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Remdesivir ist raus WHO setzt auf Antikörper und Steroide

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Antikörper blockieren Coronaviren, indem sie an sie andocken.

(Foto: imago images/Science Photo Library)

Medikamentenbestellungen für ärmere Länder zeigen, dass die WHO offenbar bei der Bekämpfung von Covid-19 vor allem auf monoklonale Antikörper und Steroide setzt. Das bereits weltweit zur Behandlung eingesetzte Remdesivir steht dagegen nicht auf der Einkaufsliste.

Die Weltgesundheitsorganisation setzt im Kampf gegen Corona in ärmeren Ländern vor allem auf die noch experimentelle Behandlung mit monoklonalen Antikörpern sowie den Einsatz von Steroiden. Das geht aus dem Entwurf eines Dokumentes der WHO hervor, in das die Nachrichtenagentur Reuters Einblick hatte. Das weltweit zugelassene Remdesivir steht dagegen nicht auf der Liste der bevorzugten WHO-Medikamente. Reuters weist darauf hin, dass der Entwurf noch geändert werden könnte, dieser aber schon kurz vor der Veröffentlichung stehe.

7,4 Milliarden für weltweiten Einsatz

Das Programm ist der sogenannte Access to Covid-19 Tools Accelerator (ACT Accelerator), den die WHO im April startete, um im Kampf gegen die Corona-Pandemie eine weltweite Zusammenarbeit bei Entwicklung und Herstellung von Impfstoffen und Medikamenten sowie deren gerechte Verteilung zu ermöglichen. Geleitet wird das Programm gemeinsam von der Wohltätigkeitsorganisation Wellcome Trust und Unitaid, einer Gesundheitspartnerschaft der WHO.

Bei einer internationalen Geberkonferenz verpflichteten sich mehr als 40 Länder, UN-Gremien und gemeinnützige Stiftungen, insgesamt rund 7,4 Milliarden Euro für die Erforschung und Entwicklung von Coronavirus-Lösungen bereitzustellen. Das Dokument legt erstmals dar, wie dieses Geld eingesetzt werden soll. Demnach sind die beiden vorrangigen Ziele, monoklonale Antikörper in einem engen Markt zu sichern und die Verteilung des günstigen Steroids Dexamethason zu forcieren.

Monoklonale Antikörper vor Impfstoff?

Reuters zufolge soll mehr als die Hälfte des Geldes für die Beschaffung und Verteilung monoklonaler Antikörper verwendet werden. Dem Dokument zufolge geht die WHO davon aus, dass entsprechende Medikamente die Situation entscheidend verändern könnten. Allerdings seien sie bisher knapp bemessen.

Monoklonale Antikörper heißen so, da sie auf eine einzige B-Zellen-Linie zurückgehen. Das Erbgut dieser B-Zelle wird geklont, und so können - etwa in Zellkulturen - identische Antikörper produziert werden. Wie das Original haften sich diese Eiweiß-Moleküle an Eindringlinge wie Sars-CoV-2 und verhindern damit, dass diese an Zellen andocken und eindringen. Außerdem markieren sie die Angreifer, damit sie andere Teile des Immunsystems erkennen und bekämpfen können.

Bisher ist noch kein Antikörper-Medikament gegen Covid-19 zugelassen, aber Fachleute wie US-Immunologe Anthony Fauci erwarten, dass sie noch vor Impfstoffen eingesetzt werden können. Insofern ergibt das Engagement der WHO für monoklonale Antikörper Sinn. Sicher ist deren Erfolg aber nicht.

Antikörper wirken wohl nur präventiv

Unter anderem stoppte kürzlich der US-Pharmakonzern Eli Lilly seine laufende Studie mit Probanden. Dem Statement des Unternehmens zufolge hatte ihr Wirkstoff Bamlanivimab bei hospitalisierten Patienten keine beziehungsweise zu wenig Wirkung gezeigt. Ähnlich erging es dem US-Konkurrenten Regeneron mit seinem Medikament REGN-COV2. Aufgrund der Empfehlung einer unabhängigen Sicherheitsüberprüfung stellte der Konzern Studien mit Patienten, die beatmet werden müssen, vorerst ein. Allerdings bekommen andere hospitalisierte Patienten das Medikament weiter.

Für Experten sind die Ergebnisse keine Überraschung. "Die Gabe von neutralisierenden Antikörpern ist mechanistisch betrachtet eigentlich nur in der Frühphase der Infektion, in der noch eine hohe Virusvermehrung stattfindet, sinnvoll", sagte beispielsweise Leif-Erik Sander, Leiter der Forschungsgruppe Infektionsimmunologie und Impfstoffforschung an der Berliner Charité, dem Science Media Center. "In der späteren Phase wird die Erkrankung vor allem durch eine fehlgeleitete Immunreaktion befeuert. Meist bilden die Patienten in dieser Phase schon selbst neutralisierende Antikörper."

Passive Immunisierung

Für Sander ist es aber vorstellbar, dass neutralisierende Antikörper als eine passive Immunisierung eingesetzt werden könnten. "Dies könnte man sich zum Beispiel bei einem Ausbruch in einem Pflegeheim vorstellen. Auch Patienten mit angeborenen oder erworbenen Störungen der eigenen Antikörperbildung könnten von diesen Medikamenten profitieren."

Das WHO-Programm hat sich für 320 Millionen Dollar Produktionskapazitäten für monoklonale Antikörper einer Anlage von Fujifilm Diosynth Biotechnologies in Dänemark gesichert. Dem Dokument nach soll dies für etwa 4 Millionen Dosen ausreichen. Weitere 110 Millionen Dollar sind für behördliche Zulassungen und andere Marktvorbereitungsverfahren vorgesehen, mit 220 Millionen Dollar sollen klinische Studien finanziert werden. Reuters zufolge führen auch andere Hersteller wie Roche, Regeneron oder Novartis Gespräche mit Vertretern des Programms.

Dexamethason hilft beatmeten Patienten

Dexamethason ist ein sogenanntes Kortikosteroid. Eigentlich ist es vor allem zur Behandlung von Entzündungskrankheiten und zur Verringerung der körpereigenen Immunantwort bei der Behandlung von Allergien und Autoimmunerkrankungen vorgesehen. Da Entzündungen bei vielen schweren Covid-19-Verläufen auftreten, könnte das Medikament auch bei der Behandlung dieser Krankheit eine wichtige Rolle spielen.

Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) befürwortet den Einsatz von Dexamethason bei Patienten, die eine Sauerstofftherapie benötigen. Sie hat Ergebnisse der RECOVERY-Studie der Universität Oxford ausgewertet, die schon seit März verschiedene Behandlungsmethoden von Sars-CoV-2-Infektionen untersucht. Den Ergebnissen nach zeigt das Medikament vor allem bei künstlich beatmeten Patienten eine deutliche erhöhte Überlebenschance. Mit Dexamethason starben 29 Prozent innerhalb von 28 Tagen nach Beginn der Behandlung, schreibt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Dagegen seien 41 Prozent der Patienten gestorben, die die übliche Behandlung erhielten.

Eine Unitaid-Sprecherin sagte Reuters, das Steroid Dexamethason und seine Alternative Hydrocortison seien unter den bereits bekannten Medikamenten die vielversprechendsten. Dagegen werde das ursprünglich für den Einsatz gegen Ebola erprobte Remdesivir weder beschafft noch finanziert.

EU und Deutschland kaufen weiter Remdesivir

Das kommt nicht überraschend, da eine Studie der WHO Mitte Oktober zu dem Ergebnis gekommen war, dass der Wirkstoff des US-Herstellers Gilead Sciences wenig oder gar keinen Nutzen bei der Behandlung von Covid-19-Patienten zeigt. Dem steht allerdings eine Studie des New England Journal of Medicine gegenüber, deren finale Fassung gestern veröffentlicht wurde. Sie kommt unter anderem zu dem Ergebnis, dass mit Remdesivir behandelte Patienten eine mittlere Erholungszeit von zehn Tagen hatten, während die Placebo-Gruppe 15 Tage benötigte.

Auch Regierungen setzen weiter auf Remdesivir. Unter anderem kündigte Reuters zufolge Deutschland in dieser Woche den Kauf von mehr als 150.000 Dosen an. Am 7. Oktober unterzeichnete die EU-Kommission mit Gilead einen Rahmenvertrag über die gemeinsame Beschaffung von bis zu 500.000 Behandlungszyklen.

Quelle: ntv.de

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