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"Zappelphilipp" als Erwachsener ADHS verwächst sich nicht

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Viele Erwachsene mit ADHS sind in kreativen Berufen besser aufgehoben.

(Foto: imago images / Westend61)

Wenig Konzentration und schlechte Schulnoten: ADHS wird oft als Kinderkrankheit eingeordnet. Doch nun findet eine Studie heraus, dass nur die Wenigsten aus der Krankheit "herauswachsen". Die meisten leiden auch im Erwachsenenalter unter Symptomen - wenn auch mit Schwankungen.

"Zappelphilipp" oder "Energiebündel" werden sie oft genannt. Kinder mit der Diagnose Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) scheinen oft schier endlose Energie zu haben. Diese gezielt einzusetzen, fällt ihnen jedoch häufig schwer. In der Schule macht sich dies besonders bemerkbar - für die Schüler ist es nicht leicht, dem Unterricht zu folgen, Hausaufgaben zu erledigen oder am Platz sitzen zu bleiben. Lange wurde angenommen, es handele sich bei ADHS um eine Kinderkrankheit - ganz nach dem Motto: Mit dem Erwachsenwerden kommen auch Ruhe und Konzentration.

Das ist insofern richtig, als dass sich die Krankheit niemals erst im Erwachsenenalter entwickelt - ihre Ursprünge liegen immer in der Kindheit. Allerdings ist seit einiger Zeit bekannt, dass sich die neurobiologische Störung nicht immer mit dem Erwachsenwerden zurückentwickelt. Im Gegenteil: Die Diagnosen von ADHS bei 18- bis 69-Jährigen werden immer häufiger, wie eine bundesweite Auswertung der Krankenkassendaten aus dem Jahr 2017 zeigte. Anders als bei Kindern und Jugendlichen äußert sich die Krankheit bei den Älteren allerdings weniger durch körperliche Hyperaktivität als vielmehr durch verbale Impulsivität, Schwierigkeiten bei der Entscheidungsfindung, innere Unruhe, Stimmungsschwankungen und schließlich das berühmte "Nicht-Denken vor dem Handeln".

Nach jahrzehntelanger Forschung schätzten Experten bisher, dass sich ADHS bei rund der Hälfte aller Patienten im Erwachsenenalter zurückbildet. Nun hat ein Team um die US-Psychologin und Wissenschaftlerin vom Seattle Children's Research Institute, Margaret Sibley, herausgefunden, dass weitaus weniger Menschen aus der Krankheit "herauswachsen", als bisher angenommen.

9 von 10 jungen Erwachsenen mit Symptomen

Die Ergebnisse ihrer Langzeitstudie deuten demnach darauf hin, dass "mehr als 90 Prozent der Personen mit ADHS in der Kindheit zumindest bis ins junge Erwachsenenalter mit verbleibenden, wenn auch manchmal schwankenden Symptomen und Beeinträchtigungen zu kämpfen haben werden", heißt es im Fachjournal "American Journal of Psychiatry". Wiederkehrende Symptome der Krankheit waren somit "eher die Regel als die Ausnahme".

Das Ziel der Studie war es, das Auftreten und Verschwinden der ADHS-Symptome von der Kindheit bis ins junge Erwachsenenalter zu verstehen. Dafür begleiteten Sibley und ihre Kollegen 558 Patienten. Sie untersuchten die Heranwachsenden innerhalb von 16 Jahren insgesamt acht Mal, sprachen auch mit Eltern und Lehrern.

Besonders auffällig an ihren Ergebnissen war die starke Fluktuation von Symptomen wie Impulsivität, Konzentrationsstörung oder Unruhe. Denn es war zwar bei jeder Untersuchung rund die Hälfte aller Teilnehmer symptomfrei, allerdings waren es nicht immer dieselben. Die meisten Erkrankten, rund 63,8 Prozent, erlebten im Laufe der Zeit ein Auf und Ab ihrer Symptome. Nur 9,1 Prozent wurden bei der letzten Untersuchung im Alter von 25 Jahren als gesund eingestuft. Die meisten leiden weiterhin unter beeinträchtigenden, wenn auch oft unterschwelligen ADHS-Symptomen, schreiben die Wissenschaftler. Das Muster zeige, "dass es sich bei ADHS eher um eine dynamische als um eine statische Störung handelt", bilanziert die Studie.

Leben mit Schwankungen

Das unterstreicht auch die Zahl derer, die tatsächlich bei allen Untersuchungen Symptome zeigten. Denn trotz der hohen Quote an ADHS-Erkrankten im Erwachsenenalter haben nur 10,8 Prozent der Teilnehmer durchgängig mit der Krankheit zu kämpfen. Die meisten derer, die sich nicht erholen, so schreiben die Wissenschaftler, erleben ein vorübergehendes Nachlassen der Symptome.

Für Sibley ist das Ergebnis der Studie vor allem für die Behandlung von entscheidender Bedeutung. Wenn die Symptome typischerweise nur vorübergehend verschwinden, müsse das für Ärzte, Patienten und Familien heißen, dass ein fortgesetztes ADHS-Screening erforderlich ist. Andererseits müsse "bei einem erneuten Auftreten von Symptomen schnell reagiert werden". Die Mischung aus hoher Erblichkeit und Umwelteinflüssen könnte die Ursache für die schwankenden Symptome sein, vermuten Sibley und ihr Team. So können Umzüge, ein wechselnder Lehrer oder Vorgesetzter wie auch ein Schulwechsel durchaus zum Wiederaufkeimen der ADHS führen.

Die Forscher stellen klar: Bei der Bewertung und Behandlung von ADHS sollen Faktoren, die Symptomschwankungen beeinflussen können wie die körperliche Gesundheit oder Veränderungen in der Umwelt "über die gesamte Lebensspanne eine zentrale Rolle spielen". Das Nichtvorhandensein von Symptomen zu einem einzigen Zeitpunkt könne nicht mit einer Genesung von ADHS gleichgesetzt werden.

"Dinge sind mal unkontrollierbar"

Die Studie bestätigt auch, dass die meisten Rückfälle von ADHS im Erwachsenenalter beginnen. Allerdings wurde die Studie inzwischen abgebrochen, Daten über den weiteren Verlauf der Erkrankung fehlen. Trotzdem rät Sibley, die Krankheit bei der Lebensplanung zu berücksichtigen. "Es ist wichtig, dass Menschen, bei denen ADHS diagnostiziert wurde, verstehen, dass es normal ist, dass es Zeiten im Leben gibt, in denen die Dinge eher unkontrollierbar sind, und andere Zeiten, in denen man die Dinge besser unter Kontrolle hat", zitiert sie das US-Fachmagazin "Neurologyadvisor".

Patienten sollten Berufe oder Lebensaufgaben finden, die durch ADHS nicht beeinträchtigt werden, sagt die Psychologin und Verhaltensforscherin. Oft sind das eher kreative Berufe wie Schauspieler oder Schriftsteller. So erzählte der Autor Benjamin von Stuckrad-Barre bereits von seiner "natürlichen Grundübersteigertheit" als Symptom seiner ADHS-Erkrankung. Auch der US-Schauspieler Will Smith oder die Olympia-Sportler Michael Phelps und Simone Biles leiden auch im Erwachsenenalter unter der neurobiologischen Störung. ADHS kann somit durchaus zu Schwierigkeiten im Schulunterricht führen, muss aber keineswegs den Erfolg im Leben verhindern.

Quelle: ntv.de

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