Fakten & Mythen

Anders als bei Dengue-Impfstoff ADE-Gefahr bei Corona "nicht anzunehmen"

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Covid-19-Impfung auf den Philippinen - mit dem Dengue-Impfstoff hat das Land allerdings schlechte Erfahrungen gemacht.

(Foto: imago images/Xinhua)

Eine historische Impfkampagne nimmt in Deutschland Fahrt auf. Doch neben der Hoffnung auf ein Ende der Pandemie kommen auch Fragen auf. Mit ntv.de spricht der Arzt Dr. Specht über Fakten und Mythen rund ums Impfen. Diesmal: Könnte das Phänomen ADE auch bei der Corona-Impfung auftreten?

Ein Impfstoff gilt im Kampf gegen Sars-CoV-2 als Mittel der Wahl. Doch Erfahrungen mit anderen Erregern zeigen, dass eine Impfung auch nach hinten losgehen kann. Das zeigte der Rückschlag mit dem Dengue-Impfstoff auf den Philippinen. Heute nimmt man an, dass die Impfung dazu beitrug, dass Menschen an dem Tropenfieber starben. Eine wichtige Rolle spielten dabei Varianten des Dengue-Virus. Auch im Fall von Sars-CoV-2 kursieren mittlerweile verschieden Varianten - könnte auch in diesem Fall eine Impfung mehr schaden als nützen?

Die Philippinen leiden besonders stark unter der vom Dengue-Virus ausgelösten Krankheit. Hunderttausende erkranken jährlich, darunter sehr viele Kinder. Es war daher dieser Inselstaat, der ab 2016 den neuen Dengue-Impfstoff Dengvaxia erstmals für Massenimpfungen einsetzte. Doch nachdem mehr als 800.000 Kinder eine Impfung erhalten hatten, traten Probleme auf. Die Regierung stoppte das Impfprogramm. Später musste sie feststellen, dass 130 geimpfte Kinder gestorben waren - 19 von ihnen waren an Denguefieber erkrankt. Ein Grund könnte das Phänomen ADE sein - es steht für Antibody-Dependent Enhancement, zu Deutsch etwa antikörperabhängige Krankheitsverstärkung.

"Das Phänomen ADE ist nicht sofort zu begreifen, es klingt nicht logisch", sagt der Arzt und Tropenmediziner Dr. Christoph Specht ntv.de. "Es gibt vier verschiedene Serotypen, also verschieden Varianten des Dengue-Virus, die im Wesentlichen das gleiche Krankheitsbild machen." Erkrankt man zuerst an dem einen Serotyp, zeigen sich Symptome wie Fieber und Schüttelfrost, die aber in der Regel nicht schwer verlaufen. "Wenn man danach mit einem zweiten Serotyp von Dengue infiziert wird, stellt man häufig fest, dass der zweite Krankheitsverlauf deutlich schlimmer ist", so Specht. Dies könne bis hin zu einer hämorrhagischen Erkrankung führen, bei der - ähnlich wie bei Ebola - die Blutgefäße aufbrechen.

Antikörper helfen dem Virus

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Doch wie kommt es zu ADE? Normalerweise sollten Antikörper ja eine Infektion gerade verhindern. Nicht so bei ADE. "Das erklärt man sich so, dass die gegen den einen Serotyp gebildeten Antikörper dem zweiten Serotyp, also einer anderen Virusvariante, die Infektion erleichtern, was eine zerstörerische Wirkung haben kann", erklärt Specht. Auch ein Impfstoff kann bei Menschen, die noch nie mit dem Dengue-Virus infiziert waren, ähnliche Konsequenz haben. "Man hat gesehen, dass es schlimmer ist, wenn man impft, als wenn man es nicht getan hätte", so der Mediziner mit Blick auf das Impf-Debakel auf den Philippinen.

Die Gefahr von ADE sei auch bei der Entwicklung von Covid-19-Impfstoffen berücksichtigt worden, so Specht. "Aber schon in den Tierversuchen hat sich gezeigt, dass dieses Phänomen nicht auftrat." Auch bei den vielen Millionen Menschen, die bisher geimpft worden seien, sei dies noch nicht beobachtet worden. Fazit: "Die Gefahr von ADE ist bei einer Covid-19-Impfung derzeit nicht anzunehmen", sagt Specht. Ob sich das mal ändere, wenn es verschiedene andere Serotypen gebe, könne allerdings nicht ausgeschlossen werden. "Aktuell scheint dieses Problem jedenfalls nicht vorhanden zu sein."

Quelle: ntv.de