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Erste Hitzewelle rollt Droht Deutschland erneut ein Dürrejahr?

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"2018 und 2019 waren ausgeprägte Dürrejahre."

(Foto: imago images/alimdi)

Nach einem kühlen Frühjahr ist der Sommer da - und das mit Wucht. Die erste Hitzewelle des Jahres zieht durch das Land. Erinnerungen werden wach an die heißen Jahre 2018 und 2019 - Dürre wurde damals plötzlich auch in Deutschland ein Thema. Die Landwirtschaft erlitt Ernteeinbußen, die Wälder nahmen Schaden. Droht das auch dieses Jahr wieder? ntv.de sprach darüber mit Andreas Marx vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig (UFZ). Er ist der Leiter des Dürremonitors, mit dem seit 2014 der Zustand des Bodens in Deutschland überwacht wird. Etwa 2500 Wetterstationen des Deutschen Wetterdienstes liefern dafür die nötigen Daten. Aus ihnen wird der Grad der Trockenheit in Deutschlands Böden berechnet.

ntv.de: Herr Marx, während die Corona-Pandemie auf dem Rückzug ist, fällt auf, dass es noch eine Menge anderer Probleme gibt - wie etwa Trockenheit und Dürre. Sie sind der Herr über den deutschen Dürremonitor. Die Böden in Deutschland haben zuletzt ja sehr gelitten ...

Andreas Marx: Wir blicken heute im Jahr 2021 auf drei Dürrejahre in Folge mit Milliardenschäden in mehreren Sektoren zurück. Von der Landwirtschaft bis hin zu industrieller Produktion, Energieerzeugung und Tourismus. Besonders 2018 und 2019 waren ausgeprägte Dürrejahre. 2018 hatten wir etwa im April bereits die erste Phase mit Temperaturen von über 30 Grad. Und es folgten über den gesamten Sommer weitere dieser Perioden. In vielen Städten Deutschlands gab es dreieinhalb bis vier Mal mehr heiße Tage mit über 30 Grad als in den Jahren zuvor.

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Dürremonitor: Die Karte zeigt den Zustand des Gesamtbodens in Deutschland bis etwa 1,8 Meter Tiefe. Je dunkler die Färbung, desto trockener der Boden (Stand 16. Juni 2021).

(Foto: UFZ-Dürremonitor/ Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung)

Seitdem ist das Thema Dürre auch für Deutschland akut geworden - etwas, was man früher eher mit der Sahelzone in Afrika verband.

2018 hat sicherlich die öffentliche Wahrnehmung von Dürre in Deutschland verändert. Damals haben die Menschen plötzlich braune Rasenflächen gesehen und das teilweise auch im eigenen Garten, in den Stadtparks und auf Weiden. Das waren wir nicht gewohnt. Im Rhein war 2018 so wenig Wasser, dass die Tankstellen entlang des Rheins keinen Sprit mehr hatten. Die Benzinpreise und Heizölpreise stiegen, weil der Wasserstand so niedrig war und die Schiffe auf der Strecke Rotterdam - Basel nur noch mit der Hälfte der Zuladung an Benzin und Öl fahren konnten.

Und diese Phase hat auch den Böden in Deutschland arg zugesetzt?

Damals ist der Boden bis in größere Tiefen ausgetrocknet. 2019 hat sich das nicht mehr richtig aufgefüllt, der Boden ist nur in den oberen Schichten wieder nass geworden. Die größten Schäden in der Landwirtschaft sind 2018 aufgetaucht, die Jahre 2019 und 2020 waren allerdings nicht mehr so schlimm. Allerdings haben in den Jahren 2019 und 2020 die Schäden in den Wäldern zugenommen.

Wie ist die Lage heute - droht erneut ein Dürrejahr?

Das letzte halbe Jahr war vom Niederschlag her in Deutschland zum Glück insgesamt ziemlich durchschnittlich. Einen großen Unterschied haben jedoch der April und der Mai gemacht - die waren nicht nur kühl, die waren kalt. Und das hat für die Bodenfeuchte einen wahnsinnig positiven Effekt. Denn die geringe Verdunstung, die man üblicherweise nur im Winter hat, hat sich über den ganzen Frühling hingezogen. Verdunstung ist nämlich eine exponentielle Funktion. Es macht einen riesigen Unterschied, ob man 20 oder 35 Grad Maximaltemperatur hat. Aber erst zum meteorologischen Sommeranfang Anfang Juni gab Temperaturen über 20 Grad.

Das lässt doch hoffen, oder?

In vielen Regionen Deutschlands ist der Boden im obersten Meter wieder relativ nass geworden, und das ist schon deutlich besser als in den vergangenen zwei Jahren. Für die Landwirtschaft ist vor allem die Feuchtigkeit in den oberen 25 Zentimetern des Bodens wichtig, daher müssen Landwirte diesen Sommer kein Dürreproblem befürchten. Auch bis in Tiefen von 60 Zentimetern hat sich die Bodenfeuchte sehr stark erholt. Zwar herrscht im Gesamtboden immer noch Dürrestatus, aber die Situation ist aktuell besser als in den vergangenen zwei Jahren. Der Wald profitiert in diesem Jahr ebenfalls vom kühlen Frühjahr.

Gibt es Hoffnung, dass sich auch die tieferen Bodenbereiche, also bis 1,8 Meter, wieder mit Wasser füllen?

Ich bin mir sicher, dass sich der Wasserhaushalt in Deutschland wieder stabilisiert. Und auch die sinkenden Grundwasserstände, die wir in den letzten Jahren und auch vor 2018 schon beobachtet haben, werden sich wieder stabilisieren. Studien zum Klimawandel, die wir zum Teil selbst gemacht haben, weisen darauf hin, dass künftig das Dürreproblem für Deutschland zwar größer wird. Aber die Dürre wird kein Normalzustand sein. Es kommen auch wieder Jahre, die zu nass sein werden, wodurch sich die Grundwasserstände wieder auffüllen.

Man denkt ja, wenn es durch den Klimawandel immer wärmer wird, müsste es in Deutschland immer trockener werden. Jetzt sagen Sie aber, die Lage wird sich normalisieren. Wie passt das zusammen?

Man muss dabei die Zeitskalen sauber auseinanderhalten. Dürre ist eine begrenzte Zeit, die über ein Jahr, manchmal auch über zwei oder drei Jahre andauert, in denen es zu trocken ist. Das bedeutet aber nicht, dass sich langjährig statistisch der Wasserhaushalt total verändert. Das heißt nur, dass es öfter zu Extremsituationen kommen wird. Durch den Klimawandeln werden Hitzewellen überproportional zunehmen und im Sommer den Wasserbedarf steigen lassen. Nicht nur den des Menschen, sondern auch den von Pflanzen.

Gleichzeitig steigen in Deutschland mit zunehmenden Temperaturen auch die Jahresniederschläge leicht. Das bringt uns hierzulande in eine sehr gute Lage, etwa im Vergleich zu den Mittelmeeranrainern. Das Problem ist nur, dass die Niederschläge im Winter stärker zunehmen als im Sommer. Die Aufgabe für die kommenden Jahrzehnte wird daher sein, das Wasser, das wir im Winter zu viel haben, für den Sommer verfügbar zu machen.

Wie kann man das anstellen?

Es geht natürlich immer mit dem Hammer. Das heißt, man baut neue Talsperren. Das Potenzial für Gesamtdeutschland ist dabei aber eher gering. Wahrscheinlicher ist es, dass man das Grundwasser managt. Das hört sich erstmal verrückt an, aber es ist keine total neue Technologie. Grundwasseranreicherung heißt, dass in Phasen, in denen Sie genug oder zu viel Wasser haben, zum Beispiel aus einem Fluss Wasser entnehmen und es ein paar Kilometer entfernt systematisch versickern lassen. Das ist eine Technologie, die es in Deutschland seit den 1980er-Jahren gibt. Gemacht wird das etwa im Rhein-Main-Gebiet und in Dresden. In Niedersachsen gibt es seit ein paar Jahren ein Pilotprojekt.

Klingt nach einer gewaltigen Infrastrukturaufgabe.

Wasserversorgung ist immer eine Infrastrukturaufgabe. Aber man muss auch sagen, dass wir zwar ein Dürreereignis hatten, aber deshalb nirgendwo die Trinkwasserversorgung zusammengebrochen ist. In Deutschland existiert ein Wassernetz, bei dem es in den allermeisten Orten eine doppelte Absicherung gibt. Die Extremereignisse der vergangenen Jahre haben zudem dazu geführt, dass der nationale Wasserdialog gestartet wurde. Und seit einigen Tagen gibt es eine nationale Wasserstrategie. Es ist der Beginn eines langen Prozesses.

Wie ist es mit dem Wasserverbrauch der Menschen in Deutschland - muss da nachgebessert werden?

In der nationalen Wasserstrategie ist auch adressiert, dass der Trinkwasserverbrauch gesteuert werden könnte, etwa über den Preis. Die Idee ist, dass in Zeiten, in denen wenig Wasser zur Verfügung steht, das Wasser teurer wird. Für mich persönlich ist das ein bisschen kurz gesprungen. Ich sehe etwa nicht ein, warum die industrielle Wassernutzung nicht genau so ins Visier genommen werden soll wie der private Wasserverbrauch. Man muss aber auch sagen, dass bei der Regulierung des privaten Wasserverbrauchs der Fokus auf den Umgang mit Extremsituationen liegt und nicht auf dem alltäglichen Verbrauch.

Es kann aber doch nicht schaden, wenn jeder für sich selbst überlegt, wie er Wasser sparen kann?

Eine Frage, die man sich selbst stellen sollte, ist, wie man Wasserverschwendung im Sommer vermeiden kann. In den letzten Jahren haben etwa private Pools mit Füllmengen von 20 Kubikmetern zugenommen. Angesichts eines jährlichen Durchschnittsverbrauchs von knapp 45 Kubikmetern je Bundesbürger im Jahr muss man sich fragen, ob das sinnvoll ist. Ein zweites großes Problem ist der Wasserverbrauch im Garten, zum Beispiel das Bewässern von Rasenflächen. Vor allem, weil es oft unsinnig gemacht wird, etwa in der Mittagssonne. Das ergibt keinen Sinn, weil Sie damit nicht den Rasen und nicht den Boden nass machen, sondern die Atmosphäre befeuchten.

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Wir haben zwar dürrebedingt noch eine angespannte Wassersituation in Deutschland. Aber in normalen Jahren sehe ich nicht, dass wir übermäßig Wasser sparen müssten. Das kann zudem auch negative Effekte habe. Die Wasserversorger müssten dann die Leitungssysteme spülen, um Rückstände herauszubekommen. Das würde zusätzliche Kosten verursachen, welche auf die Verbraucher umgelegt würden. Damit ist dann eigentlich niemandem geholfen.

Mit Andreas Marx sprach Kai Stoppel

Quelle: ntv.de

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