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Auch wenn viele Verkehrssituationen zum Verzweifeln sind: Wut sollte positiv gewendet werden.
Auch wenn viele Verkehrssituationen zum Verzweifeln sind: Wut sollte positiv gewendet werden.(Foto: imago/bonn-sequenz)
Donnerstag, 13. September 2018

Aggro-Tipps vom Experten Weidner: "Folge nie spontan deiner Wut"

Ob im Verkehr, auf der Arbeit oder bei Familientreffen: Viele alltägliche Situationen bergen ein enormes Aggressionspotenzial. Das verleitet zu "allerlei Unfug", warnt Jens Weidner im Gespräch mit n-tv.de. Der Aggressionsforscher und Managementtrainer lehrt seit 1995 Kriminologie und Sozialisationstheorie an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Laut Weidner kann Wut zerstörerisch sein, aber auch eine Menge positiver Energie freisetzen.

n-tv.de: Was hat Sie in Ihrem Leben besonders wütend gemacht?

Jens Weidner: Mich hat wütend gemacht, dass zwei meiner Lehrer mir empfohlen haben, das Gymnasium zu verlassen, damit meine Quälerei ein Ende hat, weil ich zu dumm sei. Als mir bei meiner Doktorarbeit die Luft ausging und ich hinschmeißen wollte, kam die Wut über das Lehrer-Feedback hoch und hat mich motiviert, die Zähne zusammenzubeißen und die Dissertation zum Erfolg zu bringen.

Was ist Wut überhaupt?

Kennt sich mit Wut aus: der Hamburger Aggressionsforscher Jens Weidner.
Kennt sich mit Wut aus: der Hamburger Aggressionsforscher Jens Weidner.(Foto: prof-jens-weidner.de/)

Wut ist ein ubiquitäres, also überall verbreitetes Phänomen. Es gibt sie in jeder Altersklasse, jedem Geschlecht, jeder Kultur. Oft wird sie durch Feindseligkeitswahrnehmungen ausgelöst, die dann infolge einer körperlichen Stressreaktion in aggressiver Gegenwehr oder Flucht münden kann. Kürzlich war das bei den sogenannten Wutbürgern in Chemnitz zu beobachten. Fachlich betrachtet kann Wut als implizit destruktive Aggressionsform gesehen werden, die die Zerstörung oder Schädigung Dritter in Kauf nimmt. Dabei ist die Schädigung meist nicht primär gewollt. Dennoch wird sie als Nebenprodukt akzeptiert.

Ist Wut also eine rein negative Emotion?

Nein, sie kann wie eine Droge auch das Gegenteil bewirken. Oft ist Wut die Power für Leistungen.

Woher kommt diese Energie?

Wut hat ein höheres Erregungsniveau als Ärger und Zorn. Sie ist eine starke Emotion, die zu impulsiven, aggressiven oder gewalttätigen Handlungen führen kann. Es handelt sich also um einen komplexen neurophysiologischen Vorgang. Wut ist eine Stressreaktion, die den Körper in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Durch Ausschüttung von Adrenalin wird eine gesteigerte körperliche Leistungsbereitschaft erreicht, die uns zu allerlei Unfug treibt. So schießen einige beispielsweise mit Kanonen auf Spatzen - und zwei Tage später müssen sie sich beim Kollegen wieder entschuldigen.

Allerdings gibt es Wutausbrüche auch schon bei Kindern.

Richtig, Wut ist eigentlich ein Kinderverhalten. Im Gegensatz zu Kindern können reflektierte Erwachsene ihre Wut allerdings konstruktiv nutzen.

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Prinzipiell empfehle ich, die Wut auszuleben. Aber konstruktiv, nicht durch Provokationen und Beleidigungen oder Gewalt. Das kann beim Sport geschehen oder in bösen Gedanken. Unsere Gedankenwelt ist der einzige rechtsfreie Raum, der uns gehört. Wenn diese Gedanken regelmäßig vorkommen und immer detaillierter werden, sollte man sich jedoch professionelle Hilfe suchen. Man kann die Wut aber auch konstruktiv aufarbeiten, in dem man sich im Gespräch mit Vertrauten Luft macht. Immer wieder. Das tut gut und bringt einen runter.

Sonst passiert was?

Wer das nicht macht, wird autoaggressiv und frisst die Wut in sich hinein. Das ist ungesund. Oder er sucht Sündenböcke, an denen er sie rauslassen kann: Ausländer, Homosexuelle, Andersdenkende, nervige Familienmitglieder.

Welches Vorgehen empfehlen Sie, wenn die Wut wieder mal hochkocht?

Meine wichtigste Empfehlung ist: Folge nie spontan den Empfehlungen deiner Wut. Reagiere nie sofort darauf. Schlafe eine Nacht darüber. Zähle bis 30, bevor du beispielsweise deinem Partner wirklich wütende, verletzende Worte sagst. Diese stehen dann im Raum, sind wegen ihrer Schärfe nur schwer wegzubekommen und sorgen für weiteren Ärger, eine Wutspirale nach oben.

Geht es nicht auch gleich anders?

Wut kann positiv gewendet werden. Sie kann Gutes tun. Hierzu gefällt mir das Beispiel eines regionalen Unternehmers. Der war einst verärgert, dass er in den Medien nicht wahrgenommen wurde und so nur ein kleiner Provinzfürst blieb. In seiner Wut gründete er eine Deutschlandstiftung für eine bestimmte Krankheitsprävention und schaufelte dort Geld hinein. Dafür wurde er bundesweit gelobt und erhielt sogar das Bundesverdienstkreuz. Super. Aber am Anfang stand die Wut.

Mit Jens Weidner sprach Christoph Rieke

Quelle: n-tv.de