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Mutiertes Virus kaum zu stoppen Forscher: "Deutschland muss schnell handeln"

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Droht ein Dé­jà-vu? Ein weiterer Frühjahrs-Lockdown wie 2020 wird immer wahrscheinlicher.

(Foto: imago images/Lichtgut)

In Großbritannien und Irland hat die neue Virusvariante die Oberhand gewonnen. Sorgen vor einer ähnlichen Entwicklung bringen einen harten Lockdown auch hierzulande ins Gespräch. Eine Analyse des Teams um Forscher Moritz Gerstung bestätigt: Nur harte Maßnahmen halten den Erreger auf.

Es herrscht Lockdown in Deutschland - doch es sieht aus, als ob dieser bald noch härter wird. Der bisherige Lockdown ist aus Sicht vieler Politiker gescheitert. Auch das Robert-Koch-Institut (RKI) rät zu einem härteren Vorgehen. Denn die Fallzahlen bleiben auf hohem Niveau. Und der Bundesregierung bereitet zudem die Virus-Mutation Sorgen, die in Irland und Großbritannien zu einem extremen Anstieg der Fälle geführt hat. Die Sorge ist wohl berechtigt, wie eine Datenanalyse des European Bioinformatics Institute EMBL-EBI im englischen Hinxton nahelegt. Demnach dürfte auch hierzulande kein Weg an einem harten Lockdown vorbeiführen - und das vielleicht für Monate.

Die mutierte Variante von Sars-CoV-2 hatte Großbritannien Anfang des Jahres bis zu 60.000 Neuinfektionen beschert - pro Tag. Die Zahl der Einweisungen in Krankenhäuser ist derzeit höher als zum Höhepunkt der ersten Welle im Frühjahr. In London stehen die Kliniken vor dem Kollaps. Noch gibt es keine Hinweise auf eine ähnliche Dynamik in Deutschland. Bisher sind laut RKI nur 16 Fälle mit dem Virus aus Großbritannien bekannt. Doch bereits beim Nachbarn Dänemark ist diese Variante bereits bei mehr als 200 Menschen nachgewiesen worden. Tendenz steigend.

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Wie wenig ein zu lockerer Lockdown gegen die neue Virusvariante ausrichten kann, hatte eine Untersuchung des Teams um Moritz Gerstung, Forschungsgruppenleiter am EMBL-EBI, ergeben. Die Wissenschaftler hatten die Wirkung des zweiten Lockdowns im Spätherbst 2020 in Großbritannien untersucht. Von Anfang November bis Anfang Dezember mussten dort viele Geschäfte und alle Bars und Restaurants schließen, Schulen und Universitäten blieben jedoch offen. "Der Lockdown war eigentlich ein Erfolg", so Gerstung zu ntv.de. Nach Ende des Lockdowns Anfang Dezember war die Zahl der Neuinfektionen in Großbritannien wieder spürbar gesunken.

Mutation breitet sich schleichend aus

Was die Forscher bei Ihrer Datenanalyse jedoch feststellten: Während das ursprüngliche Sars-CoV-2 zurückging, hatte sich während des Lockdowns die neue Virusvariante der Linie B.1.1.7 unbemerkt ausgebreitet. Sie konnte sich schließlich mit den wieder gelockerten Maßnahmen zunächst in Südengland, dann auf der ganzen Insel rasant vermehren. Mittlerweile sorgt sie auch in Irland für explodierende Fallzahlen. "Es hat sich gezeigt, dass der R-Wert der neuen Variante um den Faktor 1,5 größer ist als bei der alten", sagt der deutsche Forscher. Damit sei so gut wie sicher: Sie ist rund 50 Prozent ansteckender.

Das hört sich zunächst nicht nach viel an - hat aber dramatische Auswirkungen. "Was wir im Lockdown beobachtet haben, war, dass sich die Zahl der Fälle mit der alten Variante nach einem Monat halbiert hat, die Zahl mit der neuen Variante aber gleichzeitig vervierfacht", so Gerstung. Das bedeutet: Nach einem Monat hat die neue Variante achtmal so viele neue Fälle zur Folge wie die alte. Der Lockdown im Spätherbst war nicht hart genug, um diese Dynamik einzudämmen. Bereits vor Weihnachten verschärfte London in einigen Regionen die Maßnahmen erneut, seit Januar gilt in ganz England ein harter Lockdown - Schulen sind geschlossen, es gibt eine Ausgangssperre.

Die gute Nachricht: Daten aus der ersten Januarwoche legten nahe, dass der jüngste harte Lockdown in Großbritannien wirkt und zumindest die rasante Ausbreitung der neuen Variante vorerst gestoppt werden konnte, so Gerstung. "Es ist allerdings zu erwarten, dass die Abnahme der Fälle mit der neuen Variante deutlich langsamer ausfällt als die der alten Varianten." Basierend auf den Erfahrungen der vergangenen Monate würde man beispielsweise erwarten, dass die alte Variante um 90 Prozent innerhalb eines Monats, die neuen Variante nur um etwa 20 Prozent zurückginge. "Mit etwas Glück könnte man vielleicht 50 Prozent erreichen." Ein Monat harter Lockdown reicht demnach bei Weitem nicht aus, um die Pandemie in Großbritannien vollständig unter Kontrolle zu bringen. Die Folge: "Man muss den schärferen Lockdown weiter fortsetzen", sagt Gerstung.

"Die Uhr tickt"

Was bedeutet das für Deutschland? Bisher wurden laut dem RKI nur 16 Fälle mit der neuen Virusvariante B.1.1.7 festgestellt, fast alle bei Reisenden aus Großbritannien. Doch anders als auf der Insel wird in Deutschland bisher viel weniger Virus-Erbgut sequenziert und zudem auch nicht zentral erfasst. Denkbar, dass sich die neue Virusvariante bereits unbemerkt in der Bevölkerung ausbreitet. Um zu vermeiden, in eine ähnliche Situation wie Großbritannien zu kommen, müsse in Deutschland daher schnell gehandelt werden, so Gerstung: "Die Uhr tickt."

Der Wissenschaftler vergleicht die Situation mit dem Frühjahr 2020 - während in Italien bereits das Virus wütete, sah man im Rest der Welt noch wenig Handlungsbedarf, obwohl, wie nachträgliche Analysen zeigten, sich das Virus bereits um die gesamte Welt verbreiten konnte. Doch Gerstung warnt: "Es ist eine sehr bedrohliche Situation." Denn wenn erst anhand steigender Fallzahlen auffalle, dass die neue Variante im Land ist, sei es schon zu spät. Ein härterer Lockdown für Deutschland, wie er bereits im Gespräch ist, sei eine Möglichkeit, die Zunahmen der neuen Variante in Deutschland "im Keim zu ersticken, solange das noch möglich ist", so der Wissenschaftler.

Doch auch andere Maßnahmen seien wichtig: Gleichzeitig sollte systematisch nach dem neuen Erreger gesucht werden, so Gerstung. Zufälligerweise ist dies auch mittels handelsüblicher diagnostischer PCR-Tests, wie sie in England verwendet werden, möglich. Gesundheitsämter sollten zudem die Kontaktnachverfolgung bei Fällen mit der neuen Variante priorisiert behandeln. Auch eine Erweiterung des Kreises der Kontaktpersonen, die in Quarantäne müssen, sei sinnvoll - weil die neue Variante eben wesentlich ansteckender ist.

Auswirkungen auf Herdenimmunität

Allein die Bedrohung durch das mutierte Virus könnte Deutschland also in einen langen Lockdown schicken. Unklar ist, wie lange dieser andauern wird. Experten verweisen jedoch auf einen möglichen "Sommereffekt": "Wenn wir auf das letzte Jahr zurückblicken, gingen die Infektionen Ende April und im Mai deutlich zurück und im Sommer hatten wir eine relativ entspannte Situation. Das sollte auch dieses Jahr eintreten, selbst wenn dann noch nicht genug geimpft sind", sagte der Chefvirologe am Heidelberger Uniklinikum, Hans-Georg Kräusslich, der "Rhein-Neckar-Zeitung".

Die Hoffnung war bislang, dass in der zweiten Jahreshälfte bereits genügend Menschen in Deutschland geimpft sind, um eine Herdenimmunität zu erreichen. Doch dabei könnte das neue Virus einen Strich durch die Rechnung machen. Denn weil es ansteckender ist, muss ein größerer Anteil der Bevölkerung geimpft sein, um die Pandemie einzudämmen. Bislang hieß es, dass etwa zwei Drittel immunisiert sein müssten. Bei der neuen Varianten dürften Experten zufolge bis zu 80 Prozent notwendig sein.

Das dürfte nicht nur länger dauern - es ist auch unklar, ob genug Menschen in Deutschland überhaupt dazu bereit sind. Laut dem ZDF "Politbarometer" wollen sich 67 Prozent der Befragten nach eigenen Angaben impfen lassen. Das würde demnach noch nicht ganz reichen - auch wenn ein Aufwärtstrend zu beobachten ist. Laut einer Erhebung des US-Instituts YouGov sind es zudem nur 44 Prozent der Befragten. Immerhin: Eine Untersuchung von Wissenschaftlern der Universität Texas und dem US-Pharmaunternehmen Pfizer hat ergeben, dass der Impfstoff von Biontech/Pfizer auch gegen die Mutation der Linien B.1.1.7 wirkt.

Quelle: ntv.de