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Corona-Infektion vermeiden Ist der Mindestabstand doch unnötig?

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Hmmm?

(Foto: imago images/Steffen Schellhorn)

Hände waschen und Abstand halten, das waren die ersten empfohlenen Maßnahmen im Kampf gegen das Coronavirus. Später, als sie dann auch zu haben war, kam die Maske dazu. Doch nun weckt eine neue Studie zu den Abstandsregeln Zweifel an der Wirksamkeit der Vorgabe. Ein Experte schätzt sie ein.

Man kennt das mittlerweile: Mundschutzpflicht, Mindestabstand, Händewaschen und immer mal wieder Kontaktbeschränkungen und geschlossene Läden und Lokale oder auch Ausgangssperren. Zumindest beim Händewaschen und Abstandhalten waren sich die Experten von Anfang an einig, dass diese geeignete Mittel sind, um das Coronavirus an der ungestörten Ausbreitung zu hindern. Bei allen anderen ergriffenen Maßnahmen, Vorgaben und Verboten war man sich lange nicht sicher und ist es wohl auch immer noch nicht so recht.

Bleiben wir beim Abstandhalten. Das ist ja so was wie ein Grundreflex jedes Lebewesens, einen möglichst weiten Bogen um eine potenzielle Gefahrenquelle zu machen. Dies hat also im Vergleich zu vielem, was da noch folgen sollte, bei den meisten ganz gut geklappt.

Abstand in Innenräumen gar nicht so entscheidend

Eine Studie des Massachusetts Institute of Technology (MIT) nährt nun Zweifel am Mindestabstand. Demnach soll der Abstand von zwei Metern in Innenräumen gar nicht so eine entscheidende Rolle bei der Vermeidung des Virus spielen. Viel wichtiger seien hingegen ganz andere Faktoren.

Denn laut der Mathematik-Professoren Martin Z. Bazant und John W. M. Bush macht 2 oder 20 Meter Abstand zu halten keinen wirklichen Unterschied in geschlossenen Räumen. Denn: Zirkuliert das Coronavirus in einem Raum, sind ihm Abstände bei der Übertragung über Aerosole offenbar ziemlich egal.

Wichtiger sind laut der im "Proceedings of the National Academy of Science of the United States of America" (PNAS) veröffentlichten Studie unter anderem die Zeit, die man in einem Raum verbringt, die Luftfilterung beziehungsweise -zirkulation, Immunisierung, Mutationen und ob Masken getragen werden. Auch die Art der Aktivität, also ob man sich bewegt, isst, spricht, singt oder schreit, spielt demnach eine Rolle. "Wir argumentieren, dass im Zusammenhang mit der Übertragung über die Luft in einem gut durchmischten Raum die Vorteile der 6-Fuß-Regel (rund 1,8 Meter) begrenzt sind", zitiert der amerikanische Nachrichtensender "Fox News" Bazant. "Da jeder im Raum die gleiche Luft atmet, teilen sie das gleiche Risiko. Soziale Distanzierung kann also ein falsches Gefühl von Sicherheit vermitteln."

Belegungsbeschränkungen für geschlossene Räume unnötig?

"Unsere Analyse zeigt, dass viele Räume bei voller Belegung sicher sein können, während andere ein erhebliches Risiko bergen", so Bazant weiter. Laut den Forschern ist es demzufolge unter anderem - je nach Belüftung und im Raum verbrachter Zeit - nicht nötig, für jeden geschlossenen Raum Belegungsbeschränkungen festzulegen.

Dr. Georg-Christian Zinn, Direktor des Hygienezentrums Bioscientia, ordnet die Ergebnisse der Studie gegenüber RTL ein. "Man muss sagen, es ist multifaktoriell, das heißt, der Abstand spielt eine Rolle, die Menge der Leute im Raum spielen eine Rolle, die Größen der Räume spielen eine Rolle und ob ich mich zusätzlich schütze, nämlich eine Maske trage", erklärt Zinn. Insofern seien die Ergebnisse nicht verwunderlich. "Aber ein zusätzlicher Abstand zu Menschen, die keine Masken tragen, ist extrem wichtig. Insofern würde ich dringend empfehlen, dass wir bei unseren 1,5 Metern bleiben. Interessanterweise ist es eine weiche Wissenschaft, es gibt Länder, die sagen 1,8 Meter oder 2 Meter, aber Abstand spielt eine Rolle, um Infektionen zu vermeiden."

Kann der Abstand nicht eingehalten werden, weil man eng zusammenarbeitet, zum Beispiel im Operationsbetrieb oder bei Patientenkontakt, "trägt man FFP2-Masken, weil man sehr, sehr geringe Abstände hat. Da spielt die Maske den hauptprotektiven Faktor. Aber wenn keine Masken getragen werden, ist wichtig, wie weit man auseinander war. Unter 1,5 Meter ohne Schutz ist eher kritisch", so Zinn weiter.

Groß und gut durchlüftet ist besser

Laut den US-Forschern ist das Infektionsrisiko je nach Raum unterschiedlich. Welche sind gefährlicher - und welche nicht? Gut sei alles, was groß ist, so Zinn. Also Hallen und gut durchlüftete Bereiche, wo wenig Leute sind. "Man geht davon aus, dass man eine Infektionsdosis einatmen muss von etwa 3000 Viren, um sich aktiv zu infizieren. Und da spielt die Größe des Raumes, die Durchlüftung des Raumes und die Menge der Menschen eine große Rolle. Groß und gut durchlüftet ist besser."

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Kann keine Maske getragen werden, ist auch laut den Ergebnissen der Mathematik-Professoren das Abstandhalten sinnvoll, um das Risiko einer Übertragung durch die Atmung gering zu halten. "Das ist tatsächlich eine Empfehlung, die wir auch schon Weihnachten gegeben haben", erklärt Zinn. "Wenn man sich trifft mit Familienangehörigen, die noch nicht geimpft sind: Abstände. Auch beim Kaffee, auch beim Essen. Das bringt tatsächlich was. Zusätzlich regelmäßiges Lüften, wenn man zum Beispiel beim Essen oder Trinken keine Masken tragen kann."

Hält man sich draußen auf, ist auch den Forschern zufolge der Abstand extrem wichtig: Schon ein Meter könne das Infektionsrisiko auf ein Minimum reduzieren.

Quelle: ntv.de, awi

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