Gruppe diente den Forscherinnen und Forschern als Kontrollgruppe. Beide Gruppen erhielten ihre Therapien acht Wochen lang über das Internet. Sie hatten über eine Webseite oder E-Mails Kontakt zu ihren Therapeuten.

Kein absoluter Verzicht, aber ...

Das Prevent-It-Programm, das sich aus acht verschiedenen Modulen zusammensetzt und besonderes Augenmerk auf die aktive Veränderung von Verhaltens- und Denkmustern sowie die Schulung der Teilnehmer auf die Einwilligungsunfähigkeit von Kindern legt, zeigte Wirkung. Auch wenn durch die Therapie nicht erreicht werden konnte, dass alle Teilnehmer auf den Konsum von kinderpornografischen Inhalten im Darknet verzichteten, hatte die Intervention dennoch messbare Effekte. Das achtwöchige Programm führte dazu, dass die Teilnehmer insgesamt weniger Zeit mit dem Konsum dieser Inhalte verbrachten.

Auffällig war jedoch, dass Prevent-It im Vergleich zur Kontrollgruppe eine relativ geringe Wirkung hatte. Der Grund: Auch die Placebo-Behandlung hatte wider Erwarten bei den Teilnehmern eine Wirkung erzielt. Rund die Hälfte der Teilnehmer in beiden Gruppen gab nach acht beziehungsweise zwölf Wochen an, in der vergangenen Woche keine kinderpornografischen Inhalte mehr konsumiert zu haben. Diese Effekte sahen die Fachleute allerdings nur bei den Teilnehmern, die die Therapie bis zum Ende durchgehalten hatten. In der Prevent-It-Gruppe waren das 37 von 80, in der Placebo-Gruppe 50 von 80 Teilnehmern.

Ergebnisse machen Hoffnung

"Idealerweise würden wir gerne sehen, dass das Verhalten vollständig aufhört, aber die Ergebnisse machen Hoffnung, dass es einen praktikablen, effektiven und sicheren Weg gibt, diese Personen zu behandeln. Wir glauben, dass es eine wertvolle Ergänzung zu anderen Interventionen sein könnte, die darauf abzielen, den sexuellen Missbrauch und die sexuelle Ausbeutung von Kindern zu verhindern", sagte Johanna Lätth, die an der Studie beteiligt war, laut Mitteilung des Institutes.

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Kinderpornografisches Material wird oft im Darknet geteilt. Die verschlüsselte Natur des Darknets macht es einerseits der Polizei schwer, Täter zu identifizieren und zur Verantwortung zu ziehen. Andererseits geben Nutzer solcher Foren selbst an, dass sie sich verzweifelt fühlen und ihr Verhalten einstellen wollen. Aus Scham und Angst vor Strafverfolgung seien sie jedoch nicht bereit, sich an zuständige Behörden oder Stellen zu wenden.

Das Therapieangebot sei niedrigschwellig, relativ günstig und es könne weltweit viele Menschen auch auf dem Land erreichen, sagte Peer Briken, Direktor des Institutes für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf dem Science Media Center in London dazu. Er kündigte zudem an, eine angepasste Form von "Prevent It2" in Portugal, Schweden und Deutschland anzubieten. Die Ergebnisse der Studie wurden im Fachjournal "Internet Intervention" veröffentlicht.

Quelle: ntv.de, jaz

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