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Gestoppte Studie von Astrazeneca Steht Corona-Impfstoff vor dem Scheitern?

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Bis zu 50.000 Menschen sollen an der Astrazeneca-Studie beteiligt sein.

(Foto: imago images/MiS)

Die Hoffnung auf ein Ende der Coronavirus-Pandemie ruhen auf der Entwicklung eines Impfstoffs. Während die Forschung zunächst in ungekanntem Tempo voranschreitet, folgt nun ein erster Dämpfer: Bei Tests mit einem vielversprechenden Impfstoff-Kandidaten erkrankt ein Proband. Was bedeutet das für den Kampf gegen das Virus?

Bisher war die Suche nach einem Corona-Impfstoff vor allem von Erfolgsmeldungen geprägt: Noch nie zuvor in der Geschichte wurden in so kurzer Zeit Impfstoffe gegen einen Erreger entwickelt. Mittlerweile sind laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) weltweit fast 180 Vakzine in der Entwicklung, mehr als 30 werden bereits an Menschen getestet. Russland und China haben sogar erste Zulassungen erteilt. Und auch deutsche Firmen mischen vorne mit: Das Mainzer Unternehmen Biontech etwa nannte seinen Impfstoff-Kandidaten jüngst "nahezu perfekt".

Doch nun der Rückschlag: Eine der am weitesten fortgeschrittenen und vielversprechendsten Impfstoff-Studien muss gestoppt werden. Ursache ist die Erkrankung eines Teilnehmers. Es handelt sich um den Impfstoff-Kandidaten des britisch-schwedischen Pharmakonzerns Astrazeneca mit dem Projektnamen "AZD1222". Er wird in der entscheidenden dritten Phase der klinischen Studien getestet. Weltweit sollen bis zu 50.000 Teilnehmer beteiligt sein. Die WHO hatte den Impfstoff als einen der führenden Kandidaten bezeichnet.

Was war geschehen? Bei einem der Probanden in Großbritannien wurde laut einem Bericht der "New York Times" eine transverse Myelitis festgestellt. Dabei handelt es sich um eine Entzündung des Rückenmarks, die oft durch Virusinfektionen ausgelöst wird. Ob die Erkrankung im direkten Zusammenhang mit der Impfung stehe, sei unklar, schrieb die Zeitung. Astrazeneca selbst äußerte sich nicht weiter zu der Erkrankung des Studienteilnehmers.

"Nichts Ungewöhnliches"

Was bedeutet das für den Kampf gegen das Coronavirus? Bei Astrazeneca bemüht man sich, Gelassenheit zu verbreiten. Das Unternehmen spricht von einem routinemäßigem Schritt, der unternommen werde, wenn bei einem der Studienteilnehmer eine unerklärbare Erkrankung auftrete. Dies gebe einem unabhängigen Ausschuss Zeit, die Daten zu überprüfen.

"Dass eine klinische Studie pausiert oder gestoppt wird, wenn bei Probanden unerwartete gesundheitliche Probleme auftreten, ist ein normales Vorgehen", heißt es auch in einer schriftlichen Einschätzung vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf auf Anfrage von ntv.de. Beim mittlerweile zugelassenen, wirksamen und als sehr sicher angesehenen neuen Ebola-Impfstoff Ervebo hätte es ebenfalls eine Unterbrechung in der ersten Phase der Studie gegeben, heißt es weiter. Grund seien damals Gelenkbeschwerden gewesen - nach Klärung und Bewertung der Nebenwirkung sei die klinische Prüfung "erfolgreich weitergeführt" worden.

Auch laut Timo Ulrichs, Infektionsepidemiologe von der Akkon Hochschule Berlin, ist der Stopp der Astrazeneca-Studie "nichts Ungewöhnliches". "Deswegen machen wir die Phase drei der klinischen Testung", sagte Ulrichs im Gespräch mit ntv. Ungewöhnlich sei es eher andersrum, so wie es in Russland erzählt wurde, dass der russische Impfstoff überhaupt keine Nebenwirkungen habe. "Da würde man eher skeptisch sein." Ulrichs betont aber auch: "Es muss klar sein, dass die Ergebnisse der Phase drei der klinischen Testung belastbar sind. Das heißt, dass unerwünschte Nebenwirkungen abgeklärt sind. Das kann dazu führen, dass sich das Ganze etwas verzögert."

Die britisch-kanadische Epidemiologin Ellie Murray schrieb auf Twitter zu der Frage, ob es sich beim Vorfall der Studien um "eine große Sache" handele: "Die ehrliche Antwort darauf ist, wir wissen es noch nicht." Ob es eine schlechte Nachricht für den Impfstoff sei, hänge davon ab, um was für einen Vorfall es sich handele und ob man ausschließen könne, dass der Impfstoff die Ursache dafür sei. Dies sei etwa dann der Fall, wenn der Proband etwa nicht Teil des Impfstoff-Tests der Studie sei, also wie andere auch das Placebo erhielt. Auch könne generell ein langer Vorlauf einer Erkrankung eine Beteiligung des Impfstoffs ausschließen, so Murray.

Impfstoff kein Selbstläufer

Dennoch dürfte die Unterbrechung der Studie die Hoffnung auf eine baldige Zulassung dämpfen. Der britische Gesundheitsminister Matt Hancock erklärte dennoch, es sei nicht zwangsläufig ein Rückschlag. Das hänge von den Untersuchungsergebnissen des Vorfalls ab. Das amerikanische National Institutes of Health, das die Studie finanziell unterstützt, lehnte eine Stellungnahme ab.

Deutlich wird, dass trotz der vielversprechenden Entwicklungen der vergangenen Monate noch nicht mit Sicherheit feststeht, ob es tatsächlich gelingt, einen Impfstoff gegen das Coronavirus zu entwickeln. "Es ist nach wie vor durchaus möglich, dass wir, wie bei anderen Coronaviren, keinen Impfstoff hinbekommen", hatte der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach noch vor ein paar Wochen in einem Interview im Deutschlandfunk gesagt. "Wir haben es ja auch bei den anderen nicht geschafft."

Was die Suche nach einem Corona-Impfstoff angeht, ist Infektionsepidemiologe Ulrichs jedoch weiter optimistisch: "Wir haben ja nicht nur einen Impfstoff in der Entwicklungspipeline, sondern gleich mehrere. Von daher ist die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass sich davon einige bewähren werden und eben auch zugelassen werden."

Quelle: ntv.de