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Anderes Infektionsgeschehen Coronavirus verschont ländliche Räume nicht

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Infektionsgeschehen sehen auf dem Land anders aus als in der Stadt.

(Foto: imago images/HärtelPRESS)

Städte sind in Pandemien wahre Viren-Hochburgen, das klingt mehr als logisch. Doch das heißt noch lange nicht, dass sich ländliche Räume in Sicherheit wiegen können. Denn das Virus findet auch dorthin seinen Weg.

Nicht nur in Deutschland werden große Städte zu Corona-Hotspots. Immer mehr von ihnen überschreiten die kritische Marke von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen. Schon zu Beginn der Pandemie waren die Infektions- und Erkrankungszahlen in Großstädten besonders hoch, während der ländliche Raum bis auf kleinere Ausbrüche scheinbar glimpflicher davonkam.

Die Gründe dafür sind auf den ersten Blick plausibel: In Städten ist die Bevölkerungsdichte höher und die Mobilität größer als auf dem Land. Deshalb stecken sich mehr Menschen an. Außerdem kann das Virus immer wieder neu eingeschleppt werden, weil die Städte Arbeitszentren und Verkehrsknotenpunkte sind. Doch die Zusammenhänge sind wesentlich komplexer.

Moritz Kraemer ist quantitativer Epidemiologe. Er analysiert an der Universität Oxford Daten von Infektionskrankheiten, um zu erforschen, wie sie sich geografisch verbreiten. Bisher konzentrierte er sich dabei auf Dengue- und Gelbfieber, das Zika-Virus oder Ebola. Doch seit Anfang des Jahres beschäftigt ihn vor allem Sars-Cov-2. Gerade hat er mit seiner Arbeitsgruppe die Arbeit an einer Studie abgeschlossen, um die Frage zu beantworten: Welche lokalen Faktoren bestimmen, wo es größere oder kleinere Corona-Infektionsausbrüche gibt?

Länger anhaltende Ausbrüche in Städten

Die Forschenden fragten nicht nur, ob das Virus eher in Städten als auf dem Land ankommt, sondern auch danach, wie sich die Infektionsverläufe jeweils entwickeln. "Wenn wir eine Region haben, die noch keine Fälle hat, geht es zunächst um die Frage, wie Neuinfektionen eingetragen werden", sagt Kraemer ntv.de. "Die Folgefrage ist: Wie schnell verbreitet sich das Virus dann lokal?"

Für die aktuelle Untersuchung, die im Fachmagazin "Nature Medicine" veröffentlicht wurde, verwendeten die Wissenschaftler Daten aus China und Italien. Sowohl chinesische Präfekturen als auch italienische Provinzen haben typischerweise ein städtisches Zentrum, sodass die beiden Regionen miteinander verglichen werden konnten. Anhand ihrer Modelle fanden Kraemer und seine Mitarbeitenden heraus, dass dichter besiedelte Städte mit länger anhaltenden Infektionsausbrüchen rechnen müssen. Denn ist die Infektion erstmal in der Stadt angekommen, wandert sie offenbar relativ lange unter Freunden, Nachbarn und Kollegen weiter.

In ländlichen Regionen ist die Wahrscheinlichkeit für Ausbrüche hingegen geringer, weil dort weniger infektiöse Menschen ankommen und auf eine geringere Bevölkerungsdichte treffen. Trotzdem kann es zu großen Ausbrüchen kommen, wenn beispielsweise eine infektiöse Person an einer Hochzeit oder Familienfeier teilnimmt. Die Events in Heinsberg, dem französischen Mulhouse oder in Millinocket, im US-Bundesstaat Maine, sind dafür Belege. Aus Zusammenkünften im ländlichen Raum, an denen eine überschaubare Anzahl von Menschen teilnahmen, entwickelte sich ein eskalierendes Infektionsgeschehen. Das ist mitunter ähnlich tückisch wie längere Infektionsgeschehen in der Stadt, weil die Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum oft schlechter ist als in den Städten. Außerdem liegt der Altersdurchschnitt der Bevölkerung auf dem Land höher als in der Stadt, was das Risiko für einen schweren Covid-19-Erkrankungsverlauf erhöht.

Sorglosigkeit rächt sich

In den USA verlagern sich die Ausbrüche bereits in die weniger bevölkerungsreichen Regionen des Landes. Der "New York Times" zufolge melden nicht die großen Ballungsräume in den US-Bundesstaaten Wisconsin und Illinois die höchsten Infektionszahlen, sondern eher Kleinstädte und regionale Zentren. Auch in Deutschland sind es zunehmend ländliche Kreise, die sich neben den großen Städten als Hotspots hervortun. Von den ersten 100.000 Covid-Toten der USA starben der Johns-Hopkins-Universität zufolge zwei Drittel in den großen Städten. Bei den zweiten 100.000 gestorbenen Patienten waren es nur noch etwas über die Hälfte. Die Todesraten in den mittelgroßen und kleinen Städten stiegen rasant an. In lokalen und regionalen US-Medienberichten ist immer wieder davon die Rede, dass man sich auf dem Land sicher gefühlt habe und deshalb Vorsorgemaßnahmen kaum beachtet worden seien.

Daran wird deutlich, wie viele verschiedene Faktoren ein Infektionsgeschehen verändern können. Dazu gehört auch, dass Menschen ihr Verhalten anpassen, beispielsweise schränkten viele als Folge der Corona-Maßnahmen ihren Bewegungsradius deutlich ein. Inzwischen wird zudem immer klarer, welche sozialen Events und Aktivitäten zu mehr Ansteckung führen. "Beim gemeinsamen Essen in gut besuchten Restaurants, wenn man da lange sitzt, ist die Ansteckungsgefahr erhöht, in Berlin genauso wie in London oder Bielefeld", sagt Kraemer. Diese Hotspots sollte man überall unterbinden.

Kraemer ist dennoch überzeugt, dass man bei der Bekämpfung der Pandemie die Maßnahmen noch stärker den lokalen Bedingungen anpassen muss. Ob das politisch umsetzbar ist, sei eine andere Frage. Die Grafiken aus Kraemers Arbeitsgruppe zeigen jedenfalls für ländliche Regionen schnell ansteigende und auch schnell wieder abfallende Spitzen, während es in den Städten einen Anstieg und dann ein langes Plateau gibt.

Konsequenzen für Impfung

Doch es gibt auch Unterschiede, die nicht allein mit der städtischen oder ländlichen Ausgangslage zu beschreiben sind. "Wir haben uns angeschaut, wie sich die Art und Weise, wie Menschen in einer Stadt zusammenleben, und ihre Mobilität auf das Infektionsgeschehen auswirkt", erläutert Kraemer. Beispielsweise seien sowohl Los Angeles als auch Hongkong große Städte. In L.A. lebten die Menschen aber meist in Einfamilienhäusern und seien mit dem Auto unterwegs, während in Hongkong Mehrfamilienhäuser dominieren und viele Menschen öffentliche Verkehrsmittel benutzen. "Dahinter liegt die Hypothese: Je mehr wir in Kontakt treten, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass man sich ansteckt." Es liegt also nicht nur an der reinen Anzahl der Menschen, sondern auch daran, wie sie miteinander in Kontakt kommen.

*Datenschutz

Diese Frage könnte bei der Verteilung eines Impfstoffs noch erhebliche Bedeutung bekommen. Kraemer und seine Arbeitsgruppe untersuchen derzeit die Frage: Was ist die aus geografischer Sicht beste Strategie für eine Impfung, damit das Infektionsgeschehen reduziert wird? Auch dafür ist es wichtig zu schauen, wie die Stadt mit dem sie umgebenden ländlichen Raum verbunden ist.

Die Forscher in Oxford vermuten, dass man für München beispielsweise auch die Satellitenstädte mit berücksichtigen muss, aus denen die Menschen nach München zur Arbeit pendeln. "Strategien, das Infektionsgeschehen zu verringern, lassen sich dann nicht mehr strikt nur auf die Stadtgrenzen beziehen." Gebe es mehr Abgrenzung, würde auch eine lokal begrenzte Impfung ausreichen. Solche geografischen Faktoren müssten Überlegungen zu besonders gefährdeten Alters-, Berufs- oder Risikogruppen ergänzen.

Quelle: ntv.de