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Wenig Parallelen erkennbar Spanische Grippe ganz anders als Covid-19

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Frauen halten sich im Oktober 1918 in den USA mit Bahren bereit, um die Opfer der Spanischen Grippe abzuholen.

(Foto: AP)

1918 bricht eine Grippe-Pandemie aus, die in nur knapp zwei Jahren weltweit 50 Millionen Menschen oder mehr dahinrafft. Weil die ersten Berichte darüber aus Spanien kommen, wird sie als Spanische Grippe bezeichnet und geht als diese auch in die Geschichte ein. Die verheerendste Pandemie des 20. Jahrhunderts wird manchmal mit der aktuellen Corona-Pandemie in Verbindung gebracht. Doch lassen sich wirklich so viele Gemeinsamkeiten finden?

Besonderheiten der Erreger

Der Auslöser der Spanischen Grippe, der als Subtyp A/H1N1 bezeichnet wird, wies eine Reihe von Besonderheiten auf. Er galt beispielsweise als sehr ansteckend. Ein Grund, warum sich das Virus damals so schnell in der Welt ausbreiten konnte. Zudem lag die Letalität, also das Risiko in der Bevölkerung an der Infektionskrankheit zu sterben, bei rund 2,5 Prozent und damit deutlich höher als bei anderen Grippe-Erkrankungen. Auch im Vergleich zur Letalität durch Covid-19, die aktuell auf 0,5 bis auf 1 Prozent geschätzt wird, zeigt sich, dass der Erreger der Spanischen Grippe nicht nur wesentlich ansteckender, sondern auch wesentlich todbringender war als der ursprüngliche Stamm von Sars-CoV-2 gegenwärtig.

Eine weitere Besonderheit der Spanischen Grippe und damit auch ein weiterer Unterschied zu Covid-19 ist, dass von 1918 bis 1920 vor allem junge Menschen im Alter zwischen 20 und 40 Jahren an der Grippe starben. Bei Covid-19 mit dem ursprünglichen Sars-CoV-2-Erreger hingegen kommt es vor allem bei älteren Menschen zu schweren Verläufen, von denen einige schließlich tödlich enden. Wie sich die Sterblichkeit bei Infektionen mit den Sars-CoV-2-Mutationen entwickeln wird, kann derzeit nur gemutmaßt werden. Beiden Erregern gemein ist aber die schnelle, weltweite Ausbreitung. Wurde der Grippeerreger vor allem über Tröpfchen- und Kontaktinfektionen weitergegeben, geht man beim Sars-CoV-2 davon aus, dass vor allem kleinste Schwebeteilchen in der Luft bei der Verbreitung maßgeblich sind.

Die Herkunft

Bisher kann nicht genau geklärt werden, woher der Erreger der Spanischen Grippe ursprünglich kam. Es gibt eine Reihe von Hinweisen, dass A/H1N1, so wie Sars-CoV-2 auch, ursprünglich aus China stammt. In anderen Theorien wird der Ausgangspunkt der Pandemie 1918 und damit den Ursprung des Erregers in Nordfrankreich oder in den Vereinigten Staaten verortet.

Viele Historiker stimmen aber darin überein, dass es US-Soldaten waren, die das Influenzavirus gegen Ende des Ersten Weltkriegs vom Mittleren Westen der USA nach Europa gebracht haben. Den Berichten zufolge tauchte die Krankheit erstmals im US-Bundesstaat Kansas in einem Camp auf, in dem Soldaten für ihren Einsatz in europäischen Schützengräben ausgebildet wurden. Der Armeekoch Albert Gitchell meldete sich dort am Morgen des 4. März 1918 mit rasenden Kopf- und Gliederschmerzen, hohem Fieber und Halsschmerzen auf der Krankenstation. Im Laufe des Tages kamen weitere 100 Soldaten mit gleichen Symptomen hinzu. Drei Wochen später waren über 1000 Rekruten krank, 38 davon starben. Gitchell ging später als "Patient null" der Spanischen Grippe in die Geschichte ein.

Trotz der massenhaften Erkrankungen wurden Tausende US-amerikanische Soldaten im März und April 1918 zum Kampf nach Frankreich verschifft und mit ihnen auch das Influenzavirus. Von da aus könnte es sich zunächst unter den Soldaten und später auch unter den Zivilisten rasend schnell ausgebreitet haben. Obwohl ganze Einheiten durch die Grippe lahmgelegt worden waren, bekam die Presse einen Maulkorb verpasst und durfte nicht darüber berichten. Die Öffentlichkeit sollte nicht zusätzlich zu den Wirren des Krieges beunruhigt werden.

Harmloser Beginn

Es habe damals alles relativ harmlos begonnen, erklärt Wilfried Witte, der als Arzt und Historiker seit Jahren zur Spanischen Grippe forscht. Während der ersten Ansteckungswelle im Frühjahr 1918 erkrankten zwar sehr viele Menschen, aber relativ wenige starben daran. Doch dann kam die zweite, überaus tödlich Welle. Obwohl man im Sommer 1918 glaubte, die Grippesaison sei vorbei, kehrte das Virus in mutierter Form nicht erst im Winter, sondern bereits im August zurück. Ende Oktober, Anfang November starben ungewöhnlich viele Menschen an der Infektionskrankheit. Auf diesem Höhepunkt der sogenannten Herbstwelle waren zwei von drei Bürgern an der Spanischen Grippe erkrankt, schätzte die preußische Gesundheitsbehörde. Das Virus, nun nicht nur aggressiver, sondern auch tödlicher, rafft schließlich mehr Menschen dahin als der Erste Weltkrieg. Schätzungen zufolge sterben 27 bis 50 Millionen Menschen daran, manche Experten gehen sogar von 100 Millionen Menschen aus, bei einer damaligen Weltbevölkerung von rund 1,8 Milliarden.

Doch nicht nur die aggressivere Mutation ist der Grund für die vielen Toten. Auch die vorherrschenden Lebensbedingungen in dieser Zeit sind eine Ursache dafür. Bei den am Ende des Krieges durch Hungers- und Wohnungsnot geschwächten Menschen und den oftmals katastrophalen Hygienezuständen hatte das Virus leichtes Spiel: "Der Gesundheitszustand des Volkes ist geschwächt; neben den furchtbaren Verlusten an Menschenleben und Manneskraft im Felde haben Entbehrungen, Unterernährung und die Folgen einer schweren Epidemie die Volkskraft zerrüttet", zitiert das Deutsche Ärzteblatt das Ärztliche Vereinsblatt vom 23. Dezember 1918 in einem Bericht dazu.

Woran Infizierte starben

Auch wenn beide Krankheitserreger hauptsächlich die Lungen befallen, unterscheiden sich die Todesursachen bei der Spanischen Grippe von denen bei Covid-19 oftmals. Man geht heute davon aus, dass ein Großteil der an der Spanischen Grippe Erkrankten an einer bakteriellen Lungenentzündung starb. Denkbar ist, dass die Körper von Infizierten so geschwächt waren, dass Bakterien eindringen konnten und zu einer sogenannten Superinfektion geführt haben. Den zeitgenössischen Berichten zufolge spuckten viele Grippekranke Blut, ihre Körper verfärbten sich durch Sauerstoffarmut dunkelblau. Die Erkrankten erstickten oftmals sogar bei vollem Bewusstsein. Bei späteren Autopsien sahen Mediziner Lungen, die mit Blut vollgelaufen waren.

Die Gründe, warum Sars-CoV-2-Infizierte schwere Verläufe entwickeln und schließlich sterben, sind dagegen vielfältig und werden bisher nicht vollständig verstanden. Mehr als drei Viertel der Covid-19-Toten erlagen der Erkrankung. Neben Atemstillstand oder akutem Lungenversagen stirbt ein Teil der Patienten mit Covid-19 auch an Sepsis, septischem Schock, Herz-Insuffizienz, einer Thrombose der Lungenarterie oder an einer Lungenembolie. Bei einem Teil der Verstorbenen reagiert das Immunsystem übermäßig auf Sars-CoV-2 und es kommt zu lebensbedrohlichen Reaktionen wie beispielsweise einem Zytokinsturm. Bekannt sind auch Schlaganfälle oder Hirnschäden. Auch Vorerkrankungen können sich durch eine Sars-CoV-2-Infektion so entwickeln, dass sie schließlich zum Tod führen.

Wahrnehmung war eine völlig andere

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Obwohl die Spanische Grippe wesentlich todbringender in Erscheinung trat als bisher Covid-19, wurde die Pandemie damals von der Bevölkerung viel weniger als Krise wahrgenommen als heute die Corona-Pandemie. Grund sind die unterschiedlichen Ausgangssituationen der Menschen. Waren viele Menschen am Ende des Krieges und kurz danach vor allem mit existenziellen Dingen wie Hunger, Obdachlosigkeit, Armut und dem puren Überleben beschäftigt, rühren die Ängste der Menschen heute vor allem aus den einschränkenden Maßnahmen, finanziellen Einbußen und der ungewissen Zukunft her.

Das ist keine Wunder, denn bisher kann niemand mit Sicherheit sagen, wie sich die Corona-Pandemie mit mutierten Stämmen von Sars-CoV-2 entwickeln wird.

Quelle: ntv.de