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"Überraschungseffekt" für Forscher Wie konkret droht Japan ein Mega-Beben?

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Die Gebäude in Tokio halten Beben stand. Was ihnen jedoch gefährlich wird, sind Brände, die durch ein Erdbeben mitunter ausgelöst werden.

(Foto: imago/Westend61)

Nirgendwo auf der Welt bebt es so oft wie in Japan. Durchschnittlich gibt es dort jeden Monat 73 schwächere Beben. Am Samstag aber wackelte die Erde unter Tokio mit einer Stärke von 7,8. Kurz zuvor war ein Vulkan ausgebrochen. Sind das wirklich Anzeichen fürs große Beben? n-tv.de spricht mit Dr. Danijel Schorlemmer, Erdbebenforscher am Deutschen GeoForschungsZentrum in Potsdam, über Vorhersagen und Statistiken, wackelnde Tische, Bohrkerne - und das Rauchen.

n-tv.de: Herr Schorlemmer, deutet sich in Japan zurzeit wirklich ein Mega-Beben an?

Danijel Schorlemmer: Es ist natürlich jederzeit denkbar, dass es in Japan ein noch größeres Beben gibt als das, was 2011 in Tohoku passiert ist. Aber es gibt keine Wahrscheinlichkeiten, die damit einhergehen könnten, die einem bekannt wären. Und es gibt auch Stimmen, die sagen, dass das Tohoku-Beben von 2011 einen Großteil der vorhandenen Spannung aufgelöst hat. Grundsätzlich sind sich Japaner aber immer bewusst, dass sie vor Problemen stehen mit den Erdbeben.

Warum trifft es immer wieder Japan?

In der Region kommen einige Platten zusammen. Dort ist eine Subduktionszone, in der sich eine Platte unter die andere schiebt. An den Plattengrenzen bauen sich dann Spannungen auf, und die entladen sich ruckartig durch große Beben. Die Subduktionsbeben sind immer die stärksten Beben, da sich dabei die stärksten Spannungen aufbauen können.

Kann man sich auf schwere Beben und Tsunamis vorbereiten?

Ja, bedingt. Japan baut erdbebensicher, so gab es bei dem schweren Beben von 2011 in Tokio praktisch keine Zerstörung, obwohl die Hochhäuser stark geschwankt haben – mehr als eine Minute lang. Gegen Tsunamis kann man sich mit Schutzmauern an der Küste wehren. Die werden jetzt nachgebessert und größer gebaut. Außerdem werden natürlich die Kinder ständig trainiert. Und auch die Bevölkerung ist eingeladen auf sogenannte Shake-Tables zu gehen. Das sind Tische, die bewegt werden können. Wenn man darauf steht und eine Szene im Haushalt nachstellt, gerät der Tisch in Bewegung – mit einer Beschleunigung wie beim Erdbeben. So weiß man schon ganz gut, was auf einen zukommen kann.

Wie sieht es mit Erdbeben-Vorhersagen aus?

Wir sind als Seismologen ganz gut in Vorhersagen vom statistischen Auftreten von kleineren Erdbeben. Denn von denen haben wir viele aufgezeichnet, wir sehen, wie sich das entwickelt und können dann ganz gut sagen, dass es soundso viele in der und der Region geben wird. Aber wir können kein einziges konkret vorhersagen. Große Beben, die eine Stadt wie Tokio beschädigen und zerstören könnten, kennen wir nicht so gut. Davon gibt es nur wenige, die wir bislang erlebt haben. Und das hieße, ein System zu extrapolieren, das wir nicht hundertprozentig verstehen. Da ist Vorsicht geboten. Viele Beben, die in letzter Zeit stattfanden, hatten einen Überraschungseffekt für die Wissenschaft. Sie sind an Stellen passiert oder in einer Größe oder einer Art, die man nicht erwartet hat.

Was macht Vorhersagen so schwierig?

Wir können die Stelle, an der ein Beben stattfindet, nicht wirklich beobachten. Das Gebiet ist tief unten in der Erde. Die tiefsten Bohrungen, die Menschen gemacht haben, sind keine 20 Kilometer tief. Die Subduktionsbeben aber finden in mehreren Hundert Kilometer Tiefe statt. Selbst, wenn wir da runterbohren würden: Der Durchmesser des Bohrkerns entspräche dem einer Kaffeekanne. Das Tohoku-Beben aber hatte eine Ausdehnung von Hunderten von Kilometern. Wir versuchen daher, über indirekte Messungen Hinweise zu bekommen: Wir beobachten die vielen kleinen Erdbeben. Die geben uns Hinweise darauf, wie sich die Spannungen vielleicht verteilen. Und wir beobachten die Bewegungen der Platten an ihrer Oberfläche und versuchen, Rückschlüsse daraus zu ziehen. Den Ort des Geschehens selbst aber können wir nicht beobachten.

Japaner bekommen bei Beben eine Nachricht aufs Handy oder werden über das Radio gewarnt. Wie funktioniert das?

Das sind Frühwarnungen, aber keine, die warnen, bevor die Sache passiert, sondern es ist das Prinzip "Blitz und Donner": Wenn es blitzt, ist das Gewitter da; zum Schutz vor dem Donner kann man sich aber noch eben die Ohren zuhalten. Man hat also ein System installiert, das Erdbebenwellen an den nächstgelegenen Stationen registriert und dann versucht ein Computersystem, abzuschätzen, ob es ein großes Beben wird. Und wenn dies der Fall ist, berechnet es voraus, wann die Wellen wo im Land eintreffen. Dann werden die Menschen über SMS und Einblendungen im Fernsehen gewarnt. Das Erdbeben ist dann schon losgegangen und dort, wo es entsteht, kommt auch jede Frühwarnung zu spät. Das ist das Schwarze Loch der Frühwarnung, da geht gar nichts.

Was machen die Japaner dann?

Sie suchen nach Möglichkeit einen Ort auf, wo sie nicht durch herabstürzende Trümmer verletzt werden können. Hat man nur wenige Sekunden Zeit, sollte man sich unter einen festen Tisch bewegen und sich an den Tischbeinen festhalten, so dass beim Erdbeben nicht plötzlich der Tisch zur Seite geschoben wird. Wenn die Zeit noch reicht, um aus dem Haus zu gehen, kann man sich im Freien so in Sicherheit bringen, dass man nicht von herabstürzendem Glas et cetera getroffen wird.

Japaner haben nicht ständig Angst vor Erdbeben?

Nein, da hilft einem die Statistik. Wenn man in Japan raucht, dann ist das Erdbeben sicherlich die geringere Gefahr. Auch das Überqueren von Straßen ist sehr viel gefährlicher.

Mit Danijel Schorlemmer sprach Andrea Schorsch

Quelle: n-tv.de

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