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Bis zu vier Tage im Voraus Neues Gerät kann den Tod vorhersagen

Forscher der TU Hamburg haben ein Radar entwickelt, das kontaktlos den Herzschlag von Patienten überwachen kann. Dabei misst das Gerät so präzise, dass es Herzinfarkte und Schlaganfälle vorhersieht. Es weiß zudem bereits Tage im Voraus, wann jemand seinen letzten Atemzug tut.

"Dieses Herz fängt gerade an, seine Arbeit einzustellen. Es wird bald aufhören zu schlagen." Das ist in etwa ist die Botschaft, die ein neuartiges Herzradar Ärzten im Ernstfall vermittelt. Mit diesem Wissen können lebensrettende Maßnahmen früher eingeleitet werden, als es bisher möglich war. Und bei Herzinfarkten oder Schlaganfällen macht jede Minute einen Unterschied.

Das Gerät sieht ganz unscheinbar aus: ein kleiner schwarz-grüner Kasten, etwa so groß wie eine Männerfaust. Es wird am Bett von Patienten angebracht, unter dem Lattenrost. Von dort aus führt es seine Überwachung durch - kabellos und geräuschlos. Man merkt gar nicht, dass es da ist. Ein großer Vorteil gegenüber einem Elektrokardiogramm (EKG) - bei diesen muss ein Mensch aufwendig verkabelt werden. Ein EKG misst die Herzaktivität als elektrische Spannung und stellt diese in Form einer Kurve grafisch dar.

Die Messwerte, die das neue Herzradar von seinem Versteck aus sammeln kann, sind so detailliert und präzise, dass selbst die Ärzte, die es gerade testen, anfangs überrascht waren. Das Gerät kann zum Beispiel erkennen, ob der Patient eine Arterienverkalkung hat, ob ein Herzinfarkt oder ein Schlaganfall bevorstehen oder ob ein todkranker Mensch in den nächsten Tagen den letzten Atemzug tun wird.

Radar erkennt winzige Erhebungen

Und das funktioniert so: Mit jedem Herzschlag wird ein Schwall Blut durch unsere Adern gepumpt. Dieser Schwall verursacht an der Hautoberfläche eine winzige Erhebung, die den ganzen Körper entlangwandert. Am Handgelenk ist diese Erhebung selbst mit dem Finger wahrnehmbar: als Klopfen des Pulsschlags.

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Kabellos und geräuschlos misst das Herzradar die Herzfunktion.

(Foto: RTL)

Das neue Radargerät, das Forscher von der Technischen Universität Hamburg entwickelt haben, erkennt diese wandernde Erhebung per Abstandsmessung. Es sendet von seinem Platz unter dem Bett permanent Strahlen aus. Die sind hundertmal schwächer als Handystrahlung, dringen aber problemlos durch Lattenrost und Matratze. Die Strahlen werden erst reflektiert, wenn sie auf die etwas mit der Dichte von Wasser treffen - in diesem Fall: die Hautoberfläche des Patienten.

Die wandernde Erhebung verkürzt diesen Abstand zwischen Gerät und Hautoberfläche. Zwar nur um die Breite eines Haares, aber für das Gerät reicht das aus. Dass sich eine Person im Bett auch mal bewegt, macht dabei keinen Unterschied.

Pulsschlag verrät viele Krankheitsbilder

Ein kleiner Computer im Radargerät registriert, wie oft das Herz schlägt, wie stark und wie regelmäßig. Diese Daten sendet es an Ärzte, die daraus erkennen, ob sich ein Notfall ankündigt. "Wir können zum Beispiel die Geschwindigkeit messen, mit der sich die Puls-Welle ausbreitet. Das zeigt uns, wie steif die Gefäße sind, ob also eine Verkalkung vorliegt", erklärt Alexander Kölpin von der TU Hamburg. "Und über die Regelmäßigkeit können wir erkennen, ob etwa eine Herzrhythmusstörung vorliegt."

Derzeit ist das Herzradar noch in der Studienphase. Der Praxistest wird an der Frauenklinik Erlangen durchgeführt, auf der Palliativstation. Das Leben der Patienten, die hier liegen, kann nicht mehr gerettet werden, aber das Gerät hilft auf andere Weise: "Was wir wollen, ist, dass wir zum richtigen Zeitpunkt die Angehörigen dazurufen können", erklärt Christoph Ostgathe, Leiter der Palliativmedizin. "Viele sagen: 'Ich möchte einfach gerne in diesem Moment dabei sein'."

Die Ärzte erkennen dank ihrer Erfahrung zwar auch meist selbst, wenn es mit einem Patienten zu Ende geht. Das Herzradar ist allerdings viel zuverlässiger. Und es weiß früher Bescheid als die Ärzte - bis zu vier Tage vor dem Tod.

Herzradar soll früher Alarm schlagen

Eigentlich ist das Herzradar für eine andere Zielgruppe gedacht: Für Menschen, die zwar Risikopatienten für einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall sind, bei denen der Tod aber noch verhindert werden kann.

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Da solche Notfälle meist spontan auftreten, ist die Vorwarnzeit selbst mit Herzradar nur kurz. Aber immerhin würde das Gerät schon Alarm schlagen, wenn das Herz gerade anfängt, Rhythmusstörungen aufzuweisen. Bisher wird eine Notsituation meist erst dann bemerkt, wenn das Herz ganz aufhört zu schlagen, und der Mensch am Boden liegend aufgefunden wird. Durch diese Frühwarnung können Rettungskräfte entscheidende Minuten eher vor Ort sein.

Die Vision der Forscher ist, dass das Gerät nicht nur in Krankenhäusern eingesetzt werden kann, sondern auch in Altenheimen oder bei Risikopatienten zu Hause. Die Wissenschaftler wollen das Radar so weit entwickeln, dass man es wie einen Rauchmelder unter der Zimmerdecke montieren kann. Von dort soll es mehrere Personen gleichzeitig überwachen. Diese müssten dann nicht - wie jetzt noch erforderlich - im Bett liegen, sondern sie könnten sich frei im Raum bewegen. Sollte das wirklich funktionieren, könnte das Herzradar viele Leben retten.

Quelle: ntv.de