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Freitag, 03. Februar 2012

Grundsteinlegung 1952: Stalinallee, die sozialistische Prachtstraße

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"Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt" - so begann die Nationalhymne der DDR und diese Zeilen galten besonders für die Stalinallee im Ostteil Berlins. (Stalinallee 1950) (Foto: Bundesarchiv)

"Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt" - so begann die Nationalhymne der DDR und diese Zeilen galten besonders für die Stalinallee im Ostteil Berlins. (Stalinallee 1950)

"Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt" - so begann die Nationalhymne der DDR und diese Zeilen galten besonders für die Stalinallee im Ostteil Berlins. (Stalinallee 1950)

Der am 8. Mai 1945 beendete Zweite Weltkrieg hatte in weiten Teilen der Stadt eine Trümmerlandschaft hinterlassen (zerbombtes Reichsaußenministerium im November 1944).

Etwa 600.000 Wohnungen waren zerstört; von einst 4,3 Millionen Einwohnern lebten nur noch 2,8 Millionen in der Stadt, hinzu kamen jedoch viele Flüchtlinge vor allem aus dem Osten. Wohnraum wurde also dringend gebraucht.

Im November 1951 wurde in der SED-Zeitung "Neues Deutschland" der Aufbau Berlins verkündet. Neben der Enttrümmerung sollte ein neuer Stadtteil mit Wohnhäusern mit dem Schwerpunkt Stalinallee errichtet werden.

Auch die 1889 angelegte Reichsstraße war in den letzten Kriegstagen zerstört worden. Den Namen Stalinallee erhielt sie am 21. Dezember 1949, dem 70. Geburtstag Josef Stalins. Vorher hieß sie Große Frankfurter Straße. Hier wurden also nun die Neubauten geplant, die ein sichtbares Zeichen der neuen "der Zukunft zugewandten" Zeit sein sollten: ein Arbeiter- und Bauernstaat, in dem auch die Werktätigen in Palästen leben - oder zumindest in hochwertigem Wohnraum. (Stalinallee 1954)

Die offizielle Grundsteinlegung für den gesamten Straßenzug erfolgte am 3. Februar 1952 durch Ministerpräsident Otto Grotewohl. Einige Bauarbeiten hatten aber schon vorher begonnen - der Aufbau startete in großer Eile und in überstürztem Tempo. So waren etliche Baugruben bereits ausgehoben, bevor überhaupt der Entwurf fertig war.

Am 1. September 1951 bereits wurde der Grundstein zum Hochhaus an der Weberwiese gelegt - hier entstand das erste Wohnhochhaus im Osten Berlins. Schon am 19. Januar 1952 hing die Richtkrone an dem geschichtsträchtigen Bau.

Auch die monumentale neoklassizistische "Deutsche Sporthalle" wurde für die III. Weltfestspiele der Jugend und Studenten schon 1951 in nur 148 Tagen errichtet. Beim Baumaterial musste notgedrungen improvisiert werden, es mangelte an allem. So wurden etwa Stahlträger aus dem im Krieg zerstörten Zentralviehhof verwendet, der Grundriss der Sporthalle musste daher verändert werden. 1969 wurde die Halle wegen Bauschäden gesperrt und 1971 abgerissen. (Sporthalle im August 1951)

In die nun entstandene Lücke kam ein zehnstöckiger Plattenbau, der sich architektonisch deutlich von seinen Nachbarn abhebt. (rechts, Mitte)

Gegenüber der Sporthalle stand das 4,80 Meter hohe Denkmal Stalins, das am 3. August 1951 enthüllt wurde. Nach der Entstalinisierung wurde es im Spätherbst 1961 über Nacht abgerissen und eingeschmolzen, ...

... die Allee am 13. November 1961 in Karl-Marx-Allee umbenannt.

Zurück zu den Anfängen der Stalinallee: Bereits 1949 wurden zwei Laubenganghäuser errichtet, die architektonisch noch der Bauhaustradition folgten. Doch kurz darauf verstärkte die DDR-Führung ihre Orientierung nach Moskau, auch beim Baustil - die Idee der Laubenganghäuser galt auf einmal als westlich-dekadent, formalistisch und elitär, die Häuserzeile wurde später gar hinter einer Pappelreihe "versteckt".

Maßstab wurde nun die sowjetische Monumentalarchitektur. Eine Delegation reiste eigens in die Sowjetunion, ...

... um den dortigen Städtebau zu studieren und davon zu lernen. (Hauptgebäude der Lomonossow-Universität in Moskau, erbaut 1948–1953)

Das ehrgeizige Ziel der DDR-Führung: Die Arbeiterpaläste sollten das Aushängeschild der sozialistischen Gesellschaft sein. Die 90 Meter breite Stalinallee sollte einen repräsentativen Charakter haben, aber auch den großstädtischen Verkehr aufnehmen und sich als Bühne für Aufmärsche eignen.

So fand auf der Allee dann auch die alljährliche Ehrenparade der NVA anlässlich des Feiertages der Gründung der DDR am 7. Oktober 1949 statt. (im Bild: die letzte Parade zum 40. Jahrestag der DDR-Gründung am 7. Oktober 1989)

Aber die Stalinallee sollte nicht nur Aufmarsch-, sondern auch Flaniermeile sein. Sie bekam breite Gehwege mit viel Grün, ...

... Geschäften, Cafes und Restaurants, ... (Silvesterfeier im "Cafe Warschau" in der Stalinallee am 31. Dezember 1963)

... einen repäsentativen Springbrunnen im Kreisverkehr am Strausberger Platz ...

... und Kinos. Das Kino "Kosmos" wurde allerdings erst 1961/1962 erbaut. Es hat 1001 Plätze ...

... und war das größte und modernste Filmtheater der DDR. Seit März 2006 wird es nicht mehr als reines Filmtheater, sondern als Mehrzweckgebäude für Konferenzen, Abendveranstaltungen, Kino- und Theatervorstellungen genutzt.

1961-63 entstand das Kino "International". Es ist heute immer noch sehr beliebt ...

... und sogar Spielort und Ticketkasse der Berliner Filmfestspiele. Zur "Berlinale" bilden sich also hier immer besonders lange Schlangen.

Die "Arbeiterpaläste" in der Vorzeige-Allee wurden großzügig und modern ausgestattet - mit Müllschluckern, Aufzügen, ...

... Balkonen und Terrassen.

Ihre Architektur ist eine Mischung aus preußischem Klassizismus und sowjetischem Zuckerbäckerstil, auch "Sozialistischer Klassizismus" genannt. Es entstanden ...

... palastartige Gebäude mit vielen Verzierungen an den Fassaden, mit Säulen, Säulenhallen und Turmaufbauten.

Die Turmhäuser am Frankfurter Tor sind den Kuppeln des Deutschen und Französischen Doms am Berliner Gendarmenmarkt nachempfunden und sollten an deren Zerstörung im Zweiten Weltkrieg gemahnen.

An der kilometerlangen, schnurgeraden Stalinallee entstanden Wohnblöcke mit bis zu 13 Stockwerken. Die meisten Wohnungen ...

... sind insgesamt nicht besonders groß und haben auch eher kleine Räume: Von den 2115 Wohnungen waren 57 Prozent Zwei-Zimmer-Wohnungen mit durchschnittlich 67 Quadratmetern und 29 Prozent Drei-Zimmer-Wohnungen mit durchschnittlich 75 Quadratmetern.

Sie wurden bezogen von normalen Arbeitern - von den ersten rund 1150 Wohnungen wurden etwa 60 Prozent durch Arbeiterfamilien belegt -, aber auch von Wissenschaftlern, Politikern, Schauspielern und anderen bekannten und verdienten Persönlichkeiten. Diese wohnten vor allem in den großzügigen, repräsentativen Turmhäusern am Strausberger Platz und am Frankfurter Tor.

Entgegen der ursprünglichen Planung wurde die Allee nicht bis zum Alexanderplatz einheitlich bebaut - die repräsentativen Arbeiterpaläste waren einfach zu aufwendig, ...

... die Baukosten zu hoch. Zudem war inzwischen ein Stilwandel eingetreten - die als "Zuckerbäckerstil" gescholtene Bauart galt dann auch in der DDR nicht mehr als zeitgemäß.

Zudem entstand zeitgleich, von 1955 bis 1960, im Westteil Berlins das neue Hansaviertel, in dem viele berühmte Architekten im Rahmen der Internationalen Bauausstellung 1957 ihre Entwürfe verwirklichen konnten, ... (Oskar-Niemeyer-Bau im Hansaviertel)

... viel moderner und zeitgemäßer als das "sozialistische Gegenstück" Stalinallee. Das Hansaviertel wurde zum Vorzeigeobjekt moderner Stadtplanung und Architektur jener Zeit und galt als Antwort des Westens auf den schnörkeligen Stil der Stalinallee. (Wohnhaus von Walter Gropius im Hansaviertel)

Zwischen Strausberger Platz und Alexanderplatz wurden deshalb in der Bauphase ab 1959 schlichte acht- bis zehngeschossige Plattenbauten errichtet. (Im Bild: Milchbar in der Karl-Marx-Allee neben dem Kino International im April 1967, hinten links der im Bau befindliche Fernsehturm, noch ohne Kugel)

Die Wohnhäuser in diesem Teil der Allee sind sehr großzügig und locker auf der Fläche verteilt, mit Grünflächen zur Straße und zwischen den Blöcken. Dazwischen findet sich ein modernes Ensemble mit dem Kino International und dem 1964 eröffneten "Cafe Moskau" (eigentlich ein Restaurant) sowie glaspavillonartigen Bauten mit Geschäften und Dienstleistungsbetrieben.

Hier war auch der Standort für die Funktionärstribünen zu den alljährlichen zentralen Großdemonstrationen der DDR.

Eingang in die Geschichtsbücher fand die Stalinallee als Auslöser für den Aufstand am 17. Juni 1953: Von hier trugen die Bauarbeiter den Protest gegen das sozialistische Regime ins Zentrum Berlins.

SED- und Gewerkschaftsfunktionäre hatten die Bauarbeiter immer mehr bedrängt, nach dem Beispiel des Bergmanns Adolf Hennecke ihre Arbeitsleistungen zu erhöhen, ...

... und drehten zunehmend an der Normschraube. Das führte schließlich dazu, dass der allgemeine Unmut über die Lebensverhältnisse in der DDR Mitte Juni 1953 in der Stalinallee zur Explosion führte.

Es kam zu Streiks, Kundgebungen und Angriffen auf offizielle Einrichtungen, nicht nur in Berlin, sondern in vielen Teilen der DDR. (Demonstranten werfen am 17. Juni 1953 Steine auf einen russischen Panzer in der Leipziger Straße).

Die DDR-Führung stellte die Unruhen vom 17. Juni 1953 als vom Westen provozierte Ereignisse dar, ausgelöst durch westliche Hetzpropaganda. (Stalinallee in Berlin im Mai 1953)

Im Westen Deutschlands hingegen wurden die Aufstände als Ausdruck der Unzufriedenheit der Bevölkerung mit den politischen Verhältnissen und den Versorgungsmängeln gesehen - natürlich wurde das, in den Hochzeiten das Kalten Krieges, von Medien und Politikern auch propagandistisch ausgenutzt. Am 22. Juni 1953 benannte der Berliner Senat ...

... die Berliner Straße und die Charlottenburger Chaussee zwischen dem Brandenburger Tor und der Siegessäule in "Straße des 17. Juni" um.

Durch ein Gesetz vom 3. Juli 1953 wurde der 17. Juni als "Tag der deutschen Einheit" zum Nationalfeiertag der Bundesrepublik Deutschland - von 1954 bis zur deutschen Wiedervereinigung 1990.

Nach der Wiedervereinigung wurde der 2,3 Kilometer lange Straßenzug der ehemaligen Stalinallee unter Denkmalschutz gestellt. Er ist damit das längste Baudenkmal Europas.

Die Bauten wurden bis 1999 weitgehend saniert. (Bauarbeiten im Jahr 1996)

Dennoch erfuhr die Karl-Marx-Allee in den 1990er-Jahren und auch danach einen ziemlichen Niedergang. Viele Geschäfte der ehemaligen Vorzeige-Flaniermeile ...

... standen leer - was auch an den nach der Sanierung steigenden Mieten lag.

Aber in den letzten Jahren, in denen Berlin eine immer größere Beliebtheit bei Touristen ....

... und einen immer stärkeren Zuzug aus anderen Teilen Deutschlands und aus dem Ausland erfuhr, ...

... ging es auch langsam wieder bergauf mit der Allee. Der Leerstand ist zurückgegangen, schicke Läden, Galerien, Restaurants und Bars machen auf, ...

... die sanierten ehemaligen Arbeiterpaläste gelten zunehmend wieder als schicke und begehrte Wohnadresse. (Text: Andrea Beu)

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