Wissen

"Offenkundige Versorgungslücken" Ein Viertel der Schüler ist psychisch auffällig

126935437.jpg

Mädchen sind deutlich häufiger wegen Depressionen beim Arzt als Jungen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Jedes vierte Schulkind leidet laut einer Studie unter psychischen Problemen. Die Studie prangert eine lückenhafte Versorgung an, vor allem bei der ambulanten Nachsorge. Ein Viertel der behandelten Kinder werde mehrmals in eine Klinik gebracht.

Jedes vierte Schulkind in Deutschland zeigt psychische Auffälligkeiten, das geht aus einem Bericht der Krankenkasse DAK hervor. Dazu zählten Probleme in der psychischen Entwicklung der Kinder, vor allem Sprechstörungen, aber zum Beispiel auch Auffälligkeiten im Verhalten. Bei je zwei Prozent der Schulkinder wurden demnach sogar eine Depression oder eine Angststörung festgestellt. Insgesamt seien 238.000 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen zehn und 17 Jahren davon betroffen, hieß es.

Die DAK forderte in ihrem neuen Kinder- und Jugendreport eine bessere Versorgung von Betroffenen insbesondere mit ambulanten Therapieangeboten. Eine Behandlung in einer Psychiatrie sei für die Patienten mit "Stigmatisierung" verbunden und belaste zusätzlich. Außerdem zeigten die Zahlen, dass es an Angeboten nach der Entlassung fehle.

So werde etwa ein Viertel der wegen psychischer Leiden in Krankenhäusern behandelten Kinder und Jugendlichen später erneut in Kliniken gebracht. Die Rehospitalisierungsquote liege bei 24 Prozent. Dies sei "alarmierend", erklärte DAK-Vorstandschef Andreas Storm. "Wir haben offenkundige Versorgungslücken nach der Krankenhausentlassung, die wir dringend schließen müssen." Insgesamt sei eine "offene Diskussion" über das Thema Depression bei Kindern nötig.

Der Report der Krankenkasse basiert nach deren Angaben auf einer Auswertung der Abrechnungsdaten von 800.000 minderjährigen Versicherten für die Jahre 2016 und 2017 und liefert repräsentative Zahlen. Dabei zeige sich unter anderem auch, dass chronische Krankheiten bei jungen Menschen das Risiko einer Depression deutlich erhöhten.

Jungen verschweigen psychische Probleme oft

Sie erhöhen demnach das Depressionsrisiko im Jugendalter um das bis zu Viereinhalbfache. Auch bei krankhaftem Übergewicht, sogenannter Adipositas, und Schmerzen gibt es deutliche Zusammenhänge. So haben Kinder und Jugendliche mit Adipositas im Vergleich zu normalgewichtigen Altersgenossen ein um den Faktor zweieinhalb bis drei erhöhtes Risiko, an einer Depression zu erkranken.

Rat und Nothilfe bei Suizid-Gefahr und Depressionen

  • Bei Suizidgefahr: Notruf 112
  • Beratung in Krisensituationen: Telefonseelsorge (0800/111-0-111 oder 0800/111-0-222 oder 116-123, Anruf kostenfrei) oder Kinder- und Jugendtelefon (Tel.: 0800/111-0-333 oder 116-111; Mo-Sa von 14 bis 20 Uhr)
  • Bei der Deutschen Depressionshilfe sind regionale Krisendienste und Kliniken zu finden, zudem Tipps für Betroffene und Angehörige.
  • In der deutschen Depressionsliga engagieren sich Betroffene und Angehörige. Dort gibt es auch eine E-Mail-Beratung für Depressive.
  • Eine Übersicht über Selbsthilfegruppen zur Depression bieten die örtlichen Kontaktstellen (KISS).

Die Wahrscheinlichkeit, depressiv zu werden hänge zudem von der sozialen Herkunft ab: Besonders ausgeprägt zeigte sich das in den Kassendaten von Akademikerfamilien. Vermutlich könnten sie ihren Kindern Bildung, ein gutes Netz und soziale Sicherheit bieten, heißt es von der DAK. Das mache den Nachwuchs womöglich widerstandsfähiger gegen psychische Leiden.

Laut DAK-Daten gibt es außerdem häufig einen Zusammenhang zwischen Depressionen und Angststörungen. 24 Prozent der Mädchen, die eine depressive Störung entwickeln, leiden zusätzlich an einer Angststörung. Bei Jungen liegt diese Quote bei 17 Prozent. In den oberen Schulklassen wird sogar bei doppelt so vielen Mädchen eine Depression diagnostiziert, wie bei den Jungen. Für Jungen geht die DAK davon aus, dass Depressionen unterdiagnostiziert sind: Wie erwachsene Männer bagatellisierten sie häufig seelische Probleme. Insgesamt verwies die Kasse darüber hinaus auf eine mutmaßlich hohe Dunkelziffer. Laut Experten litten viele Kinder "still".

"Wir gehen von etwa zwei betroffenen Kindern pro Schulklasse aus", sagt Ulrich Hegerl, Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Der Psychiater schätzt die Zahlen der Kasse als realistisch ein. Die Häufigkeit depressiver Erkrankungen steige bei jungen Menschen mit zunehmendem Alter an. Bei Teenagern könne es für Eltern und Lehrer schwer sein, Anzeichen für eine Depression vom normalem "Pubertieren" mit heftigen Stimmungsschwankungen zu unterscheiden. Für Fachleute sei es jedoch recht gut möglich, zum Beispiel Gefühle von innerer Versteinerung zu erkennen, so Hegerl.

Quelle: ntv.de, lwe/AFP/dpa