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Höheres Risiko nah am Lehrer Studie zeichnet Delta-Ausbruch in Klasse nach

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Die Experten vom CDC raten weiter zum Tragen von Masken an Schulen.

(Foto: imago images/ZUMA Wire)

Nach einem Corona-Ausbruch an einer Schule in den USA gelingt es Forschern, das Geschehen zu rekonstruieren. Ein infizierter Lehrer steckt demnach gleich ein Dutzend ungeimpfter Schüler an. Allerdings ist das Risiko je nach Sitzplatz im Klassenraum offenbar sehr unterschiedlich.

In vielen deutschen Bundesländern hat die Schule nach den Sommerferien bereits wieder begonnen - in den meisten anderen startet sie in den kommenden Tagen. Viele Fragezeichen bleiben jedoch, wie sich das Infektionsgeschehen in den Lehranstalten entwickeln wird - vor allem angesichts der mittlerweile dominierenden und hochansteckenden Delta-Variante. Eine Studie der US-Seuchenschutzbehörde (CDC) hat nun einen Ausbruch der Delta-Variante in einem Klassenzimmer detailliert rekonstruiert. Sie liefert zum Teil erstaunliche Einsichten.

Der Ausbruch trug sich bereits im Mai dieses Jahres in einer Grundschule in Marin County, Kalifornien, zu, nahe der Stadt San Francisco. Erster Patient war eine ungeimpfte Lehrkraft in einer Klasse mit 24 Schülern. Bereits am 19. Mai hatte die Lehrkraft Symptome wie eine verstopfte Nase und Schlappheit registriert, diese aber auf eine Allergie zurückgeführt und deshalb weiter Unterricht gegeben. Ein böser Irrtum: Zwei Tage später fiel ein Corona-Test bei der Lehrkraft positiv aus.

In der Folge steckte sich auch ein Dutzend Schüler der Klasse mit dem Virus an. Womöglich auch dadurch begünstigt, dass die Lehrkraft entgegen der Schulvorgaben ohne Maske im Unterricht laut vorgelesen hatte. Von 22 getesteten Schülern wurden 12 positiv auf Sars-CoV-2 getestet, 8 von diesen entwickelten ebenfalls Symptome. Keines der Grundschulkinder war geimpft, da sie noch zu jung dafür waren.

Wer näher am Lehrer saß, war gefährdeter

Doch das Risiko für die Schüler war je nach Sitzplatz im Klassenraum offenbar sehr unterschiedlich: Besonders jene, die dem Lehrer am nächsten saßen, waren stark betroffen. In den beiden vorderen von fünf Sitzreihen fiel bei acht von zehn Schülern der Corona-Test später positiv aus, eine Ansteckungsrate von mindestens 80 Prozent (eines der Kinder wurde nicht getestet). Glimpflicher kamen die Schüler in den drei hinteren Reihen davon. Bei diesen lag die Ansteckungsrate bei lediglich 28 Prozent.

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Blick auf den Klassenraum: In den vorderen Reihen (blau umrandet) steckten sich die meisten Schüler bei der Lehrkraft an.

(Foto: Centers for Disease Control and Prevention)

Alle Kinder sollen laut ihren Eltern die Abstands- und Maskenregeln im Klassenraum überwiegend befolgt haben. Die Pulte standen zudem in einem Abstand von 1,8 Metern zueinander. Ein mobiler Luftfilter stand ebenfalls im Klassenzimmer, außerdem waren Türen und Fenster geöffnet. Dennoch konnte sich Delta in dem Raum offenbar stark ausbreiten. Die Variante wurde in allen sequenzierten Proben des Ausbruchs nachgewiesen.

Doch Delta machte nicht an der Klassentür halt: Auch sechs Schüler in einer benachbarten Klasse steckten sich an. Die Autoren des Berichts gehen davon aus, dass dies durch Interaktionen der Kinder in der Schule geschah. Zudem wurden vier Schüler aus weiteren Klassen positiv getestet, die allerdings Geschwister von Betroffenen der ersten Klasse waren. Auch vier Elternteile erkrankten. Glücklicherweise wurde bei keinem Infizierten ein so schwerer Verlauf festgestellt, dass er ins Krankenhaus musste.

Was lässt sich daraus schließen? Laut dem Bericht bestätigt der Vorfall, dass sich die Delta-Variante in ungeimpften Gruppen wie jüngeren Kindern schlagartig ausbreiten kann. Die Autoren raten dazu, in Schulen weiterhin auf Masken zu setzten - auch in Hinsicht auf Studien, laut denen Geimpfte die Delta-Variante ebenfalls weitergeben können. Eine andere, eher erfreuliche Erkenntnis: Außerhalb der Schule hatten sich überraschend wenige Menschen angesteckt, so die Autoren. Sie führen das auf die zu diesem Zeitpunkt hohe Impfquote von 72 Prozent (unter den Impfberechtigen) in jener Stadt zurück, in der die Schule liegt. Vom übrigen Personal der Schule hatte sich ebenfalls niemand angesteckt - alle waren, bis auf eine weitere Lehrkraft, ebenfalls geimpft.

Deutsche Experten raten zu hohen Impfquoten

Auch mit Blick auf den Schulbetrieb in Deutschland raten Experten zu einer möglichst hohen Impfquote unter Lehrern und Eltern. Die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek hält es generell für wichtig, dass sich so viele Erwachsene wie möglich impfen lassen. "Das ist wichtig für den Eigenschutz, aber eben auch, um diejenigen zu schützen, die sich nicht beziehungsweise noch nicht impfen lassen können. Dazu zählen insbesondere auch Kinder."

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Mit einer Entwicklung wie in den USA, wo zurzeit vergleichsweise viele Minderjährige mit einer Corona-Infektion in Kliniken eingeliefert werden, rechnen Kinder- und Jugendärzte in Deutschland bisher nicht. Von Anfang an habe es in den USA unter Jugendlichen deutlich mehr Covid-19-Todesfälle gegeben als hierzulande, sagte Jakob Maske, Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte. Die Gründe dafür ließen sich nur erahnen. Eine Rolle können Übergewicht, Diabetes, aber auch bestimmte Lebensumstände spielen. In Deutschland wurden vom Robert-Koch-Institut (RKI) seit Beginn der Pandemie rund 20 Covid-19-Todesfälle bei Menschen unter 20 Jahren registriert, alle hatten schwere chronische Vorerkrankungen.

Prinzipiell scheint das kindliche Immunsystem auf die Attacken von Sars-CoV-2 besser vorbereitet zu sein als das von Erwachsenen: Die Zellen der oberen Atemwege befinden sich einer Untersuchung zufolge bereits in erhöhter Alarmbereitschaft und können das Virus im Falle einer Infektion schnell bekämpfen, bevor es sich massiv vermehrt. Das erklärt vermutlich, warum Kinder sehr viel seltener als Erwachsene schwer an Covid-19 erkranken, wie Forschende aus Berlin und Heidelberg jüngst im Fachmagazin "Nature Biotechnology" berichteten.

Quelle: ntv.de, mit dpa

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