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Höchster Stand seit April Wie viele Neuinfektionen sind zu viel?

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Die vermehrte Reisetätigkeit ist ein Grund für zuletzt steigenden Neuerkrankungen.

(Foto: imago images/Xinhua)

Die Corona-Pandemie in Deutschland schien schon so gut wie eingedämmt - doch seit Wochen klettern die Neuansteckungen im Schnitt. Steuert das Land wieder auf einen Lockdown zu wie im Frühjahr? Es gibt verschiedene Gründe, warum die Situation heute eine ganz andere ist.

Die Zahl der täglichen Neuinfektionen zieht seit Mitte Juli immer weiter an. Bereits seit Wochen spricht das Robert-Koch-Institut (RKI) in seinem täglichen Lagebericht von einer "beunruhigenden Entwicklung". Diese Woche wurden mehr als 1700 neue Corona-Fälle an einem Tag gemeldet. So viel wie seit Ende April nicht mehr. Das Gesundheitsministerium und das RKI nennen vor allem zwei Gründe - die vermehrte Reisetätigkeit und die Ansteckung bei Großveranstaltungen oder Familienfeiern. Doch wie viele Neuinfektionen sind akzeptabel - und wie viele zu viel? Steuert Deutschland auf einen erneuten Lockdown zu?

Im März war Deutschland von der Wucht der Pandemie-Welle überrascht worden. Täglich meldeten die Gesundheitsämter immer höhere Fallzahlen - Anfang April waren es mehr als 6000 pro Tag. Die Politik entschied sich Ende März schließlich für die bundesweite Vollbremsung. Große Teile des öffentlichen Lebens kamen zum Erliegen. Der harte Lockdown sollte dem unübersichtlich zu werden drohenden Pandemie-Geschehen Einhalt gebieten.

Die Situation ist aus verschiedenen Gründen mittlerweile eine andere. RKI-Vize Lars Schaade betont etwa, dass die Gesundheitsämter auch Neuinfektions-Zahlen von 1700 gut bewältigen könnten, da sie viel besser personell ausgerüstet, um Infektionsketten nachzuverfolgen. Doch ab welcher Zahl könnte es kritischen werden? Über einen Schwellenwert gibt Schaade allerdings keine Auskunft. Aber nicht nur die Zahl der Neuinfektionen gibt Auskunft über die Lage der Corona-Nation.

Lockdown nur noch regional

Etwa existiert - anders als im März - mittlerweile das Anfang Mai zwischen Bund und Länder vereinbart Frühwarnsystem, welches den Blick auf die Pandemie auf Kreisebene herunterbricht. Statt des ganzen Landes müssen bei einem starken Anstieg der Neuinfektionen im Zweifel nur einzelne Regionen lahmgelegt werden. Die entscheidende Kennzahl ist dabei die 7-Tage-Inzidenz - die Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern in den letzten sieben Tagen.

In den Kreisen Warendorf und Gütersloh etwa sprang die 7-Tage-Inzidenz Ende Juni nach Ausbruch im Fleischbetrieb Tönnies auf mehr als 200. Die vereinbarte Warnschwelle liegt jedoch bei 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner - in Bayern bei 35. Für Warendorf und Gütersloh folgte der Lockdown. Aber eben nur dort. Ein bundesweiter Lockdown wäre - rein hypothetisch - dann wieder denkbar, wenn alle 401 Kreise in Deutschland eine zu hohe 7-Tage-Inzidenz von mehr als 50 aufwiesen. Dies entspräche im Schnitt mehr als 6000 Neuinfektionen pro Tag. So wie es Anfang April schon mal war.

Davon ist Deutschland derzeit aber weit entfernt. Im Schnitt lag die 7-Tage-Inzidenz deutschlandweit zuletzt bei rund 10. Verglichen mit der Situation in anderen Staaten verschwindend niedrig. Die USA etwa kommen zuletzt auf eine 7-Tage-Inzidenz von rund 100, also zehnmal höher als hierzulande. Das entspräche in Deutschland im Schnitt rund 12.000 Neuinfektionen pro Tag. In Brasilien lag die 7-Tage-Inzidenz zuletzt sogar bei mehr als 140 und in Spanien kletterte sie wieder auf fast 90.

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Dennoch spricht das RKI bei der deutschlandweiten 7-Tage-Inzidenz zuletzt von einem "erhöhten Niveau". Zudem gebe es nur noch knapp zwei Dutzend Kreise, aus denen keine Neuinfektionen gemeldet würden. Allerdings waren es in der vergangenen Woche auch schon weniger. Zugleich lag in rund 130 Kreisen die 7-Tage-Inzidenz zuletzt bei maximal 5 und damit vergleichsweise niedrig.

Mehr Test gleich mehr positive Ergebnisse

Es existieren noch weitere wichtige Kennzahlen, die Hinweise zum Status der Pandemie in Deutschland geben. Die steigenden Fallzahlen hängen etwa auch mit der Zahl der durchgeführten Tests zusammen. Diese stieg vor allem wegen der Einrichtung von Testzentren für Reiserückkehrer zuletzt deutlich auf fast 900.000 pro Woche, nach rund 570.000 pro Woche Ende Juli. Allerdings betont das RKI, dass die steigenden Fallzahlen nicht nur damit zu erklären sind. "Der Anstieg der positiven Tests ist nicht allein dem Anstieg der Testungen geschuldet", sagt Epidemiologe Gérard Krause vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig.

Der Zustand des Gesundheitssystems ist heute ebenfalls ein anderer als im März und April zur Hochphase der Pandemie. So lagen im April an manchen Tagen fast 3000 Covid-19-Patienten auf der Intensivstation. Mittlerweile werden nur noch 231 Covid-19-Patienten intensivmedizinisch behandelt, davon werden 137 künstlich beatmet. Von den mehr als 30.000 verfügbaren Intensivbetten sind laut dem DIVI-Intensivregister derzeit etwa 8700 nicht belegt - darunter rund 7000, an denen Covid-19-Patienten mit schweren Verläufen künstlich beatmet werden können.

Das Gesundheitssystem scheint also aktuell noch stabil - der Mediziner Max Geraedts, der an der Universität Marburg das Institut für Versorgungsforschung und Klinische Epidemiologie leitet, macht sich darum wenig Sorgen: "Da kommt es erst zu nennenswerten Belastungen, wenn ältere Menschen in größerer Zahl betroffen sind, weil die Krankheitsverläufe bei Jüngeren milder sind." Laut RKI war das Durchschnittsalter der Infizierten zuletzt aber von 50 auf 32 Jahre gesunken. Geraedts betont zudem, dass man derzeit nicht genau wisse, wie viele der aktuellen positive Tests falsch sind - also Testergebnisse, die eine Infektion anzeigen, obwohl es keine gibt.

Dynamik der Neuinfektionen stabil

Noch eine Kennzahl zeigt den Unterschied zur Frühjahrs-Welle: Der Reproduktionszahl - auch R-Wert genannt. Er besagt, wie viele weitere Menschen ein Infizierter im Schnitt ansteckt. Seit Mitte Juli liegt der R-Wert wieder bei 1 oder leicht darüber - die Pandemie setzt sich damit fort. Mitte März jedoch lag der R-Wert bei über 3, ein exponentielles Wachstum war die Folge. Doch das RKI betont immer wieder, dass ein dauerhaft über 1 liegender R-Wert zum Problem werden kann. Selbst ein R-Wert von 1,3 kann eine Verdopplung der Anzahl der Neuerkrankungen innerhalb von 11 Tagen bewirken. Doch aktuell liegt der R-Wert immer wieder mal unter 1.

Gesundheitsminister Jens Spahn hatte zuletzt betont, mit "um die 1000 Neuinfektionen pro Tag" könne das Gesundheitswesen umgehen. Bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist man ebenfalls zuversichtlich, dass es durch Corona nicht mehr zu massiven Einschränkungen in Europa kommen wird. Die Länder seien inzwischen in der Lage, die steigenden Corona-Infektionszahlen auch ohne massive Einschnitte für Wirtschaft und Gesellschaft in den Griff zu bekommen, sagte der WHO-Regionaldirektor für Europa, Hans Kluge. "Wir sind in einer viel besseren Position, um lokalisierte Infektionsherde auszurotten", so Kluge.

Bundeskanzlerin Angela Merkel betonte, dass eine konsequente Umsetzung der bereits bestehenden Auflagen und Maßnahmen neue Verschärfungen abwenden könnten. Und möglicherweise gibt es sogar noch weitere Lockerungen: Die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten der Länder wollen vor allem über eine Vereinheitlichung der Regelungen etwa für Veranstaltungen sprechen. Je nachdem, wie großzügig oder streng die Vorschriften in einzelnen Ländern waren, könnte es bei einheitlichen Grenzwerten für Familienfeiern oder etwa Sportveranstaltungen also Veränderungen in beide Richtungen geben.

Quelle: ntv.de, mit rts