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Suche nach Covid-19-Medikament Drosten erklärt die gefragtesten Substanzen

Drosten ist Virologe der Charité Berlin.

Drosten ist leitender Virologe der Charité Berlin.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Suche nach einem Wirkstoff gegen das Coronavirus Sars-CoV-2 läuft auf Hochtouren. Der Virologe Drosten von der Berliner Charité schätzt im NDR die Chancen der verschiedenen Substanzen ein, erklärt, woran er selbst forscht und erläutert ein Dilemma der Mediziner.

Weltweit suchen Wissenschaftler nach einem Medikament gegen das Coronavirus Sars-CoV-2, dabei kursieren die Namen mehrerer Präparate mit unterschiedlichen Erfolgschancen. Im NDR hat der führende Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité nun eine Art zusammenfassende Einschätzung über die diskutierten Präparate abgegeben.

Remdesivir: Dabei handelt es sich um ein Medikament, das gegen das Ebola-Virus entwickelt wurde, dann aber keine guten Ergebnisse zeigte. Anders sah es beim ersten Sars- und beim Mers-Virus aus, die ebenfalls zur Familie der Coronaviren gehören. "Das ist insofern eine wirkliche Chance, als wir wissen, wie es läuft", sagte Drosten hinsichtlich der Funktionsweise der Substanz. In der Zellkultur im Labor und in Tierversuchen habe das Mittel eine "überzeugende Anfangsevidenz" gezeigt, also das Virus effizient bekämpft. Es hemmt ein Enzym, die RNA-Polymerase, das für die Vervielfältigung des Virus in der Zelle mitverantwortlich ist. Die Verfügbarkeit könnte aber ein Problem sein, gibt Drosten zu bedenken. Da die Substanz nie als Medikament zugelassen worden sei, wisse er nicht, inwieweit es flächendeckend geliefert werden könne.

Chloroquin: US-Präsident Donald Trump bezeichnete es schon als mögliches "Gottesgeschenk", doch damit war er voreilig, wie Drostens Erläuterungen deutlich machen. Das Malaria-Medikament könne allenfalls einen kleinen Effekt haben, sagt der Experte. "Viele Fachleute sind skeptisch und da gehöre ich auch dazu." An die Substanz werden Hoffnungen geknüpft, weil sie in Zellkulturen im Labor gegen das alte Sars-Virus half, wie auch gegen viele andere. Eine französische Studie aus Marseille habe jedoch viele Fragen offen gelassen. "Eine Sache kann man sagen: Einen wirklich durchschlagenden Effekt kann man bei Chloroquin kaum erwarten." Es sei "sicher keine Wunderpille". Denn wenn es einen durchschlagenden Effekt gäbe, wäre dieser auch ganz leicht nachzuweisen.

Caletra: Auch dieses Präparat löst bei Drosten keine große Hoffnung aus. Das Kombi-Medikament aus Lopinavir und Ritonavir hemmt Enzyme (Protease), die Proteine in Stücke zerschneiden - sowohl bei HIV als auch beim Coronavirus ist das ein Schritt während der Vermehrung. Das Virus bringe sich aber seine eigene Protease mit und diese sei auf das Virus zugeschnitten. "Zu denken, dass die Protease von einem HIV-Virus schon genauso laufen und funktionieren wird wie die Protease von einem Coronavirus, ist gelinde gesagt einfach gedacht." So sei es aber am Anfang gelaufen. "Man hat sich gedacht, diese Patienten sind so schwer krank, jetzt geben wir mal, was wir haben" und sei dann eben auf die Protease-Hemmer gekommen. Daraus seinen klinische Studien entstanden und man sehe nun keinen großen Effekt. Große Erfolgsmeldungen seien nicht zu erwarten.

Favipiravir: Bei diesem Medikament, das in Japan bereits als Influenza-Mittel zugelassen ist, gibt es eine erfolgversprechende Studie, Drosten ist aber aufgrund eigener Tests skeptisch. Er selbst habe den Wirkstoff in der Zellkultur gegen das alte Sars- und das Mers-Virus getestet, es habe aber keine zufriedenstellende Wirkung gehabt. "Wir haben das nicht weiterverfolgt", so Drosten. Favipiravir greife wie Remdesivir die Polymerase an. Eine Studie aus China zeigt nun aber, dass es damit behandelte Patienten deutlich häufiger besser ging als jenen, die das Präparat nicht bekamen: Die Patienten ohne Favipiravir zeigten am Ende der Studie zu 56 Prozent eine Verbesserung, bei denen, die es bekommen hatten, waren es hingegen 72 Prozent. "Das ist ein signifikanter Unterschied", sagt Drosten, betont aber auch, dass die Studie bislang nur vorab publiziert sei, und befürchtet noch einen "Haken". Auch sei das Medikament sehr stark dosiert worden und habe starke Nebenwirkungen gehabt - insofern sei es fraglich, ob man es überhaupt über einen längeren Zeitpunkt verabreichen könnte.

Interferon: In Interferon sieht Drosten nur sehr bedingt eine Lösung, er warnt sogar davor. Es gebe bereits Daten zu seiner Wirkung gegen das alte Sars-Virus, es sei an Menschenaffen getestet worden, außerdem habe es eine kleine klinische Studie gegeben. Eine Wirkung habe es zwar gegeben, aber nur, wenn es sehr früh verabreicht worden sei. Es stachen vor allem die schweren Nebenwirkungen hervor. "Man fühlt sich massiv krank", wenn man es nehme, sagt Drosten. Und: Wenn man es zu spät verabreiche, gebe es gute Hinweise, dass man es noch schlimmer mache. "Ich halte es deswegen für eine gefährliche Substanz." Denkbar sei es, Interferon Hochrisikopatienten zu geben, wenn sie in einer frühen Krankheitsphase seien.

Camostat: Das ist die Substanz, an der Drosten selbst mit Göttinger Forschern um den Virologen Stefan Pöhlmann forscht. Die Wissenschaftler setzen an dem Punkt an, an dem das Virus in die Zelle eindringt, wo es sich dann vermehrt. Das bereits für chronische Bauchspeicheldrüsen-Entzündung zugelassene Medikament soll genau dieses Eindringen in die Zelle verhindern. In der Zellkultur wirke es bereits. "Das ist alles, was wir wissen", sagt Drosten. Der große Vorteil dabei sei, dass Camostat bereits zugelassen ist und dadurch keine Tierversuche mehr gemacht werden müssten. Nun habe das Forscherteam bereits eine klinische Studie begonnen.

Das Dilemma: Wie Drosten in dem Podcast erläutert, wird gerade nach einem Medikament gesucht, das den am schwersten erkrankten Patienten hilft. Man wolle eine Substanz aber eigentlich bereits in der ersten Woche verabreichen, wenn das Virus sich im Körper einnistet. Dann hätten die Patienten in der Regel aber noch keine schweren Symptome wie eine Lungenentzündung. Man müsse also bereits dann entscheiden, ob man ein noch nicht vollends getestetes Mittel verabreicht, und riskiert so womöglich unbekannte Nebenwirkungen. Und das, obwohl rund 80 Prozent der Patienten, "vielleicht deutlich mehr", wie Drosten sagt, nur einen leichten Krankheitsverlauf haben und dementsprechend gar kein Medikament benötigten.

Quelle: ntv.de, vpe