Fußball

Warum ausgerechnet Österreich? Ein typischer Move von Visionär Ralf Rangnick

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Ralf Rangnick kam als "Godfather of Gegenpressing" auf die Insel und geht als Gescheiterter.

(Foto: IMAGO/PA Images)

Die österreichische Nationalmannschaft hat einen neuen Hoffnungsträger: Ralf Rangnick, den Fußball-Visionär. Er kommt von Manchester United. Was vielleicht wie ein Rückschritt für den Trainer klingt, ist genau das Gegenteil. Dort in Österreich kann Rangnick tun, was er am besten kann.

Von Manchester nach Wien. Für Menschen, die auf guten Kaffee, eine charmante Sprache oder einfach nur auf Grandezza stehen, dürfte ein Ruf aus der österreichischen Hauptstadt verlockend sein. Besonders, wenn der Ruf in eine Stadt hallt, die aufgrund ihres industriellen Erbes als sehr "ugly" gilt. Also als "hässlich". Ralf Rangnick hat dieser Ruf erreicht. Doch seine Beweggründe, diese Welt-Metropole des Fußballs zu verlassen, liegen fernab der Verlockungen der österreichischen Stadt, die als besonders unfreundlich, aber lebenswert gilt. Dass der Fußball-Visionär nun die Nationalmannschaft der Alpenrepublik übernimmt, das ist ein typischer Move des Backnangers. Denn er besinnt sich damit auf das, was er am besten kann.

Rangnick kommt aus Manchester. Dort hatte er sich zugetraut, den taumelnden United-Riesen wieder aufzurichten. Es war ein zeitlich befristeter Plan. Zumindest offiziell. Ob sich der Trainer bei einem perfekten Verlauf seiner Mission mehr hätte vorstellen können, unklar. Aber nicht utopisch. Denn Rangnick hatte für den Herbst seiner Karriere durchaus die Ambition, nochmal einen Top-Klub zu trainieren, um Titel mitzuspielen. Daran ist er gescheitert. Mit größten Erwartungen nach England gelockt, als Erfinder des Gegenpressings in den Himmel gelobt, ist seine Ausbeute kläglich. Manchester United steht vor der schlechtesten Saison seit langer, langer Zeit. Das ist natürlich nicht nur Rangnicks Schuld.

"Rangnick ist eine Katastrophe"

Drei Siege in den letzten drei Spielen würde Manchester United auf 64 Punkte bringen. Diese Marke stellt die bislang schlechteste Punkteausbeute der Red Devils im Premier-League-Zeitalter dar. Erreicht unter David Moyes in der Saison 2013/2014. Rangnicks Name könnte in Manchester somit mit einem Tiefpunkt der Vereinsgeschichte in Verbindung bleiben. "Er war sehr gut, die Kritik an den Leistungen von ihm abprallen zu lassen. Er hat die Spieler kritisiert, die Mentalität, die Transferpolitik des Klubs. Er hat nur von seinen eigenen Fehlern abgelenkt", sagte der ESPN-Experte Mark Ogden: "Die Realität ist folgende: Er hat keines der letzten sieben Spiele gewonnen. Sein Vorgänger wurde nach zwei Siegen in seinen letzten sieben Spielen gefeuert. Rangnick ist eine Katastrophe. Die Spieler respektieren ihn nicht."

Rangnick ist an der Aufgabe Manchester United gescheitert. Dabei hatte er sich nochmal einer anderen Herausforderung als dem Entwicklertum stellen wollen. In diesem Ressort war er ja lange unterwegs. Und das sehr erfolgreich. Der 63-Jährige hat sich mit seiner Arbeit bei der TSG Hoffenheim und vor allem bei den Teams aus dem Red-Bull-Imperium den Ruf als Visionär erworben, zwei Klubs, die unter klinischen Bedingungen im Profifußball etwas aufbauten. Ganz anders also als der auf Grund gelaufene Tanker Manchester United, mit all der Geschichte, die den Verein geradezu erdrückt. Erfolg hatte er meist, wenn ihm alle Freiheiten gewährt wurden. Wenn er nicht von Stars und deren Egos genervt wurde, sondern sie formen konnte.

Rangnick gilt als Erfinder jener radikalen Idee, die sich vor allem die Energy-Drink-Klubs zu eigen gemacht haben. Er gilt als Spezialist für Pressing und Umschaltspiel. Doch Rangnick war seiner Zeit schon immer voraus, dachte fortschrittlich. Legendär ist sein Auftritt im ZDF-Sportstudio. Als Trainer des damaligen Zweitligisten SSV Ulm 1846 erklärte er der Welt an einer kleinen Taktiktafel den modernen Fußball. Via Impulsreferat. Er sprach über das neue Phänomen der Viererkette. Er erklärte die Raumdeckung und etwas, das heute eben als Pressing verstanden wird. Es ging ihm um ballorientiertes Verteidigen. Um Überzahlsituationen in unmittelbarer Ballnähe. Alles Dinge, die im damaligen Fußball noch keine Rolle gespielt hatten.

Visionär scheitert an Geschichte

Alles Dinge, mit denen Rangnick den Aufsteiger damals zur Herbstmeisterschaft gecoacht hatte. Er hatte sich in seinem Denken an legendären Koryphäen wie Walerij Lobanowski oder Arrigo Sacchi orientiert. Rangnicks Ziel war schon immer: Er wollte Vereine weiterbringen. Sie entwickeln. Aber nach seinen Vorstellungen. Dass er mit diesen häufiger bei seinen Arbeitgebern angeeckt ist, war eine Konsequenz seiner Fortschrittlichkeit. Aber auch seiner Überzeugung, die sehr manifestiert war. Er ist eben Visionär, kein Diplomat.

Darin soll auch eines der Probleme seiner Zeit bei United, die in diesem Sommer geplant ausläuft, begründet liegen. Der Trainer aus Deutschland wollte wieder seine Idee des Fußballs durchsetzen. Unser Taktikexperte Constantin Eckner urteilte in einer Analyse: "Rangnick agierte in den ersten Wochen ambitioniert und wollte United seine Pressing-Medizin verabreichen. Aber weder gab es Automatismen, noch brachten Uniteds Angreifer die notwendige Intensität ins Spiel. Superstar Cristiano Ronaldo wirkte wie ein Fremdkörper."

Womöglich hatte Rangnick dabei unterschätzt, dass Ronaldo für diese Interpretation des Spiels nicht mehr geeignet ist. In der portugiesischen Nationalmannschaft etwa betätigt sich der 37-Jährige auch vornehmlich als Traber, der nur noch in ausgewählten Spielmomenten seine Explosivität zeigt, wie Eckner analysiert. Doch anders als bei vorherigen Stationen passte sich Rangnick an, war hier eben nicht als Entwickler gefragt, sondern als Mann, der eine Truppe von augenscheinlich wenig leistungsbereiten, weil abwanderungswilligen Stars betreuen musste. Rangnick überwand sich für diese Aufgabe, hielt nicht an seinen Überzeugungen fest, sondern variierte. Ohne großen Erfolg. Da Rangnick ohnehin nur als Interimslösung geholt wurde, war der Deutsche wohl schon von Beginn an eine "Lame Duck", dem die nötige Autorität in der Kabine fehlte.

Österreich als Chance

Nun also Österreich. Das gepeinigte Fußball-Land, das die Weltmeisterschaft in Katar verpasst hatte. In den Playoffs gescheitert an Wales. Für Franco Foda war danach Schluss. Für jenen Trainer, der ständiger Kritik ausgesetzt war. Denn in Österreich waren sie der Meinung, dass er das Potenzial des Kaders, das als durchaus groß eingeschätzt wird (zumindest ausreichend für die WM-Teilnahme), nie und nicht ausreizen konnte.

Nun liegt Österreich fußballerisch am Boden. Es braucht einen Neuaufbau. Eine Vision. Eine langfristige Planung. Und dafür hat der Verband Rangnick ausgerufen. Der findet dort jene Bedingungen, die er besonders gerne mag. Potenzial (mit vielen jungen Talenten aus den RB-Schmieden) und wenig äußere Einmischung. Es geht bei und für Rangnick ja immer um möglichst viel eigenständige Kompetenz. Er kann den Kader nominieren, wie er es mag. Er kann das Training gestalten, eine Idee implementieren, ganz nach seinen Vorstellungen.

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Zu denen gehört auch, dass er Manchester United als Berater erhalten bleibt. Der Verein bestätigt, daran festhalten zu wollen. Trotz des Engagements von Rangnick in Österreich. Ob das eine Idee ist, die im Sinne beider Parteien funktionieren wird? Gerade bei einem Klub wie den Red Devils, der so verzweifelt nach einer Identität sucht, die die Obsession mit der Alex-Fergueson-Vergangenheit tilgt?

Erste Zweifel daran werden bereits laut. Die Manchester-United-Legende Gary Neville sieht einen Interessenskonflikt und Rangnick nicht in der Lage, beide Ämter auszufüllen. "Wo ist seine Priorität?", fragte der heutige TV-Experte in seinem Podcast und verwies auf die Verpflichtungen eines Nationaltrainers: Spiele sehen, Spieler beobachten, den Kader der Nationalmannschaft planen und ihn dann auch betreuen. "Ich sehe nicht, wie das funktionieren soll."

Quelle: ntv.de

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