Wissen

Viele unerkannte Fälle Pandemie trifft Diabetiker besonders hart

252029564.jpg

Im ersten Pandemiejahr gab es laut Expertenbericht mehr Stoffwechselentgleisungen bei Kindern und Jugendlichen als zuvor.

(Foto: picture alliance/dpa)

Während der Corona-Krise werden Anzeichen einer Diabetes-Erkrankung in vielen Fällen nicht oder zu spät erkannt. Volle Krankenhäuser führen zudem häufig dazu, dass Kontrolluntersuchungen nicht regelmäßig wahrgenommen werden. Experten sprechen von einer "besorgniserregenden Entwicklung".

In Deutschland leben 8,5 Millionen Menschen mit einem diagnostizierten Typ-2-Diabetes - Tendenz steigend. Das geht aus dem aktuellen Deutschen Gesundheitsbericht Diabetes 2022 hervor, der im Vorfeld des Weltdiabetestages am 14. November vorgestellt wurde. Hinzu käme eine Dunkelziffer von mindestens zwei Millionen weiteren Betroffenen, heißt es in einer Mitteilung. Für die Zukunft rechnen die Experten damit, dass der Anteil der Diabetiker in der Bevölkerung steigt. Herausgegeben wird der jährlich erscheinende Bericht von der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) und diabetesDE - Deutsche Diabetes-Hilfe.

In dem Bericht gehen die Experten auch auf die speziellen Bedingungen von Diabetikern während der Corona-Pandemie ein. Im ersten Pandemiejahr habe es zum Beispiel mehr Stoffwechselentgleisungen bei Kindern und Jugendlichen gegeben, bei denen sich ein Typ-1-Diabetes gerade neu entwickelte. "In der ersten Phase der Covid-19-Pandemie lag der Fokus auf dem Infektionsgeschehen, andere Krankheitszeichen wurden entweder nicht wahrgenommen oder zu spät erkannt", sagte DDG-Präsident Andreas Neu. "In einzelnen Altersgruppen hat sich dadurch die Rate der schweren, teilweise lebensgefährlichen Stoffwechselentgleisungen nahezu verdoppelt. Dies ist eine besorgniserregende Entwicklung."

In Deutschland leben insgesamt fast 31.000 Kinder mit Diabetes vom Typ 1, jährlich erkranken etwa 3500 Kinder und Jugendliche neu. Die Neuerkrankungsrate habe in den vergangenen Jahren leicht zugenommen, teilte das Robert-Koch-Institut (RKI) mit. Bei Typ-1-Diabetes zerstört das Immunsystem die insulinbildenden Zellen der Bauchspeicheldrüse, die Betroffenen müssen dem Körper von außen Insulin zuführen.

Dabei setzen immer mehr Kinder und Jugendliche auf technologische Unterstützung: Mehr als 50 Prozent aller jungen Typ-1-Diabetiker nutzten nach RKI-Angaben 2019 eine Insulinpumpe. Das ist ein kleines Gerät, das am Körper getragen wird. Das Insulin wird über einen Schlauch und eine Nadel, die am Bauch in der Haut steckt, verabreicht.

Insulin in anderen Ländern zu teuer

Typ-2-Diabetes ist im Kindes- und Jugendalter sehr selten, so das RKI weiter. Diese Erkrankung tritt meist im höheren Lebensalter auf, begünstigt durch Übergewicht, schlechte Ernährung und Rauchen in jungen Jahren. Deutschlandweit waren im Jahr 2019 etwa 1000 Jugendliche zwischen 11 und 17 Jahren an Typ-2-Diabetes erkrankt. Auf die besondere Belastung von Diabetikern in Pandemiezeiten weist auch das Deutsche Diabetes-Zentrum hin. "Das eine ist ein höheres Risiko für einen schlechteren Verlauf einer Corona-Infektion. Andererseits kann es in den Extremphasen der Pandemie zu einem eingeschränkten Zugang zur Regelversorgung kommen", sagte der wissenschaftliche Geschäftsführer und Vorstand des Deutschen Diabetes-Zentrums, Michael Roden.

Mehr zum Thema

Problematisch kann sich zudem die hohe Belastung der Krankenhäuser auswirken. Aus der Praxis wisse man, dass Kliniken in der Ambulanz zeitweise keine Patienten annehmen konnten und dass Regeltermine über längere Zeit ausfallen können, sagte Roden, Direktor der Klinik für Endokrinologie und Diabetologie am Universitätsklinikum Düsseldorf. Diabetiker, die normalerweise von engen Kontrollen profitierten, könnten dann nicht mehr so engmaschig betreut werden. Engpässe bei der Versorgung mit Insulin seien ihm aber nicht bekannt.

In anderen Regionen der Welt haben Diabetiker hingegen Schwierigkeiten, an das lebensrettende Hormon zu kommen. Dafür gibt es nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) viele Gründe: Unter anderem seien die Gesundheitssysteme in zu vielen Ländern zu schwach, die Insulin-Preise seien zu hoch, getrieben durch die Popularität teurer Insulinanaloga, und der Wettbewerb sei gering, weil drei Hersteller den Markt dominierten. Insulin sei ein Milliardenmarkt geworden, kritisierte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus. "Die Wissenschaftler, die das Insulin vor 100 Jahren entdeckten, weigerten sich, daraus Profit zu ziehen und verkauften das Patent für nur einen Dollar", sagte er. Diese Geste der Solidarität gelte heute nicht mehr.

Quelle: ntv.de, chf/dpa

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen