Wissen

Dümmer als in der Steinzeit? Warum unsere Gehirne schrumpfen

39104150.jpg

War mal größer: das Gehirn eines modernen Menschen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der Befund ist eindeutig: Seit etwa 10.000 Jahren schrumpft das Gehirn des modernen Menschen. Mehr als zehn Prozent an Masse büßte unser Denkapparat seitdem ein. Forscher spekulieren über den Grund. Es könnte derselbe sein wie bei unseren Haustieren.

Es ist eine Tatsache, der wir ins Auge sehen müssen: Das menschliche Gehirn schrumpft. Seit 10.000 Jahren etwa. Anthropologen wissen das aufgrund von Messungen an Schädeln aus allen Zeiten der Menschheitsgeschichte. Der Homo sapiens, die Art, zu der wir zählen, verliert an Gehirnschmalz.

Heute variiert das Gehirnvolumen erwachsener Menschen weltweit zwischen 900 und 2100 Millilitern - im Schnitt beträgt es 1349 Milliliter. Doch bereits Ende der 1980er-Jahre belegte eine Untersuchung von tausenden Schädeln aus unterschiedlichen Jahrtausenden, dass bei Männern aus Europa und Nordafrika das Gehirnvolumen seit der Mittelsteinzeit um zehn Prozent abgenommen hat. Frauen verloren sogar 17 Prozent ihres Gehirnvolumens. Sind wir deshalb dümmer als unsere Steinzeit-Vorfahren?

Ob es bei Menschen einen Zusammenhang zwischen Gehirngröße und Intelligenz gibt, ist unter Forschern umstritten. Tatsache ist etwa, dass Frauen im Schnitt kleinere Gehirne haben als Männer - bei Männern sind es etwa 1400 Milliliter, bei Frauen etwa 200 Milliliter weniger. Allerdings gibt es keine Belege dafür, dass Frauen weniger intelligent sind als Männer.

Größer ist gleich größer

Dennoch scheint zumindest beim Vergleich verschiedener Tierarten ein Zusammenhang zwischen Gehirngröße und Intelligenz zu bestehen: Etwa lässt sich bei Säugetieren klar beobachten, dass bei zunehmender Körpergröße auch die Gehirnmasse zunimmt - woraus sich eine Kurve errechnen lässt. Weicht nun die tatsächliche Gehirnmasse eines Säugetiers von dieser Kurve nach oben ab, hat es einen größeren EQ (Enzephalisationsquotient) und gilt als intelligenter. Beim Menschen ist das der Fall, aber etwa auch bei Delfinen.

Auch unsere Steinzeit-Vorfahren waren uns körperlich überlegen - ist das der Grund für ihre größeren Gehirne? Der Anthropologe John Hawks gibt zu bedenken, dass der Unterschied der Gehirngrößen den Unterschied der Körpergrößen zwischen damals und heute deutlich übersteigt. Möglicherweise waren unsere Vorfahren also doch intelligenter. Allerdings dürfte dies schwer zu ermitteln sein.

Aber warum schrumpfen die Gehirne des Menschen seit dieser Epoche? Dazu haben Forscher in der Vergangenheit verschiedene Thesen aufgestellt:

1. Wärmeres Klima gleich kleinere Köpfe
Manche Forscher glauben, dass das Gehirn schrumpfte, weil auch unsere Körper an Masse leicht abgenommen haben. Dies könnte mit den milderen klimatischen Bedingungen zusammenhängen, die sich vor 10.000 Jahren auf der Erde ausbreiteten. Zuvor waren größere Körper von Vorteil, da sie Wärme besser speichern. Als die Temperaturen stiegen, wurde das Leben der Menschen zudem körperlich weniger anspruchsvoll, was auch weniger Körpermasse erforderlich macht, glaubt etwa der britische Paläoanthropologe Christopher Stringer. Auch die Hüften der Frauen schrumpften mit dem Körper, was wiederum die Geburt von Babys mit kleinen Köpfen - und Gehirnen  - begünstigte, so Stringer.

2. Externe Speicher machen weniger Hirn nötig
Eine andere Theorie: Das menschliche Gehirn schrumpfte mit dem Aufkommen von externen Informationsspeichern, schlägt eine Studie vor. Anfangs waren das Höhlenmalereien, später Schrift und in moderner Zeit schließlich digitale Speichermedien, welche über die Jahrtausende unsere Denkorgane kleiner werden ließen. Denn das Gehirn des Einzelnen musste sich nicht mehr so viel merken. Und da das Gehirn als Organ sehr viel Energie verschlingt, war es von Vorteil, davon etwas einzusparen.

3. Der Mensch zähmte sich selbst
Die These der "Selbstdomestizierung" ist eine alternative Erklärung für die schrumpfenden Gehirne. Laut ihr sind kleinere Gehirne ein körperlicher Nebeneffekt, der eigentlich aus einer natürlichen Auslese von bestimmtem Verhalten hervorgeht: In der zunehmend auf Arbeitsteilung ausgelegten Steinzeit-Gesellschaft hatten plötzlich jene Menschen die größte Chance, zu überleben (und sich zu vermehren), welche kooperativ und besonnen waren. Die kampfeslustigen und aggressiven hingegen hatten das Nachsehen. Der US-Anthropologen Brian Hare spricht daher auch vom "Überleben des Freundlichsten".

Warum dabei die Gehirne schrumpften? Forscher wie Hare verweisen auf die Domestizierung von Wildtieren zu Haustieren. Auch bei diesen - etwa bei dem Wandel vom Wolf zum Hund - wurden jene Tiere von den Menschen bevorzugt, die zutraulicher und weniger scheu waren. Der Mensch hat diese Persönlichkeitsmerkmale quasi herangezüchtet. Diese werden allerdings von denselben Genen gesteuert, die wiederum Einfluss auf körperliche Eigenschaften ausüben, wie etwa leichtere körperliche Bauweise und kleinere Gehirne.

Unser geschrumpftes Gehirn könnte also gar keine Nachteile haben. Im Gegenteil: Die heutige Gesellschaft mit ihrer Arbeitsteilung sichert das Überleben vieler Menschen - wie am rasanten Bevölkerungswachstum abzulesen ist. Ob unsere Steinzeit-Vorfahren vielleicht doch ein bisschen intelligenter waren -  vielleicht. Aber wer möchte schon mit ihnen tauschen?

Quelle: n-tv.de