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Die geringere Schwerkraft auf dem Mars wird wohl die Körper seiner Bewohner nach und nach verändern.
Die geringere Schwerkraft auf dem Mars wird wohl die Körper seiner Bewohner nach und nach verändern.(Foto: GAMMA/NASA)
Montag, 02. November 2015

Körper passt sich Gravitation an: Mars könnte neue Menschen hervorbringen

Von Kai Stoppel

Die Besiedlung des Mars scheint für manche nur ein Frage der Zeit. Doch wie wirkt sich die geringe Schwerkraft auf den Körper des Menschen aus? Forscher glauben an sichtbare Veränderungen - die eine Rückkehr zur Erde unmöglich machen.

Wenn über die Reisen zum Mars nachgedacht wird, träumen die Menschen bereits von einer Kolonialisierung des Roten Planeten. Doch noch wenig bedacht wurde bei diesen Visionen, wie sich das Wohnen auf dem fremden Planeten auf den menschlichen Körper auswirken würde. Denn der Mars ist zwar in vieler Hinsicht der Erde sehr ähnlich. Dort gibt es Tageszeiten, wechselndes Wetter und sogar Jahreszeiten - aber auch einen ganz bedeutenden Unterschied: Die Gravitation auf dem Mars beträgt nur 38 Prozent der unseres Heimatplaneten. Und das könnte den Menschen nachhaltig beeinflussen.

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Die Reise zum Mars nimmt immer konkretere Formen an. Die Nasa sucht bereits nach Landeplätzen. Gleichzeitig gibt es private Initiativen wie "Mars One", bei der Menschen mit einem "One Way Ticket" zu unserem roten Nachbarn geschickt werden sollen. Letzteres würde eine Kolonisation über mehrere Generationen unausweichlich machen. Aber was passiert mit dem Menschen und seinem Körper auf dem Mars?

"Die Menschen werden sich körperlich sehr schnell verändern, da die Gravitation auf dem Mars geringer ist", sagte der britische Astronom Chris Impey von der University of Arizona jüngst in einem Interview. "Ihre Körper werden sich bereits zu ihrer Lebenszeit verändern. Und wenn sie später Kinder und Enkel bekommen, werden diese sich noch schneller verändern."

Bereits die Reise zum Mars schwächt

Als erste Belastungsprobe stünde die Reise selbst an. Dank der ISS-Missionen weiß man bereits, wie sich völlige Schwerelosigkeit auf den menschlichen Körper auswirkt. So wurde als sichtbarstes Zeichen ein Schwund von Muskeln und Knochen festgestellt. Dies macht sich vor allem bei auf die Erde zurückkehrenden Raumfahrern bemerkbar. Sie haben anfangs Schwierigkeiten, sich an die Erd-Gravitation zu gewöhnen, sich aufrecht zu halten und zu gehen. Nach und nach regenerieren sich ihre Muskeln und Knochen aber vollständig.

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Auf dem Mars wären die Umstände weniger günstig: Wenn Menschen nach einem monatelangen Flug dort geschwächt ankommen, würde es ihnen aufgrund der schwächeren Gravitation zwar schneller wieder möglich sein, aufrecht zu gehen. Gleichzeitig bietet die geringere Mars-Schwerkraft kein so gutes Aufbautraining wie die der Erde. Unter diesen Umständen würden Mars-Kolonialisten wohl nicht zu alter Stärke zurückkehren. Allerdings wird davon ausgegangen, dass sich aufgrund der geringeren Gravitation des Mars die Wirbelsäule ausdehnen würde  – von der Erde angereiste Menschen wären auf dem Mars letztendlich ein paar Zentimeter größer.

Aber nehmen wir an, die neuen Marsbewohner würden sich dauerhaft auf dem Nachbarplaneten niederlassen – und sogar Kinder bekommen. Würde sich der menschliche Körper über Generationen unter dem Einfluss einer geringeren Gravitation verändern? Wissenschaftliche Erkenntnisse dazu gibt es bisher nicht. Doch die Nasa hat Überlegungen dazu angestellt, wie sich ein menschliches Baby im All, unter kaum vorhandener Gravitation, entwickeln könnte – ein Szenario, das auch Aufschlüsse über die mögliche körperliche Entwicklung auf dem Mars geben könnte.

Schmale Füße, dicke Schädeldecke

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Fest steht, dass die Gravitation bei der Entwicklung des menschlichen Körpers eine wichtige Kraft ist. Auf mikroskopischer Ebene etwa passt sich das Gewebe unserer Knochen ständig an, um der Belastung durch die Schwerkraft Herr zu werden. Verringert sich der Einfluss der Gravitation – wie etwa im All oder auf dem Mars -, wachsen die Knochen eines Kindes über die Jahre nicht zu langen, dünnen Erwachsenenknochen wie bei Erdbewohnern heran, vermutet man bei der Nasa. Auch seien die Knochen womöglich dünner und anfälliger für Brüche.

Die Schädeldecke eines auf dem Mars geborenen Kindes hingegen könnte sich dicker und stabiler entwickeln - zumindest wäre dies unter der vollkommenden Abwesenheit von Gravitation der Fall. Denn da es das Herz leichter hat, Flüssigkeit durch den Körper zu pumpen, könnte der Druck im Kopf zunehmen – was wiederum die Schädelknochen zu verstärktem Wachstum animieren dürfte. Auch die Füße entwickeln sich unter dem Einfluss geringerer Gravitation wahrscheinlich weniger stabil als auf der Erde. Zudem wären Muskeln womöglich dünner und schwächer - darunter auch der Herzmuskel. Letzteres könnte den Effekt mit dem dicken Schädel möglicherweise auch wieder ausgleichen.

Rückkehr zur Erde könnte tödlich enden

Der Anthropologe Cameron Smith von der Portland State University fasste das mögliche Aussehen künftiger Mars-Generationen einmal in einem Interview zusammen: "Wir würden wahrscheinlich eine leichtere und schlankere Statur sehen." Allerdings müssten die Bedingungen auf dem Mars nicht unbedingt von Nachteil für die Bewohner sein - weniger Gravitation könne auch gesündere Körper hervorbringen, da diese nicht so viel Muskelmasse mit sich herumschleppen müssten. Dadurch würden die Menschen für ihre Körper auch weniger Energie benötigen, was mit Blick auf die evolutionäre Entwicklung ein "selektiver Vorteil" sei. "Vielleicht haben sie mehr Nachkommen", mutmaßt Smith über die Marsbewohner.

Problematisch für die Mars-Kolonisatoren wird es erst, sollten sie nach einigen Generationen zur Erde zurückkehren. Die dort fast dreimal so starke Gravitation würde es ihren schwächeren Herzen unmöglich machen, ihre Gehirne mit ausreichend Blut zu versorgen. Weder Knochen, Wirbelsäule noch Muskeln dieser Mars-Bewohner wären der irdischen Schwerkraft gewachsen. Vermutlich würden sie, von der Erdanziehung überwältigt, einfach zusammenbrechen und sterben. Damit steht eines fest: Vor einer Invasion und Unterjochung durch Mars-Menschen brauchen wir uns nicht zu fürchten.

Quelle: n-tv.de