Politik

Triell-Talk bei Anne Will "Scholz war ja richtig lebendig"

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Gesprächsrunde bei Anne Will nach dem Triell zwischen Baerbock, Laschet und Scholz.

(Foto: NDR/Wolfgang Borrs)

Nach dem zweiten Aufeinandertreffen der Kandidatin und Kandidaten fürs Kanzleramt üben sich die Gäste von Anne Will an einer Einordnung des Gesehenen. In der Talkrunde geht es dann nicht nur um die Inhalte des Triells, sondern auch die Vitalfunktionen von Olaf Scholz.

Mit Talkshows ist es wie mit Triellen. So richtig bringen sie beide nichts für die politische Willensbildung. Die Überzeugungen der Zuschauenden werden durch sie kaum ins Wanken gebracht. Die Präferenzen der Wählerinnen und Wähler festigen sich eher. Die Talkgäste beziehungsweise Diskutanten bewegen sich nicht aufeinander zu, sondern vertreten vehement ihre Einstellungen und Argumente. Wer am Ende überzeugender ist, liegt im Auge des Betrachters.

Und so fasst es die Politikwissenschaftlerin Ursula Münch auch in einem lapidaren Satz zum Anfang der Sendung von Anne Will am Sonntagabend zusammen: TV-Trielle ändern an der Gesamtsituation "nicht so viel". Trotz dessen ist der Schlagabtausch zwischen Annalena Baerbock, Armin Laschet und Olaf Scholz sendungsfüllender Inhalt. Neben der Einschätzung der Politprofis darf dabei natürlich nicht die Einschätzung des Wahlvolks fehlen.

Die Chefredakteurin des WDR-Fernsehens, Ellen Ehni, präsentiert erste Zwischen- und dann finale Umfrageergebnisse zu dem Triell von ARD und ZDF. Kurz zusammengefasst, fanden die rund 1500 befragten Zuschauerinnen und Zuschauer Grünen-Kandidatin Baerbock am sympathischsten. Sie strahlte zudem die größte Tatkraft aus. Sozialdemokrat Scholz überzeugte dagegen in Sachen Kompetenz und Glaubwürdigkeit. Der Gesamtsieg geht, wie auch schon im ersten TV-Triell bei RTL, an den Finanzminister. CDU-Chef Laschet hat in allen Kategorien das Nachsehen.

Robin Alexander, stellvertretender Chefredakteur der Zeitung "Die Welt", analysiert wenig überraschend, dass Laschet glaube, er könne die Wahl als Person nicht mehr gewinnen. "Die Leute haben sich kein gutes Bild von ihm gemacht. Aber er glaubt, das noch für seine Partei gewinnen zu können." So sei auch das kürzlich vorgestellte "Zukunftsteam" der Erkenntnis geschuldet, dass Laschet allein nicht durchkomme. Sein anfängliches Ziel, einen defensiven Wahlkampf ohne Polarisierung zu betreiben, sei nicht aufgegangen. Jetzt gehe es doch um Polarisierung, etwa in Sachen Linke, meint Alexander.

Dreyer kann nur noch mit den Augen rollen

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Laschets Parteikollege und Gesundheitsminister Jens Spahn

(Foto: NDR/Wolfgang Borrs)

Die Distanzierung von der Linkspartei als potenzielle Koalitionspartnerin greift auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn auf. Im Gegensatz zur grundsätzlich ausgeschlossenen Kooperation mit der AfD, gehe es bei der Linken um inhaltliche Differenzen, wie der Ablehnung der NATO. Als inhaltliche Pfähle rammt Spahn die innere Sicherheit, einen innovationsgetriebenen Klimaschutz und eine Wirtschaftspolitik mit niedrigen Steuern in den Studioboden. Über seinen GroKo-Partner sagt er: "Wenn wir genau hinschauen, ist Olaf Scholz auch das Feigenblatt für eine linke SPD, die eine ganz andere Politik will als die, die er gelegentlich verkörpert." Das fange mit der Schuldenunion in der EU an, gehe über höhere Steuern und ende mit Polizisten, die nicht geschützt, sondern unter Generalverdacht gestellt würden.

Als Vertreterin der Sozialdemokraten ist nicht etwa Saskia Esken geladen (die neben Norbert Walter-Borjans der Partei vorsitzt, woran sich dann auch noch Jens Spahn erinnern kann), sondern die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer. Streckenweise führt sie mit dem Gesundheitsminister das Duell Scholz versus Laschet in der Talkrunde fort. Da werden sich Halbwahrheiten, Vergangenheitsversessenheit und die beschriebenen linken Umtriebe vorgeworfen.

Angesprochen auf die Performance ihres Kandidaten freut sich Dreyer, dass sich Scholz von den Attacken Laschets nicht aus der Ruhe hat bringen lassen. Etwa als die Durchsuchung des Finanzministeriums zur Sprache kommt. Als es um Detailfragen zu den Skandalen, die Scholz anheften, geht (Warburg-Bank, Cum-Ex…), kann Dreyer nur noch mit den Augen rollen. Man könne sich stundenlang am politischen Gegner abarbeiten, sagt sie noch. Dies sei jedoch nie ihr Vorgehen gewesen.

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Malu Dreyer, SPD-Politikerin und Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, neben Robin Alexander, stellvertretender Chefredakteur der Zeitung "Die Welt".

(Foto: NDR/Wolfgang Borrs)

Warum hakt sich Baerbock bei derartigen Streitfragen nicht ein und greift die Regierungsparteien mehr an, will Will von Katrin Göring-Eckardt wissen. Es gehe darum, was erledigt werden müsse und anders gemacht werden könne, entgegnet die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag. Den Vorwurf von der Moderatorin und des Journalisten Alexander, die Grünen bedienten nur ihr Klientel, wenn Baerbock Themen wie den Klimawandel und Rassismus betont, sieht Göring-Eckardt schon fast als Beleidigung an. Dies seien keine Spezialthemen für einige wenige, sondern beträfen ganz Deutschland. "Wir sind jetzt wirklich an einer Zeitenwende", so die Grüne. "Wir können nicht mehr sagen: 'Wir machen das, wie wir das schon immer gemacht haben.' Sondern jetzt ist der Moment, wo man sagen muss: 'Nee, dieser Satz gilt nicht mehr.'"

"Er lebt"

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Ellen Ehni, Chefredakteurin des WDR-Fernsehens,, präsentiert die Blitzumfrage nach dem Triell.

(Foto: NDR/Wolfgang Borrs)

Der vor einigen Monaten noch gültige Satz, die Grünen sind die Hauptgegner der Union, gilt ebenso nicht mehr, bilanziert Politikwissenschaftlerin Münch. Das ist durchaus ein Problem für die CDU/CSU, weil es in Sachen Themensetzung und Mobilisierung der Anhängerschaft gegen eine von Scholz repräsentierte SPD unlängst schwieriger sei. Noch-Kanzlerin Angela Merkel habe eine Sozialdemokratisierung der Politik betrieben. Dadurch sei es kein Wunder, dass die Wähler, die deswegen der Union ihre Stimme gaben, nun zur SPD oder woanders hin wechselten. Dreyer sieht sich in der Sendung trotz dessen oder gerade deswegen genötigt, noch einmal zu betonen: "Natürlich ist Olaf Scholz Olaf Scholz und nicht Angela Merkel."

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Münch derweil, die mit ihren zum Teil schonungslosen Analysen ein Lichtblick an diesem späten Sonntagabend ist, gibt schon zu Beginn der 60 Minuten Triell-Auswertung ein klares Statement ab. "Ich fand Frau Baerbock - auch schon beim ersten Triell - ausgesprochen überzeugend." Sie ließ demnach die beiden Herren sich aneinander reiben und lenkte den Blick in die Zukunft, um dann über ihre Kontrahenten zu sagen, sie stritten über die Vergangenheit. Und Streitlust an sich wirke weniger sympathisch.

Laschet, der angesichts der jüngsten Umfragen und Erwartungen aus der Union in den Angriffsmodus geschaltet hat, tat Scholz überdies unbewusst einen Gefallen. Er habe ihn herausgefordert und aus der Reserve gelockt. "Er war ja richtig lebendig", resümiert Münch. Natürlich sei Scholz auch sonst lebendig, schiebt sie nach. "Er lebt", kommentiert Will. Aber im Normalfall sei der Sozialdemokrat "nicht so überbordend", sagt die Wissenschaftlerin. Spahn beschreibt den Auftritt von Scholz so: "Die Ohrenfarbe hat sich der Krawattenfarbe angenähert." Wie Laschet war der SPD-Mann in einem dunkelblauen Anzug erschienen - mit weinroter Krawatte.

Quelle: ntv.de

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