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FC Chelsea ändert Strategie Warum Tuchels Rauswurf nicht überraschend kam

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Ein Bild vom letzten Arbeitstag Tuchels für den FC Chelsea.

(Foto: IMAGO/Pixsell)

Nach 99 Pflichtspielen ist Thomas Tuchel nicht mehr Trainer des FC Chelsea. In seiner Amtszeit gewann er den Champions-League-Titel mit den "Blues". Aber zuletzt liefen die Dinge nicht mehr zugunsten des Deutschen.

Eine 0:1-Auswärtsniederlage gegen Dinamo Zagreb besiegelte das Schicksal Thomas Tuchels. Der 49-Jährige ist nicht länger Cheftrainer des FC Chelsea, mit dem er vor nicht allzu langer Zeit große Erfolge feierte. Allerdings verlief der Start in die laufende Spielzeit sehr holprig, was die neue Eigentümergruppe rund um Todd Boehly zu diesem drastischen Schritt bewog. Auf den ersten Blick mag die Entlassung Tuchels wie eine Überreaktion wirken. Immerhin musste Chelsea im Sommer die Mannschaft umbauen. Das braucht normalerweise Zeit.

So mancher Neuzugang wie etwa Pierre-Emerick Aubameyang kam darüber hinaus vor allem wegen Tuchel an die Stamford Bridge. Obwohl der deutsche Trainer und sein Stab nur rund eineinhalb Jahre in London tätig waren, hinterließen sie in dieser Zeit ihre Handschrift. Der FC Chelsea spielt einen gänzlich anderen Fußball als noch unter Vorgänger Frank Lampard. Lust am Ballbesitz und intelligentes Positionsspiel sind in aller Regel prägende Elemente.

In den ersten Wochen der Saison fehlte allerdings in einigen Phasen die Entschlossenheit, Angriffe mit Zug zum gegnerischen Tor auszuspielen. Stattdessen wurde lieber der Rückpass gewählt und das Tempo aus dem Spiel genommen. Trotz der dritthöchsten Ballbesitzquote der Premier League erspielte sich Chelsea nur die 13. meisten Torschüsse. Auch gegen Dinamo Zagreb, das von seinen vorigen 30 Champions-League-Spielen nur zwei gewinnen konnte, ließ die offensive Durchschlagskraft von Chelsea zu wünschen übrig.

Ob einiger Neuzugänge, die teilweise erst während der laufenden Saison zur Mannschaft stießen, mögen jedoch Abstimmungsprobleme und insgesamt fehlende Kohärenz innerhalb der Elf nicht wirklich überraschen. Chelsea investierte netto 223 Millionen Euro in der Sommertransferperiode - die höchste Summe aller Klubs in Europa. Wie viel die Neuen gekostet haben, spielt aber nur bedingt eine Rolle, wenn es darum geht, sie effektiv in ein Team zu integrieren. Der 80-Millionen-Euro-Innenverteidiger Wesley Fofana half beim Tor von Zagreb am Dienstagabend mit einem Stellungsfehler nach und Angreifer Aubameyang blieb bei seinem Debüt weitestgehend wirkungslos. Insgesamt vier Neuzugänge standen in Zagreb in der Startaufstellung, ein weiterer kam von der Bank.

Neuer Führungsstil im Klub

Tuchel selbst glaubte noch, dass der späte 2:1-Sieg gegen West Ham United am Wochenende eine erste Wende war. Er wirkte umso erboster, als der nächste Rückschritt auswärts in Zagreb gemacht wurde. "Ich habe gedacht, wir haben in einer sehr schwierigen Phase eine Reaktion gezeigt", so der Deutsche nach der Niederlage. "Wir hatten gute Trainingseinheiten. Ich habe gedacht, die Mannschaft wäre gut vorbereitet. Ich dachte, wir wissen, worum es hier geht. Das habe ich nicht kommen sehen, deswegen bin ich wütend auf mich."

Laut Tuchels Analyse fehle der Mannschaft momentan alles. Jedoch klang er noch in Kroatien nicht so, als würde er an eine Entlassung glauben. Vielmehr wirkte Tuchel wie ein Trainer, der selbst das Ruder rumreißen wollte. Dazu wird es nun nicht mehr kommen, weil sich die neue Führung der "Blues" anders entschied. Tuchels Beziehung mit den Investoren Boehly und Behdad Eghbali mag etwas damit zu tun haben.

Die neuen Besitzer verfolgten, anders als zuvor der russische Oligarch Roman Abramowitsch, der aufgrund der Sanktionen gegen ihn infolge des Kriegs in der Ukraine Chelsea im Sommer verkaufen musste, eine Hands-On-Strategie. Boehly etwa redete bei Transferentscheidungen nicht nur mit, sondern war auch in die Verhandlungen involviert. Es ist bereits durchgedrungen, dass der 48-jährige US-Amerikaner mit manchen Vereinsführungen in Europa ein gutes Verhältnis aufgebaut hat.

Die Konsequenz des neuen Führungsstils war allerdings, dass Tuchel selbst kommunikativer sein musste. Es gab eine WhatsApp-Gruppe mit den Vereinsoberen, in der beispielsweise Transferziele diskutiert wurden. Tuchel jedoch mag es lieber, wenn ihn die Bosse machen lassen und er zumindest in puncto Training, Taktik und Aufstellung weitgehende Autonomie genießt. Boehly wiederum wollte in Entscheidungen einbezogen werden, wie es teilweise im Verhältnis zwischen Teambesitzer und Coach in den USA üblich ist.

Ein Kandidat ohne großen Namen

Chelsea muss sich nun schnellstens nach einer Lösung für die Trainerposition umschauen. Am besten geeignet wäre einer, der zumindest mit der Grundphilosophie von Tuchel übereinstimmt, um keinen allzu großen spielerischen Bruch herbeizuführen. Im Gespräch ist Graham Potter von Brighton & Hove Albion, der mit den "Seagulls" zuletzt hervorragende Arbeit geleistet hat. Außerhalb Englands mag Porter keine großartige Bekanntheit besitzen, aber innerhalb der Premier League wird er geachtet und geschätzt.

Trotz beschränkter Mittel spielt Brighton einen ansehnlichen Fußball mit jenem offensiven Output, der Chelsea zuletzt abging. Übrigens ist ein zentrales Puzzleteil im Spiel der Südengländer der ehemalige Ingolstadt-Profi Pascal Groß. Das zeigt allerdings auch, dass Potter beim wesentlich größeren Klub in London mit einem anderen Kaliber von Starspielern zu tun haben würde. Brighton ist gemütlich, Chelsea steht für Erfolgsdruck.

Die "Blues" hatten in der Vergangenheit auch immer wieder ein gutes Händchen mit Interimstrainern wie Carlo Ancelotti, Guus Hiddink und Roberto Di Matteo. Vielleicht wird es wieder solch eine Lösung geben, auch wenn die Spitzentrainer natürlich nur ungern auf Zeit angestellt werden.

Tuchel wird Angebote erhalten

Dass das Trainergeschäft allerdings ohnehin schnelllebig ist, erfuhr Tuchel am eigenen Leib. Nach seiner Entlassung bei Paris Saint-Germain im Dezember 2020 muss er erneut die Koffer packen und einen Topklub verlassen. Allerdings nimmt seine Reputation dadurch keinen Schaden, zumal viele große Trainer mittlerweile nicht mehr davor gefeit sind, irgendwann beurlaubt zu werden.

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Seine Zeit in London hat Tuchel in jedem Fall vorangebracht. Er wirkte nahbarer und hat gerade während der Unsicherheit rund um Ex-Besitzer Abramowitsch unter Beweis gestellt, dass er über außerordentliche Führungsqualitäten verfügt. Im Frühjahr fungierte Tuchel phasenweise als eine Art Pressesprecher für den gesamten Verein, während er sich zugleich darum kümmern musste, steigende Unruhe innerhalb der Mannschaft zu unterbinden.

Obendrein hat der 49-Jährige nun einen Champions-League-Titel in seiner Vita stehen. Sobald ein anderes europäisches Spitzenteam einen neuen Trainer braucht, wird sein Name in der Verlosung sein.

Quelle: ntv.de

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