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Besser als Flaschennahrung Stillen beeinflusst Viren im Darm von Babys

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Muttermilch oder Flaschennahrung? Die Art der Fütterung nimmt schon kurz nach der Geburt Einfluss.

(Foto: picture alliance / Paul Zinken/d)

Dass Stillen gut ist für Säuglinge, ist schon lange bekannt. Nun aber entdecken Forscher einen bislang unbekannten Vorteil. Demnach beeinflusst Muttermilch die Besiedlung des Darms mit Viren. Und das ist für die Gesundheit von zentraler Bedeutung.

Muttermilch ist die ideale Babynahrung: Sie sorgt für ein starkes Immunsystem, gesundes Wachstum und die Entwicklung einer robusten Darmflora beim Neugeborenen. Dazu gehören neben einer Vielzahl von Bakterien auch Viren. Eine US-Studie zeichnet nun nach, in welchen Phasen der Darm von Viren besiedelt wird. Wie die Wissenschaftler im Fachblatt "Nature" berichten, spielt Stillen dabei eine entscheidende Rolle.

Dass sich im Darm unzählige Bakterien tummeln, die nicht nur für die Verdauung, sondern auch für die Gesundheit insgesamt zentral sind, ist bekannt. Doch neben diesem Mikrobiom verfügt die Darmflora auch über ein Virom: unterschiedliche Viren, deren genaue Funktion zum Teil noch erforscht werden muss. Schon jetzt deutet sich allerdings an, dass nicht alle diese Viren schädlich sind. Vielmehr könnten sie den Stoffwechsel positiv beeinflussen und das Immunsystem fördern.

Darm noch virenfrei in ersten Tagen nach Geburt

Ein Team um den Mikrobiologen Frederic Bushman von der University of Pennsylvania untersuchte nun, wie Viren den Darm von Babys besiedeln und welche Rolle Muttermilch dabei spielt. Dafür analysierten die Forscher Stuhlproben von Neugeborenen im Alter von 0 bis 4 Tagen nach der Geburt und dann erneut einen Monat sowie vier Monate später. In den ersten vier Tagen nach der Geburt war der Darm der Säuglinge noch virenfrei. Allerdings stellten die Wissenschaftler bereits das Aufkommen von Pionierbakterien fest.

Einen Monat nach der Geburt fanden die Biologen auch erste Viren in den Stuhlproben - und zwar sogenannte Bakteriophagen: So werden unterschiedliche Gruppen von Viren bezeichnet, die sich auf Bakterien als Wirtszellen spezialisiert haben. In manchen Ländern werden solche Bakteriophagen gezielt gegen bakterielle Krankheitserreger wie etwa Salmonellen oder Campylobacter eingesetzt.

Doch wie die Autoren der aktuellen Studie beobachteten, veränderte sich das Virom der Säuglinge weiter: Vier Monate nach der Geburt tauchten schließlich auch Viren auf, die sich in menschlichen Zellen vermehren, wie Adeno- oder Picornaviren. Diese Gruppen können diverse Krankheiten auslösen, darunter Infektionen der Atemwege oder Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes.

Die Mikrobiologen glichen ihre Daten mit Informationen dazu ab, wie die Babys auf die Welt kamen, ihrem Geschlecht und der Art der Fütterung. Dabei entdeckten sie, dass jene Säuglinge, welche gestillt wurden, im Darm weniger solche Viren hatten, die sich in menschlichen Zellen reproduzieren.

Deutlicher Unterschied zwischen Flaschennahrung und Muttermilch

Um die Ergebnisse zu bestätigen, untersuchten die Wissenschaftler bei weiteren 125 Säuglingen Stuhlproben, die drei bis vier Monate nach der Geburt genommen wurden. Auch hier zeigte sich ein deutlicher Unterschied zwischen jenen Babys, die mit Flaschennahrung gefüttert wurden, und denen, die Muttermilch bekamen: Während 30 Prozent der "Flaschenkinder" Spuren entsprechender Viren im Stuhl aufwiesen, lag dieser Anteil bei jenen Säuglingen, die gestillt wurden oder eine Kombination aus Flaschennahrung und Muttermilch bekamen, bei 9 Prozent.

Die Fütterungsart nahm schon kurz nach der Geburt Einfluss: Bei den gestillten Babys stellten die Forscher fest, dass sich im Darm vor allem solche Bakteriophagen fanden, die sich in Bifidobakterien und Laktobazillen einnisten. Beide Bakteriengruppen gelten als wichtig für eine gesunde Darmflora. Zudem wurde bereits in einer früheren Untersuchung gezeigt, dass Stillen mit einem erhöhten Vorkommen von Bifidobakterien einhergeht, die in vielen Probiotika enthalten sind.

Bedeutung des Stillens einmal mehr belegt

Die Autoren der Studie fassen zusammen: "Unsere Daten zeigen, dass die Virusbesiedlung des Darms von Säuglingen schrittweise erfolgt." Zunächst würden Pionierbakterien auftreten, welche die Besiedlung durch Bakteriophagen begünstigten. "Später kommen dann Viren hinzu, die sich in menschlichen Zellen vermehren", so die Autoren weiter: "Diese zweite Phase wird durch Stillen beeinflusst."

Damit reiht sich die Untersuchung in eine Vielzahl von Studien ein, welche die Bedeutung des Stillens belegen. So beschrieben Schweizer Forscher bereits 2016, dass gerade in den Tagen nach der Geburt die zahlreichen in der Muttermilch enthaltenen Zucker-Moleküle vor allem dazu dienten, den bis dato keimfreien Darm der Neugeborenen mit Bakterien zu besiedeln. Mit Fortschreiten der Stillzeit verändere sich auch die Zusammensetzung der Zucker-Moleküle in der Milch - und damit auch das Mikrobiom im Darm der Babys.

Quelle: ntv.de, Alice Lanzke, dpa