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Neues Reservoir für Sars-CoV-2? Hirsche in den USA mit Coronavirus infiziert

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Allein in den USA sollen 30 Millionen Weißwedelhirsche (Odocoileus virginianus) leben.

(Foto: picture alliance / blickwinkel/M. Woike)

US-Forscher entdecken eine Verbreitung des Coronavirus unter Weißwedelhirschen - und weisen damit erstmals eine Infektion in freier Natur nach. Noch stellt das keine Gefahr für Menschen dar. Jedoch könnten die Tiere zu einem neuen Reservoir für das Virus werden.

Wie genau der Erreger Sars-CoV-2 über die Welt kam, ist noch immer nicht geklärt. Die Weltgesundheitsorganisation hält es in ihrem Bericht zum Ursprung des Coronavirus jedoch für "sehr wahrscheinlich", dass das Virus in Fledermäusen entstanden ist. Auf einem Wildtiermarkt in der chinesischen Region Wuhan sei es dann auf den Menschen übertragen worden. Fledermäuse gelten somit als Reservoir des Virus - also als der Ort, an dem der Erreger überleben konnte und von wo sich Menschen und Tiere infizierten. Nun entdeckten Forscher des US-Landwirtschaftsministeriums Infektionen mit Sars-CoV-2 unter Weißwedelhirschen - und damit eine mögliches neues Reservoir für das Pandemievirus.

Nordamerikanische Weißwedelhirsche halten sich gern in der Nähe von menschlichen Siedlungen auf. Das nahm die Forschergruppe um Susan Shriner vom "Animal and Plant Health Inspection Service" zum Anlass, die Tiere zu testen. Mit Antigentests untersuchten sie 624 Blutproben aus der Zeit vor und nach der Pandemie auf Antikörper auf das Coronavirus. Das Ergebnis der Studie überrascht: 152 und damit 40 Prozent der Proben aus dem Jahr 2021 waren positiv. "Diese Daten deuten darauf hin, dass Weißwedelhirsche in den untersuchten Populationen mit Sars-CoV-2 in Kontakt gekommen sind", heißt es in der Studie. Die Proben aus der Präpandemiezeit waren mit Ausnahme einer vermutlich falsch positiven Probe negativ.

Zuvor war zwar bereits bewiesen worden, dass das Virus von Menschen auf Zoo- und Haustiere übertragen werden kann, jedoch nicht auf Wildtiere. Es handelt sich damit um die erste nachgewiesene Infektion in freier Wildbahn. Ein lokaler Ausbruch kann zudem ausgeschlossen werden, da die positiv getesteten Tiere aus den Staaten Illinois, Michigan, New York und Pennsylvania stammen. Das Virus scheint sich unbemerkt unter dem Rotwild ausgebreitet zu haben.

Virus könnte in Hirschpopulation mutieren

Anlass zur Sorge gibt somit, dass sich die Viren wohl von selbst unter den Weißwedelhirschen verbreitet haben. Sie könnten damit ein dauerhaftes Reservoir des Pandemievirus in der Natur darstellen - trotz Impfungen der Menschen. Denkbar wäre, dass sich Sars-CoV-2 weiter unter den Tieren ausbreitet, mutiert und später wieder auf den Menschen übergeht. Auch eine Ausbreitung unter anderen Wildtieren sei denkbar, sagt die Virologin, Linda Saif. Die Wissenschaftlerin von der Ohio State University in Wooster erklärt im Wissenschaftsmagazin "Nature": "Ein ähnliches Übergreifen auf Wildtiere könnte nun weltweit stattfinden."

Wie sich die Tiere angesteckt haben, ist bislang noch unklar. Möglich wäre eine Übertragung direkt durch die Menschen, da die von Südkanada bis Peru verbreitete Weißwedelhirsch-Population weniger scheu ist als Hirscharten in Europa. Die Tiere könnten sich aber auch durch Kontakt mit Haustieren oder kontaminierten Abwässern infiziert haben. Die Ansteckungsquelle sei wahrscheinlich nicht auf die Hirsche beschränkt, sagt der Virologe Arinjay Banerjee dem Fachmagazin. "Wenn es eine gemeinsame Expositionsquelle für die Rehe gibt, dann kann dieselbe Quelle wahrscheinlich auch andere Tiere infizieren", erklärt der Experte von der Universität von Saskatchewan im kanadischen Saskatoon.

Die Forscher nehmen auch an, dass die Tiere keine Symptome des Virus entwickeln, da es bislang nicht in verendeten Tieren gefunden wurde. Dafür sprechen auch frühere Infektionsversuche von US-Forschern, die nach Angaben des US-Landwirtschaftsministeriums an in Gefangenschaft gehaltenen Hirschen durchgeführt wurden. Bei keinem der Tiere seien klinische Anzeichen einer Krankheit gefunden worden, heißt es.

Bisher gibt es laut der Studie, "keine Hinweise darauf, dass Tiere, einschließlich Hirsche, eine signifikante Rolle bei der Verbreitung von Sars-CoV-2 auf Menschen spielen". Das Risiko, dass Tiere den Erreger auf Menschen übertragen, sei somit derzeit gering. Auch die Zubereitung oder das Essen von infizierten Tieren stelle keine große Gefahr dar. Trotzdem seien die Untersuchungen von Säugetieren auf Sars-CoV-2 wichtig, um künftige Reservoirs oder Wirte des Virus bestimmen zu können, sagen die Forscher. "Das trägt zudem dazu bei, den Ursprung des Virus zu ermitteln."

Quelle: ntv.de, spl

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