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Kontroverse Debatte Babytiere in Zoos - Artenschutz oder nicht?

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Nashornkuh Marcita mit ihrem Bullenkalb Tayo im Erfurter Zoo - beide starben kurze Zeit nach der Aufnahme.

(Foto: dpa)

Tierbabys sind klein und sehr beliebt, regelmäßig freuen sich deshalb deutsche Zoos und Tierparks und ihre Gäste über neuen Nachwuchs. Doch es gibt auch Widerstand gegen Zucht in Zoos. Das Thema wird heiß diskutiert.

Als Nashornkuh Marcita vor zwei Jahren in Erfurt einen kleinen Bullen zur Welt brachte, war die Freude groß. Der Thüringer Zoopark war in Aufregung, Interessierte konnten auf der Internetseite darüber abstimmen, wie das zweite Junge von Marcita heißen sollte. Zwei Jahre später war Marcita zum dritten Mal trächtig. Doch bevor die Nashornkuh und der kleine Bulle, der inzwischen Tayo hieß, den Nachwuchs begrüßen konnten, starben beide innerhalb von nur zwei Tagen.

Der bisher nicht komplett aufgeklärte Tod der beiden Erfurter Nashörner nicht nur für den Zoo hart, sondern auch für das internationale Zuchtprogramm. Als Zoodirektorin Sabine Merz damals nach Erfurt kam, war bereits sieben Jahre der Nachwuchs ausgeblieben. "Und dann haben wir Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, auch mit viel verhaltensbiologischen Ideen", sagt die Tierärztin. "Die vielen Maßnahmen haben dann dazu geführt, dass wir jetzt endlich quasi das dritte Kalb in Folge in Arbeit hatten", so Merz. Dass es jetzt "aus heiterem Himmel so ganz anders kam", sei "wirklich sehr, sehr tragisch".

Der Erfurter Zoo ist Mitglied im European Association of Zoos and Aquaria (EAZA) und nimmt als solches mit seiner Nashornzucht am Europäischen Erhaltungszuchtprogramm (EEP) teil. "Die Tierarten, die wir in der EAZA oben anstellen, das sind solche, für die wir als Zoogemeinschaft sagen: Die haben eine Rolle, eine Bedeutung - nicht nur für die Zoos", sagt Achim Johann, der Direktor des Naturzoos im nordrhein-westfälischen Rheine ist. Es gehe zwar auch darum, eine Reservepopulation zu der im Freiland zu generieren, vor allem aber solle kein Tier mehr für den Zoo gefangen werden müssen.

Johann selbst hatte vor gut 35 Jahren in Rheine das Zuchtprogramm für die aus Äthiopien stammenden Blutbrustpaviane gestartet. Habe es damals nur noch 55 Tiere dieser Affenart in insgesamt sechs Zoos gegeben, sei der Bestand heute europaweit auf 500 angewachsen; 100 davon leben in Rheine. Johann ist stolz. Seit 1972 sei kein solches Tier mehr für einen Zoo aus seinem Lebensraum genommen worden, sagt er im Vorfeld des Internationalen Tags des Artenschutzes am 3. März.

Keine Hilfe gegen Artensterben

Kritikerinnen und Kritiker halten die Forschungs- und Artenschutzbeiträge der Einrichtungen jedoch für zu gering. Noch immer seien weitaus mehr Tiere in Zoos geholt als ausgewildert worden, das Artensterben dauere an. "Zoos brüsten sich immer wieder mit ihrem vermeintlichen Beitrag zum Artenschutz - doch mit den Zuchtprogrammen soll vor allem Nachschub für die Zurschaustellung produziert werden", kritisiert Biologin Yvonne Würz von der Tierschutzorganisation PETA. Die Tierchen seien niedlich und generierten Besucherzahlen - das sei der Kern.

"Wir produzieren hier wirklich keine Tiere alleine um Besucher anzuziehen", widerspricht Johann. "Was ist denn schlimm daran, dass Menschen Freude an Jungtieren haben?", fragt er. Tiermütter und ihre Kinder lieferten einen wichtigen Beitrag zum Bildungsauftrag der Zoos. So seien etwa die Rheine-Kängurus ein Dauerthema in der Zooschule. Man könne durch das echte Erleben vor allem Kindern ganz anschaulich vermitteln, wie die Tiere miteinander umgehen und was es für die Aufzucht eines Jungen brauche.

Aus Sicht von Würz können Kinder und Jugendliche zur Veranschaulichung auch in den heimischen Wald gehen, ein Insektenhotel bauen oder eine Fledermauswanderung machen. Es brauche keine exotischen Tiere in Gefangenschaft, um Empathie und Verständnis zu generieren. Meeresbiologe und Tierschützer Robert Marc Lehmann aus Jena gab bereits 2021 bei "3nach9" in der ARD zu bedenken, dass Kinder von Tieren im Zoo eine "völlig falsche Vorstellung" bekämen. Sie gingen gar dümmer aus dem Aquarium oder Zoos hinaus, als sie vorher reingingen, so Lehmann.

So seien etwa Haie unter anderem Jäger und Freundschaften pflegende Wesen. "Im Aquarium schwimmt der Hai alleine im Kreis in seinem Becken. Und wenn sie das jetzt einem Kind zeigen, kriegt das Kind ja eine völlig falsche Vorstellung von dem, was ein Hai eigentlich ist."

Nähe zur Freilandsituation

Zoodirektor Johann stimmt ihm dahingehend zu, dass vor allem wichtig sei, die Tiere unter guten Bedingungen zu halten. Etwa so, dass ein größtmögliches Ausleben von Sozialverhalten möglich ist. Man habe über die Jahre viel dazugelernt. Wenn man, wie bei ihm in Rheine, einen Schwerpunkt auf eine große Herde setze und ein Szenario gestalte, "das der Freilandsituation sehr, sehr nahe kommt, dann kann man das wirklich mit einem sehr guten Gefühl und auch einem sehr guten Gewissen vertreten".

"Natürlich mussten wir lernen, diese Zuchtprogramme zu entwickeln", sagt der Geschäftsführer des Verbands der Zoologischen Gärten (VdZ), Volker Homes. Zoos seien früher, etwa in den 50er bis 70er Jahren teilweise sogar verantwortlich dafür gewesen, dass Arten verschwunden sind - oder zumindest Bestände. "Damals wurden Säugetiere und Vogelarten einfach gefangen. Und wenn die gestorben sind, wurden die wieder gefangen. Jetzt ist es so, dass wir Säugetiere und Vogelarten weitgehend aus Zoobeständen nehmen können."

Tierschutzverbänden wie PETA reicht das nicht. Eisbären, Affen und Co. wiesen auch bei "besserer" Haltung Verhaltensstörungen auf. Daher brauche es ein Ende der Zucht in Zoos und eine Entwicklung weg vom Zoo oder zumindest eine hin zu einem Zoo der Zukunft. Hier könne etwa das digitale Erleben via VR-Brille statt das Live-Erlebnis im Fokus stehen. "Das geht nicht von heute auf morgen. Aber wenn Zoos sich heute schon gegen Neubauten entscheiden und leerstehende Gehege für andere, bereits vorhandene Tiere ausbauen, dann ist das ein Schritt in die richtige Richtung", sagt Würz.

Nach Einschätzung von Johann und Homes wird es in Zukunft eher noch mehr als weniger Zoos geben. "Je mehr Arten aussterben, umso wichtiger werden Zoos werden", sagt Homes. "Nach dem äußerst bedauernswerten Ableben der beiden Nashörner wird der Zoopark Erfurt natürlich an seinem Erhaltungszuchtprogramm festhalten", heißt es auch aus Thüringen. Daher werde die Außenanlage wie geplant saniert, an dem Status quo des Zoos werde nicht gerüttelt.

Quelle: ntv.de, Monia Mersni, dpa

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