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Grüne Google-Alternative Ecosia pflanzt Bäume und markiert RWE

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Ecosia hat schon über 120 Millionen Bäume, wie hier im Senegal, gepflanzt.

(Foto: Ecosia)

Fast alle Internetnutzer stellen ihre Suchanfragen über Google. Der Rest? Nutzt Bing von Microsoft, die chinesische Variante Baidu oder einen Exoten. Zum Beispiel Ecosia, der mit seinen Einnahmen Baumpflanzungen finanziert und Umweltsünder kenntlich macht.

Suchmaschinen verdienen Geld durch unsere Klicks auf Werbeanzeigen. Das ist bei Google so, bei Bing, bei Baidu oder auch bei Ecosia, der grünen Suchmaschinen-Alternative. Doch das Unternehmen aus Berlin häuft keine Riesengewinne an, sondern finanziert mit dem Großteil der Einnahmen Baumpflanz-Projekte in aller Welt. "Im letzten Jahr haben wir einen Umsatz von 21 Millionen Euro gemacht. Davon gingen 50 bis 60 Prozent in die Baumpflanz-Projekte", sagt Ecosia-Deutschland-Chefin Génica Schäfgen im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". Ein Blick auf die Website von Ecosia zeigt, wie viele Bäume der Suchmaschinenanbieter bisher gepflanzt hat: 123 Millionen.

Das Ecosia-Modell funktioniert so: Unter Berücksichtigung, dass nicht jeder Ecosia-Nutzer bei jeder Suche auf eine Anzeige klickt, nimmt der Anbieter im Durchschnitt einen halben Cent pro Suchanfrage ein. Einen Baum zu pflanzen, kostet das Unternehmen ungefähr 22 Cent. Das heißt, um eine Baumpflanzung zu finanzieren, braucht es etwa 45 Suchanfragen.

Baumpflanzbeauftragter übernimmt Koordination

Die Suchmaschine wurde Ende 2009 zur Weltklimakonferenz in Kopenhagen freigeschaltet. Gründer Christian Kroll hatte in den Jahren zuvor bereits drei andere "grüne" Suchmaschinen an den Start gebracht, mit Ecosia gelang ihm der Durchbruch. Mittlerweile ist das Startup zu einem der führenden "Social Businesses" in Deutschland aufgestiegen. 80 Mitarbeiter arbeiten für Ecosia, ungefähr 15 Millionen Menschen nutzen die Suchmaschine regelmäßig.

An seiner Seite hat Ecosia mit Bing einen großen Partner aus dem Hause Microsoft. Ecosia nutzt die Server von Bing. Die Suchergebnisse sind also die gleichen, Ecosia hat lediglich eine eigene Benutzeroberfläche.

Das Baumpflanzen übernehmen schließlich Dutzende Partner in der ganzen Welt. "Mittlerweile sind es 48 in 26 Ländern. Dort gibt es meistens schon Projekte, die von Menschen vor Ort gestartet wurden, um etwa der Wüstenausbreitung oder dem Artensterben entgegenzuwirken. Wir pflanzen nur dort, wo die Leute es möchten, wo schon mal Bäume standen und wo es dem Ökosystem wirklich helfen würde. Und wir pflanzen zu mindestens 90 Prozent heimische Arten. Nicht-heimische Arten werden beigemischt, wenn sie einen anderen Mehrwert bringen, zum Beispiel als Nahrungsmittel dienen können", erklärt Schäfgen.

Um die Projekte koordinieren zu können, beschäftigt Ecosia sogar einen eigenen Baumpflanzbeauftragten. Der "Tree planting officer" stellt zusammen mit einem dreiköpfigen Team sicher, dass aus den Setzlingen Bäume und aus den Bäumen Wälder werden. "Normalerweise, also außerhalb von Corona, stehen viele Reisen an, um die Menschen vor Ort kennenzulernen und Projekte gemeinsam zu erarbeiten. Ein wichtiger Teil der Arbeit ist natürlich auch das Monitoring", beschreibt Génica Schäfgen die Aufgaben. Wachsen die Bäume, wie sie sollen? Entsteht ein Wald? "Dazu nutzen wir Geotagging der einzelnen Bäume oder auch Satellitenbilder, um vergleichen zu können."

Eine Milliarde Bäume ist das Ziel

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Christian Kroll ist Gründer und CEO von Ecosia.

(Foto: Ecosia)

Vor zwei Jahren hat Ecosia-Gründer Christian Kroll in einem Interview mit dem "Deutschlandfunk" das Ziel ausgegeben, eine Milliarde Bäume zu pflanzen. Das dürfte noch ein paar Jahrzehnte dauern. Aktuell nimmt Ecosia pro Sekunde etwa so viel Geld ein, dass davon ein Baum gepflanzt werden kann.

Angesichts des fortschreitenden Klimawandels ein wichtiger Beitrag, sagt Forstwissenschaftler Jürgen Bauhus von der Uni Freiburg im ntv-Podcast: "Um die Erderwärmung bis 2050 auf unter 2 oder unter 1,5 Grad zu begrenzen, reicht es nicht, ohne negative Emissionen auszukommen. Das heißt, wir müssen nicht nur aufhören, zu emittieren, sondern wir müssen CO2 aus der Atmosphäre quasi wieder herausziehen. Das geht momentan nur über unsere Ökosysteme, und da spielen Wälder eine ganz große Rolle."

Doch selbst wenn Ecosia irgendwann tatsächlich eine Milliarde Bäume gepflanzt hat, bleibt das ein Tropfen auf den heißen Stein, stellt Jürgen Bauhus klar. Der Forstexperte betont, Bäumepflanzen sei nicht immer und überall sinnvoll. Ecosia mache es aber richtig, wenn man den Fokus auf die Aufforstung beschädigter Flächen lege. "Es gibt Schätzungen, wonach es weltweit etwa zwei Milliarden Hektar degradierte Flächen gibt, insbesondere in den Tropen und Subtropen. Davon sind demnach etwa ein Drittel, also rund 700 Millionen Hektar waldfähig, sodass man sie wieder aufforsten könnte." Anhand dieser Schätzungen könne man erkennen, dass es ein großes Potenzial gibt für Baumpflanzungen, betont Bauhus.

Kohlekraftwerk-Markierung für RWE & Co

Doch es gibt auch Kritik an Ecosia. Das hängt zwar nicht mit dem Baumpflanzen zusammen, dafür aber mit einem kleinen Kohlekraftwerk-Symbol. Die größten Klimasünder bekommen nämlich von Ecosia ein solches verpasst, wenn Nutzer nach ihnen suchen. Wer beispielsweise RWE, BP oder Shell in die Suchmaske eingibt, erhält im Overlay-Text den Hinweis, dass diese Unternehmen "mit fossilen Brennstoffen Geld verdienen und damit das Klima zerstören".

Für manche ist das eine Art Pranger. Auch Datenschutz-Experte Dennis-Kenji Kipker hält das für problematisch, wie er gegenüber ntv.de mitteilt: "Von einer Suchmaschine verlange ich die Sichtung und Aufbereitung, aber nicht die Bewertung von Informationen auf diese Weise. Unternehmen, die gesetzlich legitime und für das Funktionieren unserer Gesellschaft nach wie vor wichtige Aufgaben haben, werden öffentlich herabgewürdigt. Jedem ist klar, dass Kohlekraftwerke nicht gut für die Umwelt sind. Das bedeutet aber nicht, dass ein Unternehmen per se verwerflich handelt, denn es gibt mehr Perspektiven als die umweltpolitische Ansicht."

Ecosia aber steht "voll dahinter, dass wir das machen", betont Deutschlandchefin Schäfgen. "Es geht uns nicht darum, jemanden anzuprangern, auf gar keinen Fall." Es gebe ja nicht nur das Kraftwerk als Icon für Umweltsünder. Wer sich besonders um Klimaschutz oder Sozialverträglichkeit bemühe, bekomme ein grünes Blatt. "Das gibt es zum Beispiel für Unternehmen wie Patagonia." Ecosias Aufgabe sei es, "Informationen transparent darzustellen". Wer Ecosia nutze, tue das auch aus ökologischer Motivation heraus. "Das heißt, unsere Aufgabe ist es, da mehr Klarheit zu schaffen und aufzuklären. Die Informationen, die wir dort visualisieren, gibt es schon. Und RWE kann jederzeit ein grünes Blatt bekommen, wenn sie sich als Unternehmen anders ausrichten."

Mit dem Energieriesen verbindet Ecosia eine besondere Beziehung. 2018 wollten die Berliner den Hambacher Forst von RWE abkaufen. Eine Million Euro bot Ecosia für den Wald, um ein weiteres Abholzen zugunsten des Braunkohleabbaus zu verhindern. RWE reagierte auf die Offerte nicht. "Das Angebot spricht für sich", sagte damals ein Konzernsprecher der "FAZ".

Googlen aus Gewohnheit

Ecosia unterscheidet sich aber nicht nur durch die Kennzeichnung von Klimasündern und den Baumpflanzprojekten von anderen Suchmaschinenanbietern. Vor allem in Sachen Datenschutz hat sich das Berliner Startup anders aufgestellt als Platzhirsch Google. Ecosia spuckt "neutrale Ergebnisse aus", erklärt Génica Schäfgen. Man schütze die Daten der User. "Wir wissen nicht, wer die Menschen sind. Wir wissen nur, wonach sie gerade in dem Moment gesucht haben. Entsprechend bekommen alle das gleiche Ergebnis, je nach Suchbegriff." Das begrüßt auch Datenschutz-Experte Kipker: "Im Sinne gelebter digitaler Souveränität ist das definitiv ein erster Schritt in die richtige Richtung."

Warum sich bislang dennoch fast alle Internetnutzer bei der Suchmaschinen-Wahl für Google entscheiden? "Gerade im Bereich der Technologieentwicklung bauen sich Unternehmen, die als erstes mit einer neuen Lösung auf dem Markt sind, häufig einen großen Vorsprung zur Konkurrenz auf", so Kipker, der zudem die "vielen leicht erreichbaren und meist kostenfreien Zusatzfunktionen" von Google hervorhebt. "Für viele Anwender dürfte es auch um das Gesamtpaket gehen, das schon seit Jahren in dieser Form angeboten wird und dessen Nutzung dadurch in gewisser Hinsicht auch zur Gewohnheit wurde."

Nur Bäume pflanzt der Tech-Gigant aus Kalifornien nicht. Während Sie diesen Text gelesen haben, hat Ecosia Geld für Hunderte neue Bäume eingenommen.

Quelle: ntv.de

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