Bücher

"Das kommt alles viel zu spät" Weststars konnten die DDR nicht retten

900000hh732.jpg

Die Mauer war weg, die DDR gabs noch: Die Toten Hosen beim Open-Air-Festival in Berlin-Weißensee im August 1990.

(Foto: Quelle: Harald Hauswald/Jaron Verlag)

Als in den 1980ern der DDR-Führung die Jugend zunehmend entglitt, versuchte sie auch mit Stars aus dem Westen die Stimmung zu drehen. Depeche Mode, Cocker und Dylan kamen, Springsteen erlebte gar sein größtes Konzert. Die Stimmung damals ist nachzuerleben im Bildband "Like a Rolling Stone".

So klein und Richtung Westen abgeschottet die DDR auch war - Musiker aus dem "nichtsozialistischen Ausland" sind zu allen Zeiten dort aufgetreten. Sie mussten nur entweder unpolitisch sein oder politisch richtigrum, am besten links oder zumindest kapitalismuskritisch. Und bei der Bezahlung musste man sich einigen, denn an Devisen war die DDR chronisch klamm und so ließen sich Künstler auch mit "Naturalien" wie Meissner Porzellan, Musikinstrumenten oder Motorjachten entlohnen. Aber was es gab an Konzerten und Platten, war der Jugend zu wenig, viel zu wenig - da blieben dann noch Radio, Fernsehen und Verwandtschaft "ausm Westen".

900000hh742.jpg

"Der Traum ist aus": Rio Reiser am 1. Oktober 1988 in der Berliner Werner-Seelenbinder-Halle.

(Foto: Harald Hauswald/Jaron Verlag)

Als dann in den 1980er-Jahren die Ausreiseanträge immer mehr wurden und die Staatsführung zu ahnen begann, dass ihr die Jugend weglief, versuchte sie gegenzusteuern - sie setzte dabei auch auf Musik. "Rockkonzerte mit Zehntausenden Besuchern haben sich als wirksame Form der massenpolitischen Arbeit der FDJ unter der Jugend der DDR bewährt", hatte der Zentralrat der FDJ im Juni 1988 festgestellt. Schon 1987, zur 750-Jahr-Feier Berlins, wurden viele international große Namen eingeladen - auch, um dem Festprogramm in Westberlin etwas entgegenzusetzen. Und so kamen sie in die DDR: Solomon Burke, John McLaughlin und Paco de Lucia, John Mayall & the Bluesbreakers, Santana, Barclay James Harvest, Tom Petty und Bob Dylan, Depeche Mode, Joe Cocker, Bryan Adams, James Brown, Rio Reiser ... um nur einige zu nennen.

Und zwei ostdeutsche Chronisten waren dabei: Christoph Dieckmann schrieb Reportagen, meist für die kulturpolitische Wochenzeitung "Sonntag"; Harald Hauswald fotografierte - in der Regel ohne offiziellen Presseauftrag. Viele seiner Konzert-Bilder und einige der Texte Dieckmanns sind nun im Jaron-Verlag in "Like A Rolling Stone - Dylan, Cocker, Springsteen - Weststars in der DDR" erschienen.

Zeitgenössische Texte und Fotos

Das Spannende an Dieckmanns Texten: Bis auf die Einleitung sind sie damals entstanden: "Die Texte in diesem Buch erscheinen so, wie ich sie in der DDR veröffentlichen konnte. ... Die Sätze in eckigen Klammern blieben im 'Sonntag' ungedruckt", schreibt der Autor. Und es sind gar nicht mal so viele eckige Klammern, man muss sie geradezu suchen. Der "Sonntag" gehörte Ende der 80er-Jahre mit knapp 20.000 Exemplaren zwar zu den auflagenschwächeren Zeitungen der DDR (zum Vergleich: Das "Neue Deutschland" hatte vor dem Mauerfall eine Auflage von einer Million), aber immerhin erreichte er mit seinen Rockkonzert-Reportagen potenziell Zehntausende ostdeutsche Leser.

900000hh741.jpg

Joe Cocker auf seiner Pressekonferenz im "Hotel Stadt Berlin" am 1. Juni 1988. Am Abend trat er vor 85.000 Menschen auf der ehemaligen Radrennbahn in Berlin-Weißensee auf.

(Foto: Harald Hauswald/Jaron Verlag)

Und die konnten dann im Juni 1988 Sätze lesen wie: "Was bleibt von Cocker in Berlin und Dresden? Schon hat uns das Pop-Radio wieder, das zappelnde Getön mit der krankhaft guten Laune." Gestrichen hingegen wurden die folgenden Zeilen: "Mich ekelt vor diesem mageren Fraß. Vielleicht ist mehr 'Lockerheit' am Platze, nicht soviel Moral."

Dieckmann, studierter Theologe, der sich "auch als DDR-Insasse dem musikalischen Weltbürgertum der Woodstock-Nation zugehörig" fühlte und quasi schon immer die Haare lang trug, bezeichnete sich in jungen Jahren als "Südostharzer Rock-Jazz-Folk-Gourmet aus dem Bannkreis des Hessischen Rundfunks". Seinem Stil merkt man das an, seine Herkunft aus dem bildungsbürgerlichen Theologenhaushalt und das Schreiben für eine Kulturzeitung, nicht für ein Jugendblatt - da ist nichts hingerotzt, die Sätze sind wohldurchdacht und -formuliert.

Mal ist er sehr angetan, wie bei Joe Cocker - "seine Kunst ist wie Liebe, die spüren lässt: Du bist einzig und niemand kann sein wie du"; auch von der Atmosphäre bei Rio Reiser, in der Werner-Seelenbinder-Halle Anfang August 1988, lässt er sich mitreißen, obwohl das gar nicht seine Musik war, "doch natürlich musste ich hin". Die Menge "explodierte bei 'Der Traum ist aus'. ... Mich überlief's. Ich stand auf der Empore und sah unten mein tobendes Volk, vereint im Glücksgebrüll: Dieses Land ist es nicht! Dieses Land ist es nicht!" Wohl für alle, die dabei waren, ein unvergessliches, hochemotionales Erlebnis, auch für mich.

900000hh728.jpg

Eigentlich unvorstellbar: US-Flagge im Publikum beim Bruce-Springsteen-Konzert im Juli 1988.

(Foto: Harald Hauswald/Jaron Verlag)

Aber Dieckmann ist auch mal nur gedämpft begeistert oder gar kritisch, wie beim legendären Springsteen-Konzert am 19. Juli 1988 in Berlin-Weißensee - das war Dieckmann einfach zu groß: "Wer kommt als Nächstes? Nach Bruce Superlative sollten wir einen Moment innehalten. ... Oder strömen wir ins Konzert als in einen Circus maximus? Nur auf Trubel erpicht, ohne Hoffnung, etwas über uns selbst zu erfahren? Weißensee als Rock'n'Roll-Anstalt - das wäre fatal. Gehen wir auch zu den kleinen Bands. Zeigen wir 'unseren' Gruppen, daß wir etwas von ihnen erwarten. ... Reden wir ihnen aus, auf dem Rock-Highway mit dem Klapp-Fahrrad hinter Bruce Springsteens donnernden Trucks hinterherzustrampeln."

Gänsehaut!

900000hh03.jpg

Bruce Springsteen, hier mit Sängerin und späterer Gattin Patti Scialfa, in Berlin-Weißensee.

(Foto: Harald Hauswald/Jaron Verlag)

Für Harald Hauswald hingegen war das Springsteen-Ereignis in Weißensee das absolute Highlight aller Konzerte: "Die Stimmung war gigantisch, wenn da 200.000 Menschen mitmachen und riesengroße Ami-Fahnen schwenken, das ist unglaublich. Wenn die mit den Fahnen über den Alexanderplatz gerannt wären, das wären zwei Jahre Knast gewesen", sagte er im MDR. Genau wie das Publikum sei er in Ekstase gewesen. "Ich hatte Gänsehaut!" Und noch aus einem anderen Grund sei dieses Konzert ein Ausnahme-Ereignis gewesen - hierfür hatte er einen Presseausweis von der ARD. Er sollte die Bilder machen, die die TV-Kameras nicht einfangen konnten.

Hauswald ist vor allem bekannt für seine Straßenfotografie, für sein Auge für Situationen, für ungestellte Porträts, für die kleinen Geschichten am Rand. Das ist seine Stärke, die auch bei den Konzertfotos sichtbar wird: der Blick auf die Zuschauermassen,  auf die schier unendliche Menge; aber auch auf einzelne Gesichter - auf die versteinerten Mienen der FDJ-Ordner, auf die in ihre Musik versunkenen Künstler, auf begeisterte Fans.

ANZEIGE
Like a Rolling Stone: Dylan, Cocker, Springsteen - Weststars in der DDR
EUR 20,00
*Datenschutz

Ja, die Jugend war begeistert - hat sich die Hoffnung der Parteiführung also erfüllt? Konnte sie die jungen Menschen mithilfe der großen Konzerte der Weststars in der DDR (wieder) für sich gewinnen? Einen Teil sicher ja - es kam schon die Erwartung auf, dass sich mit der musikalischen Öffnung auch eine politische verbinden könnte. Aber so kam es nicht. Dieckmann beschreibt dazu eine Situation am 5. April 1987: ein Doppelkonzert von John Mayall & The Bluesbreakers im Kino "Kosmos" in der Berliner Karl-Marx-Allee, vormittags um elf und nachmittags um drei - das Publikum tobt, "beim Hinausgehen sagt jemand: 'Das kommt alles viel zu spät'".

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema