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Harmlose Tics oder Krankheit? Wenn das Kind ständig zuckt

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Experten sehen mehrere Gründe als Ursache von Tics.

(Foto: imago images/Andia)

Tics treten bei etwa jedem zehnten Kind auf. Die Zwangsstörungen sind meistens harmlos und verschwinden mit der Zeit wieder. Doch aus dem chronischem Räuspern oder Zucken kann sich auch ein Tourette-Syndrom entwickeln - mit schwerwiegenden Folgen.

Sie blinzeln mit den Augen, reißen unvermittelt den Mund auf, klatschen oder hüpfen ohne Anlass: Sogenannte Tics treten bei Kindern gar nicht so selten auf. Meist verschwinden diese unkontrollierbaren Störungen bald wieder. In einigen Fällen werden Tics chronisch - diese Krankheit ist in ihrer schweren Form als Tourette-Syndrom bekannt.

Experten zufolge treten Tics in der leichten Form bei etwa zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren auf, meist im Grundschulalter. Sie gehören damit zu den häufigsten psychiatrisch-neurologischen Störungen. Jungen entwickeln demnach drei- bis viermal häufiger Tics als Mädchen. In jedem zehnten Fall wird die Erkrankung chronisch, das heißt, sie dauert mindestens ein Jahr.

"Viele Betroffene haben Ticstörungen, ohne dass es auffällt oder sie belastet", sagt Veit Roessner, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie am Universitätsklinikum Dresden. Zu Roessner kommen aber auch die behandlungsbedürftigen Fälle. Das Uniklinikum hat eine deutschlandweit einmalige Spezialstation für Tic- und Zwangsstörungen. Die Therapie dauert dort im Schnitt drei Monate, die Wartelisten sind lang. Zudem betreuen die Dresdner Experten mindestens 200 Kinder und Jugendliche pro Jahr ambulant.

Ausgeprägte Tics und besonders das Tourette-Syndrom - wenn also mindestens ein vokaler und zwei motorische Tics mindestens ein Jahr anhalten - machen Betroffene oft zu Außenseitern. Die spontanen und unkontrolliertbaren Bewegungen und Lautäußerungen irritieren Mitmenschen, lösen Unverständnis oder Spott aus. Gerade Kinder und Jugendliche können wegen ihrer Ticstörungen mit sozialem Rückzug reagieren, wollen nicht mehr in die Schule gehen oder sich mit Freunden treffen. Konzentration und Leistungsfähigkeit leiden durch die permanente Anstrengung, Tics zu verbergen.

Vollständige Heilung gibt es nicht

Zu den Behandlungsoptionen gehören Entspannungstechniken und Verhaltenstherapien, um den Tics auslösenden Reiz zu mindern. Auch Medikamente sind eine Option. Sie können Tics aber nicht vollständig unterdrücken, sondern nur so weit lindern, dass die Betroffenen ins soziale Leben zurückfinden. Heilbar sind Tics nicht. "Aber eine Therapie kann dazu führen, Tics als Kernsymptom dauerhaft zu reduzieren - also die Spitzen abzuschneiden", sagt Roessner.

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Als Ursachen von Tics werden Stoffwechselstörungen im Gehirn angenommen. Roessner zufolge gibt es zudem "viele Gene, die das Risiko erhöhen". Auch Umweltfaktoren können eine Rolle spielen. Ticstörungen treten oftmals zusammen mit dem Aufmerksamkeits-Defizit-(Hyperaktivitäts)-Syndrom (ADS/ADHS) oder mit Zwangsstörungen auf. "Wer als Kind unter Tics gelitten hat, hat als Erwachsener ein hohes Risiko für Zwangsstörungen", sagt Roessner.

Die gute Nachricht ist aber: Meist verschwinden alle Tics wieder nach dem Grundschulalter. Eine Behandlung ist oft gar nicht nötig. Eltern und Mitmenschen brauchen jedoch Geduld. Ermahnungen, mit dem Räuspern oder Zucken aufzuhören, nützen nichts und setzen die Betroffenen nur zusätzlich unter Stress. Denn Tics können gar nicht oder nur kurz unterdrückt werden, weshalb die Stiftung Kindergesundheit sie mit einer Art "Schluckauf im Gehirn" vergleicht.

Quelle: ntv.de, Andrea Hentschel, AFP

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