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Auch Lösungen aus Deutschland So wollen Erfinder die Ozeane retten

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Das "Pacific Garbage Screening" der Aachener Architektin Marcella Hansch soll die Meere nach Plastikmüll durchkämmen.

Pacific Garbage Screening

Die Meere versinken im Plastikmüll. Retten wollen sie Erfinder wie der junge Niederländer Boyan Slat mit "The Ocean Cleanup". Aber auch in Deutschland tüfteln kreative Ingenieure an ganz eigenen Konzepten für eine maritime Müllabfuhr.

In einigen Jahrzehnten wird in den Ozeanen mehr Plastik schwimmen als Fische. Jedenfalls, was die Gesamtmasse betrifft, warnte bereits vor zwei Jahren eine vom Weltwirtschaftsforum veröffentlichte Studie. Seitdem ist das Problem der riesigen Plastikfelder auf den Ozeanen immer mehr ins öffentliche Bewusstsein gewandert. Und dank eifriger Erfinder wird nun zum großen Aufräumen geblasen.

Jedenfalls könnte man das meinen, wenn man den Medienrummel um den gerade mal 24 Jahre alte Niederländer Boyan Slat mitverfolgt. Sein als maritimer Müllsammler entwickeltes System "The Ocean Cleanup" hat mittlerweile sein Einsatzgebiet im Nordatlantik erreicht. Dort, wo der Great Pacific Garbage Patch (auf Deutsch etwa "Großer Pazifik-Müllfleck") treibt, einer der größten Müllwirbel überhaupt. Knapp 80.000 Tonnen Plastik sollen dort in einem in einem Gebiet von 1,6 Millionen Quadratkilometern schwimmen - etwa die dreifache Fläche Frankreichs.

Slats Erfindung soll dort nun aufräumen. Dabei handelt es sich um einen 600 Meter langen, zu einem U formbaren und mit allerlei Sensoren bestückten Schlauch mit Unterwasser-Vorhang. Er soll den nahe der Wasseroberfläche schwimmenden Müll konzentrieren. Schiffe sollen die Plastikreste schließlich einholen. An Land werden sie danach recycelt, so der Plan.

Müll in den Ozeanen

  • Mehr als 140 Millionen Tonnen Plastik sind bereits in den Weltmeeren.
  • Jedes Jahr kommen nach Schätzungen zwischen 5 und 13 Millionen Tonnen neu hinzu. Das entspricht einem Müllwagen voller Plastikmüll pro Minute.
  • Rund 80 Prozent des Mülls in den Meeren hat seinen Ursprung auf dem Land. Drei Viertel davon sind aus Plastik. Die mit Abstand größten Müllverursacher sind China, Indien und andere Staaten in Südostasien.
  • Etwa ein Siebtel des Mülls treibt an der Oberfläche, ein weiteres Siebtel wird an die Küsten gespült. Der Großteil jedoch sinkt auf den Meeresboden.
  • Bis sich eine Plastiktüte im Wasser zersetzt, dauert es mehrere Jahrzehnte. Bei Plastikflaschen sind es mehr als 400 Jahre. Auch Fischernetze treiben Hunderte von Jahren im Ozean.

Das hehre Ziel ist die Rettung der Ozeane vor den Müllmassen. Denn Abermillionen Flaschen, Tüten und vor allem viele zerrissene Fischernetze werden zu tödlichen Fallen für Meeresbewohner. Delfine und Meeresschildkröten verfangen sich im Plastikmüll, Wale verschlucken ihn bei der Nahrungsaufnahme. Andere Tiere wie etwa Muscheln sammeln den Kunststoff in ihrem Innern an, wodurch es auch auf dem Teller von Menschen landen kann.

Begleitet wird "The Ocean Cleanup" aber auch von kritischen Stimmen - so wird etwa angemahnt, dass nach Schätzungen nur drei bis fünf Prozent des in den Weltmeeren befindlichen Plastiks nahe der Oberfläche treibt. Die Sammelaktion weit draußen im Meer wäre damit ein Tropfen auf den heißen Stein.

Tüftler-Konkurrenz aus Deutschland

Aber auch Deutsche wollen mit Erfindergeist die Weltmeere retten und tüfteln an Konzepten zu maritimen Müllabfuhren. Bereits weit entwickelt ist die Idee des Vereins "One Earth - One Ocean", der vom bayerischen Umweltvisionär Günther Bonin gegründet wurde. Keine großen Fang-Anlagen, sondern kleine Katamarane, sogenannte "Seekühe", sollen den Plastikmüll aus dem Meer fischen. Die Herangehensweise unterscheidet sich aber auch noch in anderer Hinsicht von "The Ocean Cleanup".

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Der deutsche Müll-Katamaran "Seekuh" - er soll bereits an Flussmündungen den Plastikmüll einsammeln, bevor der aufs offene Meer gelangt.

(Foto: One Earth - One Ocean)

"Unser Ansatz ist, den Müll einzusammeln, bevor er in die Meere gelangt - an Flussmündungen und den Küstenregionen in der Nähe großer Städte", sagt Lennart Rölz, Schiffbauingenieur bei "One Earth - One Ocean", zu n-tv.de. Bereits 2016 ist der erste Prototyp des zehn mal zwölf Meter großen Müll-Katamarans in Lübeck vom Stapel gelaufen. Nach der jüngsten sechsmonatigen Testphase in Asien plant der Verein nun den nächsten Schritt.

"Wir sind dabei, eine neue Generation von Seekühen zu konzipieren", so Rölz. Diese sollen mit Förderbändern statt wie bisher mit Netzen den Plastikmüll einfangen - was auch die Meeresbewohner schonen soll. In einer weiteren Ausbaustufe sollen Versorgungsschiffe den gesammelten Müll der "Seekühe" aufnehmen und zu noch größeren Schiffen transportieren, den "Seeelefanten". Auf diesen wird das Plastik dann aufbereitet und recycelt. Bis Ende 2020 soll ein erstes dieser Verbund-Systeme gebaut und in Betrieb genommen werden.

Das Fernziel: Eine globale Meeres-Müllabfuhr mit einer ganzen Flotte aus "Seekühen" und "Seeelefanten" soll im Jahr 2030 großflächig operieren. Und dieser deutsche Lösungsvorschlag scheint bereits auf Zuspruch zu stoßen: "Verschiedene Länder haben schon ihr Interesse geäußert", sagt Rölz. Unter anderem aus dem asiatischen Raum - dort, wo die Einleitung von Plastikmüll in die Weltmeere am massivsten ist.

Architektin plant Meeres-Kamm

Einen anderen Ansatz zur Meeressäuberung wählt hingegen die deutsche Architektin Marcella Hansch mit ihrem Konzept "Pacific Garbage Screening". Sie will mit einer Art gewaltigem Meereskamm nicht nur das grobe Plastik, sondern winzig kleine Teile aus dem Wasser filtern.

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Querschnitt durch die riesige Konstruktion der Aachener Architektin - im Inneren soll das Meereswasser beruhigt werden, was dem Plastik Auftrieb verschafft.

(Foto: Pacific Garbage Screening)

Das Prinzip: Die gewaltige Konstruktion soll die Meeresströmung bremsen, kleine Plastikpartikel erhalten dadurch Auftrieb und gelangen an die Oberfläche. "Hier kann es nun auf einfachem Wege gesammelt und abgeschöpft werden - Netze, die die Meereslebewesen bedrohen würden, sind nicht nötig", erklärt Hansch.

Die Gefährdung von Lebewesen ist bei allen Meeresreinigern ein Thema. Kritiker hatten etwa bei "The Ocean Cleanup" bemängelt, dass die schwimmende Barriere Tieren gefährlich werden könnte - ein Vorwurf, den die Macher jedoch zurückweisen. Sie bekräftigen, alle notwendigen Vorkehrungen getroffen zu haben, um Gefahren zu minimieren.

Allerdings befindet sich das "Pacific Garbage Screening" der Deutschen im Gegensatz zum "Ocean Cleanup" noch in der Planungsphase. Auch ein Prototyp existiert noch nicht - Hansch will nun Geld einsammeln, um die Idee in den kommenden Jahren Realität werden zu lassen.

Helfer legen bereits selbst Hand an

Andere Ansätze, den Müll in den Weltmeeren mit Erfindungsreichtum zu begegnen, reichen von den fantastisch anmutenden Plänen des belgischen Architekten Vincent Callebaut, der ganze schwimmende Wolkenkratzer-Städte, sogenannte "Oceanscraper", aus aufbereitetem Abfall bauen will, bis zu der eher pragmatischen "Seabin" zweier Australier - einem See-Mülleimer, der durch das Ansaugen von Wasser vor allen Hafenbecken von Plastikresten befreien soll.

Während die Hightech-Projekte noch ihre Wirksamkeit unter Beweis stellen müssen, sind andere Aufräumarbeiten bereits in vollem Gange. An deutschen Küsten etwa beteiligen sich Fischer seit 2011 an dem Projekt "Fishing for Litter" - sie sammeln Plastikmüll, den sie mit ihren Netzen einfangen und bringen ihn zur Entsorgung an Land. Bei "Healthy Seas" fischen Taucher alte Fischernetze aus dem Meer, an Land werden sie dann zu Textilien recycelt.

Zum Thementag #Oceanminded zeigt n-tv am 30.10. mehrere Dokumentationen: 19.05 Uhr "Wohin die Reise geht – Forscher in der Antarktis, 20.15 Uhr "Müllkippe Meer – Kampf gegen den Plastikmüll", 21.05 Uhr "Planet Ocean 1", 22.10 Uhr "Planet Ocean 2".

Quelle: n-tv.de

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