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Studie zu Öffnungsversuch Tübinger Modell ließ Fallzahlen wohl steigen

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Mitte März durften Einwohner in der Tübinger Innenstadt nach Vorlage eines negativen Schnelltests Bummeln und Kaffeetrinken, sogar Kinos und Büchereien waren geöffnet.

(Foto: picture alliance / Eibner-Pressefoto)

Die testbasierten Öffnungen in Tübingen sorgten seit März bundesweit für Aufsehen. Inzwischen ist das Modellprojekt gestoppt. Die Frage, wie gefährlich der Versuch wirklich war, bleibt aber. Eine neue Studie gibt nun erste Antworten.

Zurück zum normalen Leben - das war die Idee hinter dem Modellprojekt in Tübingen. Der Versuch sorgte Mitte März für viel Diskussionsstoff. Denn trotz steigender Infektionszahlen öffnete die Stadt mitten in der dritten Corona-Welle Einzelhandel, Kultur und zeitweise sogar die Außengastronomie unter Auflagen. Flächendeckendes Testen sollte Corona-Fälle aufspüren und so betreffende Personen in Quarantäne geschickt werden können, damit sie niemanden mehr ansteckten. Alle anderen konnten die Freiheit genießen. Inzwischen ist das Tübinger Modell gestoppt. Doch welche Auswirkungen hatten die Öffnungen auf das Infektionsgeschehen in der Stadt?

Eine neue Studie kommt nun zu dem Ergebnis, dass sich durch das Projekt "Öffnen mit Sicherheit" in Tübingen mehr Menschen mit Sars-CoV-2 angesteckt haben, als es ohne das Projekt der Fall gewesen wäre. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz (JGU), der Eberhard Karls Universität Tübingen und der University of Southern Denmark verglichen dafür die Entwicklung der Infektionszahlen in Tübingen mit der Entwicklung in ähnlichen Städten.

Mithilfe der "Synthetic Control Method" bestimmten die Forscher diejenigen Landkreise und kreisfreien Städte in Baden-Württemberg, die mit Tübingen nach der Entwicklung der Corona-Fallzahlen bis Mitte März und nach bestimmten Strukturmerkmalen am stärksten übereinstimmten - etwa der Bevölkerungsdichte, dem Durchschnittsalter der Bevölkerung und dem Angebot an Ärzten und Apotheken. So fiel die Wahl auf Heidelberg und Freiburg im Breisgau, die ebenfalls Universitätsstädte mit einer vergleichbaren Einwohnerzahl sind. Mit einer geringeren Gewichtung wurden auch die Landkreise Enzkreis und Heilbronn in die synthetische Kontrolle einbezogen.

Positiver Effekt der Schnelltests?

Aus den Infektionszahlen der Städte berechnete das Forscherteam einen Durchschnitt, der den Infektionszahlen entsprechen könnte, die Tübingen ohne das Modellprojekt ab dem 16. März gehabt hätte. "Dabei beobachten wir ab Ende März eine deutliche Zunahme der Infektionszahlen in Tübingen gegenüber denen der Kontrollgruppe", sagt Klaus Wälde, Volkswirt an der JGU und Leiter der Studie.

Den größten Unterschied berechneten er und seine Kolleginnen und Kollegen für Anfang April: "Dann lag die Sieben-Tage-Inzidenz in Tübingen bei 144, während sie für die Kontrollgruppe bei 100 liegt", sagt Wälde. Für die folgenden Tage nimmt der berechnete Unterschied ab, bis die Infektionszahlen am 13. April, dem Ende des Beobachtungszeitraums, in Tübingen nur noch knapp über denen der Kontrollgruppe liegen. "Möglicherweise ist das damit zu erklären, dass am 1. April die Außengastronomie von dem Modellprojekt ausgenommen und wieder geschlossen wurde und dass ab dann auch niemand mehr von außerhalb des Landkreises Tübingen an dem Projekt teilnehmen durfte. Möglicherweise sehen wir hier aber auch den positiven Effekt der durch die zusätzlichen Schnelltests zusätzlich identifizierten Infektionen", sagt Wälde.

Das Forscherteam berechnete auch, welchen Anteil die durch die überdurchschnittlich vielen Schnelltests zusätzlich entdeckten Infektionen an den unterschiedlichen Zahlen für Tübingen und die Kontrollgruppe haben könnten: Demnach verringert sich zum Beispiel der Unterschied in der Sieben-Tage-Inzidenz zwischen Tübingen und der Kontrollgruppe für den 4. April von 46 auf etwa 33 Punkte. "Unsere Rechnungen zeigen, dass die Zunahme bei der Inzidenz durch das vermehrte Testen zu einem nicht unbeträchtlichen Teil, aber nicht vollständig erklärt werden kann", sagt Wälde.

Quelle: ntv.de, hny

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