Panorama

Ausbrüche in fünf Kreisen Warum Corona in Niedersachsen grassiert

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Die Fleischbetriebe in der Region sind nur ein Puzzlestein.

(Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpa/Archivbild)

In Westniedersachsen überschreiten gleich fünf Kreise die Corona-Warnstufe. Es ist derzeit in Deutschland das größte Infektionsgebiet. Eine ganze Reihe verschiedener Faktoren führen zu den steigenden Infektionszahlen. Die Szenarien lesen sich wie aus einem Epidemiologie-Lehrbuch.

Tiefrot leuchten die Kreise Grafschaft Bentheim, Emsland, Cloppenburg, Oldenburg und Vechta im westlichen Niedersachsen auf der aktuellen Corona-Karte. Die sogenannte 7-Tage-Inzidenz, also die Zahl der bestätigten Corona-Infektionen auf 100.000 Einwohner liegt überall über 50. In Oldenburg wird der Wert mit 50,4 nur knapp überschritten, doch Cloppenburg meldet mit Stand Mittwoch 9 Uhr sogar 114,8 Fälle pro 100.000 Einwohner.

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Die hohen Zahlen in einem eher ländlichen Gebiet zeigen, dass das Coronavirus ein ebenso unbequemer wie unberechenbarer Gegner bleibt. Denn erklären lassen sich die rasanten Steigerungen nur in vielen kleinen Teilen. Schon seit Mitte Juli steigen die Infektionszahlen in Niedersachsen kontinuierlich, so wie auch in einigen anderen Bundesländern.

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Mit dem benachbarten Bremen haben die Landkreise einen Corona-Dauerhotspot vor der Haustür. Allein am vergangenen Samstag gab es dort 109 Neuinfektionen. Vier stationäre Altenpflegeheime meldeten Infektionsausbrüche, ebenso eine Einrichtung der Eingliederungshilfe für Behinderte. Die Landesregierung hat deswegen die Schutzmaßnahmen weiter verschärft.

Wieder einmal Fleischbetriebe

Relativ eindeutig ist der Infektionsherd im Landkreis Emsland. Anfang Oktober wurden bei Tests durch einen Betriebsarzt 36 Beschäftigte des Schlachthofs Weidemark im emsländischen Sögel positiv getestet. Sie sind bei einem Subunternehmer beschäftigt. Die Betroffenen wurden in Quarantäne geschickt, trotzdem verbreitete sich das Virus innerhalb des Betriebes weiter, vom Zerlege- in den Kühlbereich. Der Schlachthof, eine Tochterfirma von Tönnies, wurde vorübergehend geschlossen. Seit Montag ist der Betrieb dort wieder angelaufen, nachdem sich der Landkreis in Gesprächen mit dem Unternehmen vom Infektionsschutzkonzept überzeugen ließ. Zentraler Bestandteil dabei ist eine Arbeitsquarantäne, in der sich die Mitarbeiter vorerst bis zum 31. Oktober nur zwischen Arbeits- und Wohnort bewegen dürfen. Außerdem wurden im Kühlbereich neue Luftfilter eingebaut, alle Mitarbeiter werden täglich auf das Coronavirus getestet.

Auch die hohen Zahlen im Landkreis Cloppenburg haben ihren Ursprung in einem Fleischbetrieb. Im Vion-Werk in Emstek waren bei Tests unter Mitarbeitern insgesamt 63 Fälle bekanntgeworden. Der Schwerpunkt der Infektionen lag in diesem Schlachthof im Bereich der Grobzerlegung, hieß es am vergangenen Mittwoch aus dem zuständigen Landratsamt. Der Betrieb der Fabrik wurde bis auf eine Schicht eingeschränkt. Man konzentrierte sich auf die Verfolgung der Infiziertenkontakte. Einige der betroffenen Mitarbeiter wohnen in den Nachbarkreisen Vechta und Oldenburg.

Im Landkreis Oldenburg trugen die eingetragenen Fälle erheblich dazu bei, dass der Corona-Richtwert überschritten wurde. Mittlerweile seien 42 Infizierte auf den Vion-Ausbruch zurückzuführen, berichtete die "Nordwestzeitung". Als zweiten Schwerpunkt machte der Kreis diffus in der Bevölkerung auftretende Einzelfälle aus, "die nur mit viel Aufwand kontrollierbar sind und in erheblichem Maße zur Infektionsdynamik beitragen".

Der Landkreis Vechta hat aktuell 852 bestätigte Corona-Infektionen, 35 davon kamen allein am Dienstag hinzu. Auch hier gibt es in zwei Alten- und Pflegeheimen zahlreiche Infektionen. Ein geplanter verkaufsoffener Sonntag wurde in Vechta abgesagt, trotzdem steigen die Zahlen weiter.

Virus kennt keine Grenzen

In der Grafschaft Bentheim ist der Ausbruch in einer Großbäckerei Ursache für die gestiegenen Infektionszahlen. Beim Keks- und Zwiebackhersteller Borggreve in Neuenhaus hatte es bis vergangenen Freitag 14 bestätigte Corona-Fälle gegeben, die sich bis Samstag noch einmal verdoppelten. Daraufhin wurde der Betrieb geschlossen. Etwa ein Drittel der mehr als 100 in Quarantäne geschickten Mitarbeiter sei seitdem positiv getestet worden, hieß es aus dem Landratsamt. Aktuell liegt die Zahl bei 488 bestätigten Infektionen. In Nordhorn muss nun auch in der Innenstadt eine Mund-Nasen-Bedeckung getragen werden, außerdem wurde ab 23 Uhr eine Sperrstunde verhängt.

Ein zusätzlicher Risikofaktor für die niedersächsischen Kreise könnte die Grenzlage zu den Niederlanden sein. Das Land verfolgte bisher eine eher lockere Corona-Politik. Nach Angaben des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten weisen die Niederlande inzwischen aber die dritthöchste Rate an Neuinfektionen pro 100.000 Menschen in Europa auf. In der vergangenen Woche wurden 43.903 Neuinfektionen und 150 Todesfälle gemeldet. Daraufhin kündigte Ministerpräsident Mark Rutte am Dienstag einen "Teil-Lockdown" an. Bars, Cafés und Restaurants müssen ab Mittwochabend schließen und dürfen Speisen und Getränke nur noch zum Mitnehmen anbieten. Zudem gilt künftig in öffentlichen Räumen eine Maskenpflicht. Alkohol und Cannabis dürfen zwischen 20.00 Uhr und 7.00 Uhr nicht verkauft oder konsumiert werden. Mannschaftssport für über 18-Jährige ist verboten, zu Hause dürfen die Niederländer nur noch drei Besucher pro Tag empfangen.

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An den niedersächsischen Problemkreisen zeigt sich also genau das Puzzle aus Ursachen, vor dem Epidemiologen und Virologen schon länger warnen. Lokale Ausbrüche in Betrieben oder Pflegeeinrichtungen führen zu weit verbreiteten Neuansteckungen, zumal, wenn die Corona-Regeln nicht hundertprozentig eingehalten werden. Ähnliche Infektionsketten lassen sich mit anderen Beispielen in Nordrhein-Westfalen, Bayern oder Baden-Württemberg beobachten.

Korrektur: In einer früheren Version des Textes hieß es, das Unternehmen Vion sei eine Tönnies-Tochter, tatsächlich handelt es sich um konkurrierende Firmen.

Quelle: ntv.de