Fußball

Heynckes wird auch zum Problem Wie "Don Jupp" alle Bayern-Wunden heilt

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Der Jupp, ein Teufelskerl.

(Foto: dpa)

Mit jedem Sieg wird es für den FC Bayern ungemütlicher. Denn mit jedem Sieg wächst die Angst vor dem, was im kommenden Sommer passiert. Da nämlich könnte plötzlich sogar das Triple stehen - und damit ein Erbe, für das kaum jemand bereit ist.

Den Fußball hat Jupp Heynckes seit dem 9. Oktober nun wahrlich nicht neu erfunden. Und trotzdem ist er seither (fast) maximal erfolgreich. Nur ausgerechnet seine fünfte große Liebe - neben seiner Frau, seiner Tochter, seinem Hund und dem FC Bayern - die Borussia aus Mönchengladbach, malte ein paar schäbige Pinselstriche auf das nahezu perfekte Comeback-Gemälde von "Don Jupp" als Trainer des Münchener Fußball-Rekordmeisters. 15 (nicht immer überzeugende Siege) aus 16 Spielen gab's in seiner vierten Ägide bislang, verteilt auf die Wettbewerbe Bundesliga (hier muckte die Borussia erfolgreich auf), DFB-Pokal und Champions League. Das klingt eigentlich fürchterlich unaufregend, denn der FC Bayern gewinnt normalerweise ja ohnehin immer. Nicht aber so zu Beginn der Saison 2017/18, da nämlich hatte sich der so selbstbewusste Klub zwischenzeitlich besorgniserregend verloren und erniedrigt.

Das einst perfekte Team, das Heynckes im Sommer 2013 nach dem Triple-Triumph nicht ganz freiwillig an das Trainergenie Josep Guardiola übergeben musste und vom Katalanen in drei Jahren zum taktisch raffiniertesten Ensemble überfordert wurde, verkam in nicht einmal anderthalb Carlo-Ancelotti-Jahren zu einem atmosphärisch und taktisch ziemlich verwilderten Haufen, der am 27. September im Pariser Prinzenpark eine folgenschwere Panikattacke erlitt. Mit ungewöhnlicher und höchst umstrittener Aufstellung ließen sich die Münchener von der stumpfen Tempogewalt des Paris St. Germain phasenweise wehrlos überrennen. Und nach den 90 und ein paar frustrierenden Champions-League-Minuten entlud sich der ganze Stress der vergangenen Monate. Coach Carlo hatte den Verein nun endgültig gegen sich aufgebracht. Ausgerechnet der Mann, dem sie doch als Nachfolger von Triple-Verfehler Guardiola die höchste Henkelpott-Kompetenz attestiert hatten, dem sie nachsagten, Star-Ensembles prima unterhalten zu können.

Ancelotti wurde nach dem Prinzenpark-Desaster rasiert und Heynckes auf Bitten von Präsident Uli Hoeneß für ein Dreivierteljahr von der Gartenarbeit am Niederrhein abkommandiert. Einen "Freundschaftsdienst" nennt der 72-Jährige seine Abkehr vom Ruhestand. Einen zeitlich klar definierten. Denn im Sommer 2018, wenn die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in Russland ihren WM-Titel verteidigen möchte, will der Jupp wieder auf seinem Bauernhof in Fischeln sitzen und das Leben genießen. Denn der Trainerstress, der nagt an ihm (immer mehr). "Für eine gewisse Zeit geht das", sagte er im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" Anfang Dezember, "aber das ist nicht das Leben, das man sich wünscht. Ich bin 72. Da ist die eigene Lebenserwartung nicht mehr so üppig." Und dennoch ließ er sich auf den Münchener Wahnsinn ein. Auf die Aufgabe, den dahinsiechenden Patienten mit neuer Lebensenergie und dringend benötigtem Selbstvertrauen zu versorgen. Eine Behandlung aller bayerischer Wunden, im Vollstressmodus, verteilt auf drei Wettbewerbe.

Wenn die Atmosphäre stimmt...

Heynckes' Methode ist dabei so einfach, dass sie wie eine krachende Ohrlasche für alle der Konzept- und Vollzeitanalyse-Wut verfallenen Trainer wirkt. Heynckes setzt auf eine "angenehme Atmosphäre", das wiederholt er immer und immer wieder. Auch jetzt, als ihn die "Rheinische Post" im Heimaturlaub am Niederrhein besuchte. Aber diese Atmosphäre, auch das wiederholt Heynckes stets, entsteht nicht in mal mehr, mal weniger lustigen Gaudimax-Runden, sondern nur durch harte Arbeit. Als Gegenentwurf zum Ancelotti'schen Anitüberforderungsansatz erhöhten der Trainer-Routinier und seine Co-Trainer-Routiniers Hermann Gerland und der teure Peter Herrmann direkt mal die Trainingsumfänge - und das gewaltig. "Wie man trainiert, so spielt man auch", erklärte der Chef. Während Ancelotti also auf die intern sehr umstrittene Schonung durch lasche Einheiten mit minimalstem Aufwärmen setzte, fordert Heynckes Intensität, selbst beim Warmmachen. Mit dem (fast) maximalen Ertrag.

Wer mitzieht, der wird belohnt. So wie Arturo Vidal, der Krieger, das extrovertierte Sensibelchen. In Leverkusen hatten der Coach und der Chilene bereits miteinander zu tun. In Leverkusen arbeiteten sich beide zunächst aneinander ab, wurden aber schnell Freunde und der Abräumer ein Top-Fußballer. Einer allerdings, der es nicht immer so genau mit der Disziplin nimmt, der manchmal sogar völlig eskaliert, wie 2015 während der Copa América, als er im Suff seinen teuren Sportwagen schrottete. Nun war's auch in München so, dass Vidal mal wieder neben der Spur lief. Körperlich schleppte sich der Krieger so mühsam übers Feld, dass der Coach wütend wurde: "Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn anders kenne und er nicht viele Spiele machen wird, wenn er sich nicht in Form bringt." Vidal reagierte, brachte sich in Form, spielte plötzlich wieder überragend.

Diese Art mit Spielern umzugehen, ist das Erfolgsmantra von Heynckes: "Man braucht Regeln und Disziplin im Leben", erzählt er der "Rheinischen Post". "Man braucht Regeln und Disziplin auf allen Ebenen. Und besonders in einer Fußballmannschaft." Das Geheimnis eines funktionierenden Teams sei eben nicht nur die Klasse der Spieler, "sondern der Zusammenhalt, das Innenleben. Eine Mannschaft ist dann gut, wenn alle Rädchen ineinandergreifen". Und damit all diese Rädchen ineinandergreifen, müsse "der äußere Rahmen stimmen." Den hat Heynckes seit seiner Amtsübernahme Anfang Oktober neu gesteckt. Und das ist vielleicht der einzige Anteil an der beeindruckenden Siegesserie, den er sich selbst zuerkennt. "Ich kann das Innenleben stark beeinflussen", sagt er. Dafür hat er unzählige Gespräche geführt, "Grundsatzreden" gehalten. Die Essenz: "Ich gebe den Spielern Vertrauen." Das Ergebnis: Sie geben das Vertrauen zurück.

Wer plötzlich alles aufdreht...

So wie der baskische Wadlbeißer Javi Martinez, der unter Heynckes wieder von der Innenverteidigung als unverwüstlicher Stabilitätsanker auf die Sechs rückte. Oder Manuel-Neuer-Vertreter Sven Ulreich, der zunächst offenbar an der Last der Verantwortung verzweifelnd reichlich Mühe hatte, seine Leistungen irgendwie zu stabilisieren, mittlerweile aber regelmäßig Spiele für die Bayern mitentscheidet. Oder James Rodriguez, die anfangs millionenteure Problemleihe von Real Madrid, die nun ihre gewaltige, kunstvolle Ballqualität voll einbringt. Oder Kingsley Coman, der supersuperschnelle Außenstürmer, der nun nicht mehr nur kopflos sprintet, sondern auch mal bremst, dann die Rübe hochnimmt und präzise flankt. Und natürlich Thomas Müller und Franck Ribéry, die beiden Mia-san-mia-Leibhaftigen, die am stärksten unter der Ancelotti-Depression zu leiden hatten, die die Titelträume ihres Klubs nun wieder mit großer Freude, mit voller Leidenschaft und hoher Effektivität beleben.

Nur Hoeneß, der Präsident, der stört regelmäßig die Wohlfühl-Atmosphäre. Denn der Patriarch will sich partout nicht damit abfinden, dass Heynckes seinen Freundschaftsdienst im Sommer unumstößlich beenden will. Wieder und wieder stichelt er, wirbt um einen Verbleib. Denn er weiß ja auch: Mit jedem Sieg von Heynckes steigt der Druck auf seinen Nachfolger. Wer das sein kann? Der Hoffenheimer Julian Nagelsmann, dessen Stressresistenz und Moderationskompetenz mit hochsensiblen Weltklasse-Seelen noch nicht belegt ist? Oder Thomas Tuchel, dessen sportliche Kompetenzen nie angezweifelt werden, dessen Ruf aber im Dortmunder Alphatier-Dissens gelitten hat? Oder Jürgen Klopp, der beim FC Liverpool über alle Maßen geliebt wird, sich sportlich mit seinem Team aber immer wieder unerklärliche Aussetzer leistet? Oder aber Nico Kovac, der seit zwei Jahren bei der verhältnismäßig kleinen Eintracht aus Frankfurt sehr gute Arbeit leistet?

Und weil es eben so viele Fragezeichen gibt, ließ Hoeneß kurz vor Weihnachten bei einem Fanclub-Treffen darüber abstimmen, ob der Jupp länger bleiben sollte. Das Ergebnis: Unbedingt, ohne Gegenstimme. Davon gibt's ohnehin nur eine. Sie gehört allerdings blöderweise Jupp Heynckes.

Quelle: n-tv.de

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