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Pandemie ändert ihr Gesicht "Ausbruchswellen werden heftiger und kürzer"

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Menschen in Deutschland scheinen zuletzt wieder zurückhaltender bei ihren Kontakten zu werden.

(Foto: imago images/Michael Gstettenbauer)

Die weitere Entwicklung der Coronavirus-Pandemie könnte einen bisher ungekannten Verlauf einschlagen. Denn in bestimmter Hinsicht ist die Lage anders als vergangenen Herbst. Zudem könnte auch der Faktor Mensch für unvorhersehbare Wendungen sorgen, wie Kontaktdaten nahelegen.

Jeder möchte wissen, wie es mit dieser Pandemie weitergeht. Die Zahl täglich gemeldeter neuer Corona-Fälle in Deutschland liegt zuletzt um 40 bis 70 Prozent höher als in der Vorwoche. Warnungen vor einer Überlastung der Kliniken werden bereits laut. "4. Welle läuft jetzt voll an", twitterte SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach.

Tatsache ist, dass sich die bundesweite Inzidenz seit Anfang Oktober mehr als verdoppelt hat. Derzeit steht sie bei fast 140. Wird es nun stetig weiter nach oben gehen? Das ist alles andere als sicher. Aus mehreren Gründen. Einer davon ist ein zuletzt beobachteter Rückgang der Zahl der Kontakte zwischen Mensch.

Der Contact Monitor, ein gemeinsames Projekt von Berliner Humboldt-Universität und dem Robert-Koch-Institut (RKI), ermittelt aus anonymisierten Mobilfunkdaten die durchschnittliche Kontaktzahl von Menschen in Deutschland. "Wir sehen schon seit der zweiten Septemberhälfte, dass die Menschen auf steigende Fallzahlen reagieren und ihre Kontakte wieder zurückfahren", sagte Physiker Dirk Brockmann, der an Berliner Humboldt-Universität und dem Robert-Koch-Institut (RKI) forscht, gegenüber der "Zeit". Er kümmert sich mit seinem Team um die Auswertung der Daten.

Doch Kontakte gelten als wichtigster Aspekt bei der Verbreitung eines Erregers, der sich von Mensch zu Mensch überträgt. Erhöht sich die Zahl der Kontakte, steigen die Chancen des Virus, neue Wirte zu finden. Ein Rückgang der Kontakte könnte jedoch die Verbreitung von Sars-CoV-2 ausbremsen.

Allerdings geht aus dem Contact Monitor auch hervor, dass die Anzahl der Kontakte derzeit stärker variiert als während des Großteils der Pandemie. Eine derart starke Bandbreite bedeutet, dass es auch Personen "mit einer großen Anzahl von Kontakten gibt, die zu 'Super-Spreader'-Ereignissen führen könnten", schreiben die Forscher.

27,7 Millionen noch ungeimpft

Brockmann nennt gegenüber der "Zeit" zwei weitere Aspekte, welche die Pandemie schwer vorhersagbar machen: Zum einen die Delta-Variante, die deutlich ansteckender ist als jene, die im vergangenen Herbst für eine Infektionswelle sorgte, zum anderen der mittlerweile hohe Anteil Geimpfter.

Zwei Drittel der Bundesbürger haben bereits eine vollständige Impfung erhalten, fast 70 Prozent sind mindestens einmal geimpft. Allerdings sind 27,7 Millionen Menschen bisher nicht geimpft, darunter 18,5 Millionen Impfberechtigte. Unter den Ungeimpften droht sich das Virus stark auszubreiten, es stößt aber immer wieder an Barrieren. "Ausbruchswellen werden dadurch tendenziell heftiger und kürzer", so Brockmann. "Die Änderungsrate der Neuinfektionen schlägt nach oben wie nach unten stärker aus und wechselt zugleich häufiger zwischen steigend und fallend."

Trotz steigender Fallzahlen: Am 25. November soll in Deutschland die "epidemische Notlage von nationaler Tragweite" enden. Politiker werden nicht müde zu betonen, dass Lockdowns und Schulschließungen dann kein Thema mehr sein sollen. Wie das Infektionsgeschehen zu diesem Zeitpunkt jedoch aussieht, scheint ungewisser denn je. "Die Pandemie ist unberechenbarer geworden", formuliert es Brockmann.

Quelle: ntv.de, kst

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