Wissen

Tierische Überreste in Syrien Hinweis auf Viehhaltung lässt Geschichtstheorie wackeln

Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit der Berichterstattung über die Studie bei Nennung des Credits.jpeg

Die Zeichnung zeigt eine Hütte und eine Person, die auf der Fläche außerhalb der Hütte sitzt, auf der sich Dung angesammelt hatte.

(Foto: Andrew Moore)

Menschen haben bereits vor rund 13.000 Jahren Vieh gehalten. Das zumindest ist das Ergebnis von Forschenden, die Dungreste aus einem Ort im heutigen Syrien analysiert haben. Bestätigen sich die Erkenntnisse, dann muss die Menschheitsgeschichte diesbezüglich neu geschrieben werden.

Bisher gingen Anthropologen davon aus, dass die Menschheit im Lauf der Geschichte zuerst Ackerbau entwickelte und erst später Viehhaltung betrieb. Daran weckt ein internationales Forschungsteam nun Zweifel. Es geht davon aus, dass die Bewohner der im heutigen Syrien gelegenen Siedlung Abu Hureyra schon vor fast 13.000 Jahren Tiere hielten - wenn auch nur zeitweise und in geringem Umfang. Dies sei der bislang früheste Hinweis auf Tierhaltung, schreibt das Team um Alexia Smith von der University of Connecticut nach Analysen von Dungresten im Fachmagazin "PLOS One".

Abu Hureyra lag im heutigen Nordsyrien am Ufer des Euphrat. Die Siedlung musste Anfang der 1970er Jahre rasch ausgegraben werden, bevor sie 1974 vom Assad-Stausee überflutet wurde. Bewohnt war der Ort ab vor etwa 13.300 Jahren - in den folgenden Jahrtausenden vollzog sich in der Region, die zum sogenannten Fruchtbaren Halbmond zählt, der Übergang vom Jagen und Sammeln zu Ackerbau und Viehhaltung.

Um die Geschichte des Ortes zu rekonstruieren, konzentrierte sich das Team - darunter Andrew Moore vom Rochester Institute of Technology, der die Notgrabung 1972/1973 geleitet hatte - auf ein neues Verfahren: die Analyse sogenannter fäkaler Sphärulite. Diese Kügelchen aus kristallisiertem Kalziumkarbonat haben einen Durchmesser von 5 bis 20 Mikrometern und bilden sich im Darm von Pflanzenfressern wie etwa Schafen, Ziegen und Gazellen.

Solche Sphärulite sind in Proben aus allen Siedlungsphasen des Ortes enthalten - jedoch in unterschiedlichen Konzentrationen. In der zweiten Phase, die vor etwa 12.800 Jahren begann, tauchen sie deutlich häufiger auf als zuvor. Daraus folgern die Forscher, dass damals Tiere, vermutlich wilde Schafe, zeitweilig und anfangs in geringer Zahl direkt vor den Wohngebäuden als Vorrat gehalten wurden. Damit sei die Jagd vor allem nach Gazellen, zu jener Zeit noch die tierische Hauptnahrungsquelle, ergänzt worden.

Dies wären dann die frühesten Anfänge einer Viehhaltung - allerdings noch nicht mit domestizierten, sondern mit wilden Tieren. In jener Epoche verorten Forscher auch die Anfänge der Landwirtschaft in Vorderasien.

Beweise für Nutzung von Dung

In Abu Hureyra geht die zweite Siedlungsphase, die von vor 12.800 bis vor 12.300 Jahren reicht, mit auffälligen Neuerungen einher: Dunkel verfärbte Sphärulite deuten darauf hin, dass der Dung der Tiere damals, zusätzlich zu Holz, als Brennstoff verwendet wurde. Denn für die Verfärbungen müssen die Kügelchen einer Temperatur von 500 bis 700 Grad ausgesetzt gewesen sein. Dies wäre der mit Abstand früheste Nachweis für eine solche Nutzung von Dung.

Zudem werden in dieser Phase die rundlichen Wohngruben der Bewohner durch geradlinige Hüttenkonstruktionen ersetzt. Noch später, vor grob 10.000 Jahren, wurde die Viehhaltung dann gängiger, nun fand der Dung auch Verwendung in der Architektur, hauptsächlich als Putz für Fußböden.

Mehr zum Thema

Vor etwa 9000 Jahren, so die Analyse von Knochenresten, ersetzten dann die inzwischen vermehrt gehaltenen Schafe und Ziegen Gazellen als Hauptquelle tierischer Nahrung. Gleichzeitig fällt die Konzentration von Dung-Sphäruliten im Ort drastisch ab: Dies deutet das Team als Hinweis darauf, dass die Herden inzwischen dauerhaft präsent und so groß waren, dass sie nicht mehr in unmittelbarer Umgebung der Wohngebäude gehalten wurden.

"Die hier gemachten Beobachtungen werfen die Frage auf, ob Veränderungen im Umgang mit Tieren dem Ackerbau vorausgingen oder ob beides gleichzeitig entstand", schreibt das Team. Um das zu klären, könne man das Verfahren der Sphärulit-Analyse nun auch in anderen Siedlungen aus jener Zeit nutzen. Möglicherweise könne man so künftig sogar jene Arten ermitteln, von denen die winzigen Kügelchen stammten.

Quelle: ntv.de, Walter Willems, dpa

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen