Fußball

Lieber zweifeln als schweigen Ein Fußballer darf Angst vor Corona haben

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Birger Verstaete hat gesagt, dass er sich Sorgen macht. Und das ist gut so.

(Foto: imago images/Herbert Bucco)

Die Corona-Pandemie hat den Fußball in den Stillstand gezwungen. Mit einem umfassenden Konzept zu Hygiene und Quarantäne wollen sich die Profi-Ligen aus dieser festen Umklammerung lösen - öffentliche Zweifel stören da.

Man kann den 1. FC Köln kritisieren. Man kann ihn dafür kritisieren, dass er mit den Sorgen eines Fußball-Profis nicht souverän umgeht. Birger Verstraete hatte sich über den Umgang seines Arbeitgebers mit drei positiven Corona-Fällen im engsten Kreis der Mannschaft gewundert. Und er hatte das öffentlich ausgesprochen. Ein "bisschen bizarr" oder "ziemlich bizarr" (je nach Übersetzung des TV-Gesprächs) fand der Belgier es, dass er und die anderen negativ getesteten Spieler und Betreuer des Bundesligisten trotz vorherigen Kontakts mit den Infizierten nicht auch in Quarantäne geschickt würden.

Verstraete hat das auch gesagt, weil seine Freundin an Herzproblemen leidet. Weil sie zur Risikogruppe gehört. Weil er sich Sorgen um ihre und wahrscheinlich auch um seine Gesundheit macht. Weil er die Konsequenzen einer Infektion nicht abschätzen kann. Wie so viele nicht. Weil das Corona-Virus längst nicht ausreichend erforscht ist.

Einige der Aussagen, die in vielen Medien sofort als Vorwurf gewertet worden waren, seien falsch, ließ der Verein sehr schnell mitteilen. Und das darf, nein, muss er auch. Denn man kann dem "Effzeh" sehr wohl unterstellen, dass er kein unkalkulierbares Risiko eingehen will. Was freilich für alle Vereine gilt. Und so ließ der Verein Birger Verstraete - ein Wort über dessen Sorgen verloren die Kölner in ihren Statement übrigens nicht - nochmal zu Wort kommen, der schließlich verkündete, dass er sich an manchen Stellen falsch ausgedrückt habe und dass er mit seinen Fragen besser zum Teamarzt der Kölner gegangen wäre, als ein emotionales Interview zu geben.

"Mehrheit der Spieler hat Angst"

Nein, genau das wäre falsch gewesen und man muss den 1. FC Köln kritisch fragen, unter welchen Umständen sich Verstraetes Sinneswandel vollzogen habe. Es war genau richtig vom sportlich zuletzt nicht mehr berücksichtigten Mittelfeldspieler dieses Interview zu geben. Dieses emotionale noch dazu. Denn in der Emotion steckt sehr häufig sehr viel Wahrheit. Und diese Wahrheit, auch diese Sorge, bleiben im Profifußball zu oft unter Verschluss. Dort gilt: Meinungsfreiheit ist Klubhoheit. Unautorisierte Interview scheinen die Klubs härter zu treffen als krachende Niederlagen. Das gilt nicht nur in Köln, das gilt allgemein. Und deswegen darf man eben auch all die anderen Klubs kritisieren. Spieler wie Verstraete gibt's schließlich überall. Spieler, die die Ängste und Sorgen haben. Sie schweigen nur meistens, in vorauseilendem Klubgehorsam.

Für die aktuellen Diskussionen um die Fortsetzung des Spielbetriebs sind Aussagen wie die des Belgiers allerdings elementar wichtig. Ein Fußballer darf nämlich Angst haben. Und diese Angst gilt es ernstzunehmen. Sehr ernst. Weil sie auch mit vorerkrankten Menschen zusammenleben, weil sie Kinder, weil sie Säuglinge haben. Weil sie nicht wissen, wie gefährlich eine Infektion für sie ist. Und weil Verstraete nicht allein ist. Er vermutet, dass in einer anonymen Umfrage viele Spieler für einen Abbruch der Saison wären. Nicht anonym, sondern sehr bewusst hat am Freitag Sergio Agüero (Manchester City) verkündet, "dass die Mehrheit der Spieler Angst hat". Er auch.

Fußball ist Kontakt, Kontakt ist Risiko

Klar, es geht bei der Wiederaufnahme der Saison ums Geld. Womöglich um die Existenz vieler Klubs. Es geht um den Erhalt der Arbeitsplätze. Aber das hat er Fußball ja nicht exklusiv. Und während andere Branchen sich in der Corona-Krise mit Home-Office zu behelfen wissen, mit Mundschutz und Abstandsregeln, geht und gilt dies im Fußball nur sehr bedingt. Fußball ist Kontakt. Und Kontakt, der ist oder war (je nach Bundesland) ja eingeschränkt, weil das Risiko einer Ansteckung, einer massiven Weiterverbreitung des Virus so hoch ist.

Nun will sich der Fußball zu seiner Sicherheit und der seiner Mitwirkenden in einen abgeschlossenen Mikrokosmos begeben - um endlich wieder zu spielen. Verstraete findet diese schnelle Wiederaufnahme übrigens "naiv". Es gibt zur Vorbereitung regelmäßige Tests, es werden Geisterspiele kommen, manche planen gar Quarantäne-Trainingslager. Die Pläne, sie sind nicht in der hohlen Hand gereift, Experten haben sie mitgedacht und mitgeschrieben. Sie appellieren zur erfolgreichen Umsetzung auch an die Selbstdisziplin der Spieler und Verantwortlichen - wie unkalkulierbar das ist, zeigt der aktuelle Fall von Herthas (umgehend suspendierten) Stürmer Salomon Kalou und seinem verstörenden Clip. Auf dem Beipackzettel steht indes auch: Das Risiko einer Ansteckung kann nicht hundertprozentig ausgeschlossen werden. Und das beste Konzept kann ins Wanken geraten, sollte es zu viele Fälle geben.

Zentrale Kommunikation - was soll das?

Doch was sind zu viele Fälle? Drei, sieben, zehn (die sind es aktuell in der 1. und 2. Liga), 20, 100? Nicht geklärt. Und wohl auch um nicht in Erklärungsnot zu geraten, plant die Deutsche Fußball-Liga offenbar eine neue Informationslinie. So wurden die Vereine laut "Kicker" in einer Mail aufgefordert, Stillschweigen über ihre Testergebnisse zu bewahren. Es soll eine "zentrale öffentliche Kommunikation" geben. Das klingt eher nach dem Versuch, die Deutungshoheit zu bewahren, als nach Transparenz, um Vertrauen zu schaffen. Allerdings - und das wäre dann die positive Lesart - lässt sich so vermutlich ein ähnliches Zahlen- und Begriffswirrwarr der Zahlen mit unterschiedlichen Angaben von Robert-Koch-Institut sowie den Bundesländern und Kreisen vermeiden.

Nun, in dieser Woche treffen sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Länderchefs. Sie wollen über weitere Lockerungen der Corona-Maßnahmen beraten. Auch über den Fußball. Da ist es unbedingt gut zu wissen, was die Spieler denken, beispielsweise ein Birger Verstraete. Und deshalb gilt auch für den Fußball: Lieber offen über Zweifel und Ängste reden, als schweigen.

Quelle: ntv.de